Bildung, Freizeit, Soziales

Zum Lehramte und zu der Gemeindeschreiberei unbrauchbar

Nachdem der Fürstbischof 1770 das Lehrerseminar in Würzburg gegründet hatte, kamen auch nach Güntersleben nur noch Lehrer, die eine erfolgreich abgeschlossene Ausbildung und Prüfung vorweisen konnten. Wie sich zeigte, waren damit aber noch lange keine stabilen Schulverhältnisse garantiert. Der Reihe nach waren in Güntersleben die Schulmeister, die einen von Anfang an, die anderen mit fortschreitender Dienstzeit, den Anforderungen ihres Amtes nicht gewachsen.

1880 Schulklasse Ca. 1880

Günterslebener Schulklasse mit ihrem Lehrer. Um 1880.

Kaspar Seyffert – wegen Untätigkeit und dgl. seines Dienstes entsetzt

Kaspar Seyffert aus Stockheim an der Rhön übernahm 1785 die Schulleitung in Güntersleben, um schon nach wenigen Jahren „wegen seinem unsittlichen Betragen sowohl als wegen seiner Untätigkeit und dgl. seines Dienstes unwürdig erachtet und entsetzt“ zu werden. Erst 54 Jahre alt und schon nicht mehr im Dienst, fand er 1796 ein tragisches Ende. Französische Soldaten, die auf dem Rückzug plündernd und mordend durch das Dorf zogen, erschossen ihn in seinem Haus.

Die Nachricht vom unrühmlichen Dienstabgang Seyfferts wie die für heutige Gepflogenheiten recht drastische Darstellung der Gründe findet sich erst 20 Jahre später im Protokollbuch der Ortsarmenkommission. Die hatte sich damals mit einem Gesuch von Seyfferts Tochter um Unterstützung zu befassen. Die hatte im Jahr zuvor ein Kind geboren, nachdem sie nach ihren Angaben von einem russischen Soldaten in einem Nachbarort vergewaltigt worden war. Sie gab an, dass sie „gar kein Vermögen besitze und nicht einmal die Blöße meines Leibs bedecken kann.“ Die Günterslebener Räte beeindruckte das nicht. Sie hielten ihr entgegen, dass ihr Unglück nur „ihrem Ungehorsam, Eigensinn und Freiheitsgefühle zuzumessen“ sei, weil sie Güntersleben, wo sie in Dienst hätte gehen können, verlassen habe. Sie verdiene „weder hinsichtlich ihres Vaters noch hinsichtlich ihres unmoralischen Betragens bemitleidet zu werden“. Würde die Gemeinde verpflichtet, „zur Erziehung ihres Kindes nur den geringsten Beitrag zu tun, so würden derlei Gesuche nie zu Ende kommen und Hurerei gleichsam begünstiget und befördert.“ Damit war der Fall abgehandelt.

 

Valentin Faulhaber – dem Trunke ergeben

Der Nachfolger von Seyffert war der Lehrer Valentin Faulhaber. Als einziger Lehrer, nur unterstützt durch einen Kantor, hatte er über 100 Kinder zu unterrichten. Mit seinen weiteren Aufgaben als Gemeindeschreiber und Kirchendiener war das ein großes Pensum, das er aber viele Jahre offenbar ohne Beanstandungen bewältigte. 1818 heiratete sein ältester Sohn Simon eine Tochter des Engelwirts Johann Fritz und pachtete dessen Wirtshaus unten an der Langgasse, wo jetzt das Ärztehaus steht. Wie es scheint, fand der Vater neben seinen vielfältigen Aufgaben auch noch Zeit, zur Umsatzsteigerung im Wirtshaus seines Sohnes persönlich beizutragen. Vielleicht war es auch der Stress, der ihn zum Glase greifen ließ.

Die Folge war, dass auch die Schullaufbahn des Lehrers Faulhaber vorzeitig endete. Mit Verfügung vom 18. Dezember 1820 versetzte ihn die Kgl. Regierung „als Lehrer, Gemeindeschreiber und Kirchendiener gegen Bezug einer jährlichen Pension von 150 Gulden mit Entfernung aus dem Schulhause“ mit 56 Jahren in den Ruhestand. Zur Begründung heißt es in der Verfügung, dass „der Lehrer Faulhaber dem Trunke ergeben, zum Lehramte und zu der Gemeindeschreiberei unbrauchbar“ sei.

 

Karl Joseph Roth – wegen sittlicher Verfehlungen dienstenthoben und flüchtig

Um die Pension zu finanzieren, kürzte die Gemeinde dem Nachfolger Karl Joseph Roth die nächsten 20 Jahre, die Faulhaber noch lebte, das Gehalt entsprechend. Roth war jahrzehntelang ein überaus geschätzter Lehrer und Kirchenmusiker. „Als Sänger ein tüchtiger Tenorist, ein gewandter Orgelspieler und ein sehr guter Violinist“, ist in seinem Personalbogen zu lesen. Er war wohl auch eine selbstbewusste Persönlichkeit, so dass ihm der Pfarrer 1842 bescheinigte, er folge „den Anordnungen seiner Vorgesetzten nur, wenn es ihm gefällig ist.“ Auch als Gemeindeschreiber hatte er schon mal Ärger mit dem Prüfer der vorgesetzten Behörde. Als er den Verdacht äußerte, dass es diesem bei seinen Beanstandungen nur darum gehe, die Schreibarbeiten selbst zu übernehmen, und – für damals reichlich mutig – hinzusetzte, dass der Prüfer „mit diesem einem armen Schullehrer entziehenden Verdienst doch nicht selig werde“, brachte ihm das einen Verweis „wegen seiner ungebührlichen Sprache“ ein.

Nach mehr als 30 Jahren ansonsten untadeliger Dienstführung kamen 1854 Gerüchte in Umlauf, wonach der – seit einem Jahr verwitwete – Lehrer Roth „sich der Verführung schulpflichtiger Mädchen schuldig gemacht habe“. Roth stellte zwar die Anschuldigungen mit Nachdruck als Verleumdung in Abrede. Nachdem sich der Verdacht aber erhärtete, wurde er unter Aberkennung jeglicher Versorgungsbezüge aus dem Schuldienst entlassen. Wie es ihm danach erging, schildert er in einem Bittgesuch an die Regierung vom 28. September 1856 selbst: „Wie einer Höchsten Kreisstelle bekannt, wurde ich wegen eines sittlichen Vergehens, das ich nicht ganz entschuldigen kann, in Folge disciplinarer Einschreitung von meiner Stelle als Schullehrer, Kirchner und Gemeindeschreiber zu Güntersleben entlassen. Ich ent­setz­te mich über den plötzlichen Verlust meiner Stelle und entfloh in geistiger Verwirrung und niedergedrückt von Scham im Juli 1854 nach New York. Ohne alles Vermögen, ohne Kenntnis der Sprache konnte ich daselbst kein Unterkommen finden; auch trieb mich die Sorge und der Kummer um meine zurückgelassenen Kinder am 3. Juni 1855 wieder in mein Vaterland…“ Seine trostlose Lage fasste er so zusammen: „Ich besitze zur Zeit nicht das Mindeste an Vermögen.“

Die Regierung fühlte sich nicht zuständig und verwies Roth an die Gemeinde Güntersleben. Dort landete sein Gesuch beim Armenpflegschaftsrat, der gleichermaßen eine finanzielle Unterstützung versagte, sich aber seiner gesetzlichen Verpflichtung doch nicht ganz entziehen konnte: „In Rücksicht auf die Alimentationspflicht, welche der Gemeinde zusteht, wird demselben jedoch eine Materialunterstützung durch Kosttage nicht versagt werden, wenn sich derselbe vorschriftsgemäß bei dem Armenpflegschaftsrate stellen und sein Gesuch vorbringen wird.“ Welch eine Demütigung für ihren langjährigen Schulleiter, dass er sich jeden Tag reihum einem anderen Haushalt zur Verköstigung zuweisen lassen sollte! Dass er diesem Angebot nicht nachkommen würde, war wohl auch für die Mitglieder des Armenpflegschaftsrates – darunter der Pfarrer und der Ortsvorsteher – abzusehen.

 

August Hummel – ein lügenhafter und arroganter Schuldenmacher

Angesichts des Desasters, das der Lehrer Roth hinterlassen hatte, legte der Distriktsschulinspektor, nach unserem heutigen Verständnis der Schulrat, der Regierung ein klares Anforderungsprofil als Entscheidungshilfe für die Auswahl des nächsten Lehrers vor. Demnach „wäre nur ein Mann geeignet für Güntersleben, der mit Begeisterung und Liebe seinem Berufe obliegt, ohne Fehler und Tadel ist und Ansehen wegen seiner Rechtschaffenheit genießt.“ Doch müsse der „auch seinen Worten Nachdruck geben, darf bei Hindernissen und Kränkungen, die wegen der Derbheit der Günterslebener nicht selten vorkommen, nicht den Mut verlieren, sonst ist es um ihn geschehen.“

Mit August Hummel glaubte die Regierung den richtigen Mann gefunden zu haben, musste aber schon zwei Jahre nach dessen Dienstantritt hören, „dass überall bekannt ist, daß er Schulden über Schulden hat und immerfort von den Gläubigern verfolgt wird.“ Nochmals zwei Jahre später berichtete der Distriktsschulinspektor 1858 über den Schulmeister Hummel: „Derselbe steht im 54. Lebensjahr, sein Hauswesen ist zerrüttet; die Gläubiger plagen ihn fort und fort; Kummer und Sorge, Hochmut und Zorn nagen in ihm. Wirte, Bäcker, Metzger wollen nicht gerne mit ihm zu tun haben; überdies ist er stolzen Charakters, voll Dünkel, so dass andere Schullehrer mit ihm nicht verkehren wollen.“ Man mag kaum glauben, dass dieses Zeugnis einem Lehrer galt, der die Schule in Güntersleben leitete. Wenig erfreulich auch seine Familienverhältnisse: „Hummels Frau ist am meisten zu beklagen. Diese plagt sich, arbeitet, ist bescheiden, duldet… Sein Sohn Otto, der Gehilfe, zeigt Spuren, er werde das väterliche Geleise nicht ganz verlassen. Ein zweiter Sohn ist Brauer. Der jüngste besucht die Gewerbsschule zu Würzburg. Die zwei ledigen Töchter sitzen zu Hause und gerieren sich als Fräulein.“

Die Schulbehörden wussten also Bescheid und es änderte sich – nichts. Im Jahresbericht von 1859 konnte der Pfarrer daher nur neuerlich feststellen: „I. Schullehrer August Hummel hat wenig Religion, ist lügenhaft, arrogant, hochfahrend, überspannt, schlechter Haushälter und Familienvater, benimmt sich verächtlich gegen den II. Schullehrer, vergißt seine Stellung gegenüber dem Lokalschulvorstand und ist demselben ungehorsam und widerspenstig, wenn er nicht von höherer Stelle in Schach gehalten wird.“

Der Lehrer Hummel wurde zwar immer wieder an die höhere Schulbehörde vorgeladen, zusammen mit seinem Sohn und Gehilfen Otto. Es gab Ermahnungen und Verweise. Beeindruckt hat das keinen der beiden. Erst sein früher Tod mit 56 Jahren machte 1861 den Weg frei für einen Neuanfang an der Schule in Güntersleben.

 

Konrad Reeg – der rohen Jugend nicht gewachsen

Als nächster folgte auf die I. Schulstelle in Güntersleben mit Konrad Reeg zwar endlich wieder jemand, der persönlich „ohne Fehl und Tadel“ war, wie vom Distriktsschulinspektor schon bei der vorangehenden Stellenbesetzung gefordert. Der „rohen Jugend“ und der „Derbheit der Günterslebener“, die er auch beobachtet haben wollte, war der gute Mann aber anscheinend weniger gewachsen. Mit der Schulpflicht nahmen es viele Schüler und auch manche Eltern nicht so genau. Die Liste mit den Schulversäumnissen, die der Lehrer allmonatlich der Lokalschulinspektion vorzulegen hatte, wurde immer länger. Dass im Durchschnitt fünf oder sechs, manchmal auch mehr Schüler einfach nicht zum Unterricht kamen und sich dafür auch nicht entschuldigten, war bei ihm ganz normal. Da halfen auch alle Bestrafungen bis hin zum Arrest für unbelehrbare Väter oder Mütter nichts.  Nach zehn Jahren wurde Reeg 1872 in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Die Gründe sind nicht bekannt, vielleicht war er schlicht überfordert.

Nach fast 90 Jahren und fünf Schulmeistern, die von Anfang an oder mit fortgeschrittener Dienstzeit den Anforderungen an ihr Amt nicht gewachsen waren, konnte es nur noch besser werden. Und mit dem nächsten Lehrer wurde es auch wirklich besser.

01/2022

 

Schullehrer wie Viehhirten?

Wie ihre Viehhirten habe die Gemeinde alljährlich ihren Schullehrer gedingt, bevor sich der Landesherr dieser Sache angenommen habe. So schrieben die „Würzburger wöchentliche Anzeigen von gelehrten und gemeinnützigen Gegenständen“ in ihrer Ausgabe vom 15. Mai 1798 über die Anfänge des Schulunterrichts in Güntersleben – und man kann sich gut vorstellen, wie der Verfasser beim Schreiben dieser Zeilen die Nase rümpfte.

Richtig daran ist, dass es erst seit 1770 mit der Einrichtung des Lehrerbildungsseminars in Würzburg eine geregelte Lehrerausbildung gab und erst seit dieser Zeit nach einer entsprechenden Weisung des Fürstbischofs als Lehrer nur noch die „hierzu besonders abgerichteten und befähigten Candidaten des Schulseminars“ angestellt werden durften.

 

Vom Pfarrer und vom Abt für tauglich befunden

Aber auch vorher mussten der Schultheiß und die Mitglieder des Dorfgerichts schon etwas genauer hinschauen als beim Viehhirten, wen sie als Schulmeister anstellten. Denn auch ohne förmliche Ausbildung und einen Prüfungsnachweis sollten diese „nit allein die Kinder in lesen, schreiben und singen unterrichten, sondern auch solche dahin anweisen, dass sie den Catechismum lernen und begreifen mögen,“ wie das die Kirchenordnung für das Hochstift Würzburg von 1693 verlangte. Überdies sollten die Bewerber vor einer Anstellung auch bezüglich ihres „Verhaltens und Wandels“, also ihrer charakterlichen Eignung, überprüft werden. Damit waren freilich der Schultheiß und die Mitglieder des Gerichts, allesamt Bauern aus dem Dorf und selbst, wenn überhaupt, kaum des Lesens und Schreibens kundig, heillos überfordert. Das übernahmen daher der Pfarrer und der Abt seines Klosters. Erst wenn die den Kandidaten für hinreichend geeignet hielten, konnte ihn die Gemeinde anstellen.

Der Pfarrer hatte nicht nur deshalb ein entscheidendes Wort bei der Auswahl eines Lehrerkandidaten mitzureden, weil er vor Ort die fachliche Aufsicht über den Unterricht und den Lehrer wahrzunehmen hatte. Zudem war der Lehrer nicht nur im Unterricht der verlängerte Arm des Pfarrers, er war diesem auch darüber hinaus als Kirchendiener, Mesner und Kantor zu vielerlei Diensten verpflichtet.

Anders als uns der eingangs zitierte Chronist weismachen will, wurde der Schulmeister auch nicht – wie die Viehhirten – immer nur für ein Jahr eingestellt, obwohl auch die Schule erst einmal nur eine saisonale Einrichtung war. Bis nach 1700 fand Unterricht nur im Winter statt. Erst dann gelang es mit viel Mühe, die Bauern allmählich dazu zu bewegen, ihre Kinder auch in der Jahreszeit, wo sie auf den Feldern für die Arbeit gebraucht wurden, für den Schulbesuch freizugeben.

 

Schulmeister und Gemeindeschreiber

Konrad Henfling, der erste uns bekannte Lehrer, hatte laut seinem Sterbeeintrag mehr als 16 Jahre in Güntersleben unterrichtet, als er 1606 starb. Ihm folgte Johann Hartmann aus Schwarzach, der bald nach seinem Dienstantritt die Witwe seines Vorgängers heiratete. Damit blieb dieser erspart, dass sie mit ihren Kindern die Lehrerwohnung im Schulhaus verlassen musste.

Von Johann Hartmann stammt auch das erste schriftliche Zeugnis, aus dem hervorgeht, dass schon damals die Schulmeister auch als Gemeindeschreiber in Anspruch genommen wurden. Denn wenn schon die Gemeinde einen Lehrer für die ungeliebte Schule anstellen und für Wohnung und Lohn aufkommen musste, wollte sie auch etwas von dessen Fähigkeiten haben. Im Gemeindearchiv findet sich als ältestes Originaldokument ein Buch, dessen ausgreifender Titel beginnt mit „Libellus actorum diurnorum…“, was so viel bedeutet wie „Buch der täglichen Verwaltungsgeschäfte“. Es wurde nach dessen eigenen Angaben auf dem Titelblatt 1610 angelegt von „Johann Hartmann, zu dieser Zeit Schulmeister in Güntersleben“. In das Buch wurden die Personen eingetragen, denen das Bürgerrecht verliehen wurde. Außerdem finden sich darin Vereinbarungen über die Anstellung von Gemeindeschmieden, Wirten, Müllern oder auch Viehhirten. Die Ausgestaltung der Titelseite lässt zum einen die große Sorgfalt erkennen, die Hartmann darauf verwendete, zum anderen aber auch, dass er das Schreiben ebenso beherrschte wie er der lateinischen Sprache kundig war.

Libellus

Titelseite des „Libellus actorum diurnorum“ von 1610.

Der erste Schulmeister aus Güntersleben

Johann Stock war der erste Schulmeister, der aus Güntersleben stammte. Er folgte Jakob Hölderlein, der nach erst zwei Jahren auf der Stelle 1632 mitten im Dreißigjährigen Krieg und wohl auch an den Folgen des damals in Güntersleben grassierenden Hungertyphus gestorben war. Stocks Taufpate war der alte Schulmeister Johann Hartmann, der ihn möglicherweise auch auf den Lehrerberuf vorbereitet hat. Denn so ähnlich, wie das Erlernen eines Handwerks bei einem Meister, muss man sich zur damaligen Zeit wohl auch die Ausbildung zum Lehrer vorstellen. Als 1632 mit dem Schulmeister und vielen anderen im Dorf auch der Schultheiß ein Opfer der Seuche geworden war, wurde vorübergehend Johann Hartmann als Schultheiß berufen. In dieser Funktion wird er dann auch die Bestellung seines Patensohnes Johann Stock auf die Stelle des Schulmeisters befördert haben. Vermutlich war es in diesen wirren Kriegszeiten auch schwierig, einen Bewerber von auswärts zu gewinnen. Stock war wohl mindestens bis zum Ende des Krieges, also mehr als ein Jahrzehnt, Schulmeister in Güntersleben.

Nach Stock kamen dann erst wieder einmal Auswärtige an die Reihe. Über Balthasar Reußner, der 1685 als Schulmeister in Güntersleben angenommen wurde und das bis ins hohe Alter von 77 Jahren blieb, heißt es in der Sterbematrikel des Pfarramtes von 1729, dass er 44 Jahre hier und etwa 12 Jahre vorher anderswo ein frommer und fideler Schulmeister gewesen sei.

Zwei Jahre, nachdem Balthasar Reußner in das Schulhaus in Güntersleben eingezogen war, wurde sein Sohn Burkard geboren und der wurde nach seinem Tod für die folgenden 21 Jahre auch sein Nachfolger. 65 Jahre blieb damit das Amt des Schulmeisters, Mesners und Gemeindeschreibers in der Familie.

Auch der nächste Schulmeister, der 1750 berufen wurde, hatte mit mehr als 25 Jahren eine sehr lange Amtszeit. Peter Reißweber entstammte einer alteingesessenen Familie und war damit für lange Zeit, nämlich bis nach dem 1. Weltkrieg, der letzte Lehrer in Güntersleben, der hier auch geboren war. Er war auch der letzte Schulmeister, der seinen Dienst verrichtete, ohne vorher eine Ausbildung und Prüfung auf einer öffentlichen Lehranstalt absolviert zu haben.

12/2021

 

 

 

Die Anfänge der Schule in Güntersleben

Die Kirche hat in Deutschland die ersten Schulen eingerichtet und die Entwicklung des Schul­wesens über lange Zeit bestimmt. Aufbauend auf der Tradition der Römer wurden Kloster­schulen und seit dem 8. Jahrhundert in den Städten die Domschulen eingerichtet. Diese wa­ren zunächst dem Klerus vorbehalten und wurden seit dem frühen Mittel­alter auch Laien geöffnet.

Auf den Dörfern gab es bis gegen Ende des 16. Jahrhunderts nur in seltenen Fällen bereits eine Pfarrschule, in denen der Ortsgeistliche seine Messdiener und Sänger ausbildete. Ansonsten waren die Menschen auf dem Land weitgehend Analphabeten.

Den Aufbau eines allgemeinen Schulwesens in Franken leitete Fürstbischof Julius Echter (1573 – 1617) ein. Der große Gegenreformator und Bauherr ließ nicht nur 300 Kirchen, sondern auch viele Schulhäuser bauen. Ihm kam es darauf an, durch Schulbildung im Volk bessere religiöse Kenntnisse und damit eine Festigung des Glaubens zu erreichen.

Bildung, Freizeit, Soziales Bild

Wenig Platz. Im Schulsaal über der Kinderbewahranstalt an der Langgasse. 1933.

 

In diese Zeit fällt wohl auch die Einrichtung der ersten Schule in Güntersleben. Im Salbuch des Amtes Arnstein von 1594, in dem das Amt die Verhältnisse in dem ihm unterstellten Dorf Güntersleben beschrieb, ist zu lesen: „1 Schulhaus steht auf dem Kirchhof, ganz neugebaut.“ Es handelt sich um das heutige Alte Rathaus am Aufgang zur Kirche, demnach um 1590 gebaut und vermutlich das erste Schulhaus in Güntersleben. In der Sterbematrikel der Pfarrei findet sich unter dem 14. Juni 1606, wie damals üblich in lateinischer Sprache, der Eintrag: „Conradus Henffling ultra 16 annos in hoc pago ludimoderator.“ Der Verstorbene Konrad Henffling war demnach mehr als 16 Jahre in diesem Dorfe Schulmeister. Auch diese Spur stützt damit die Annahme, dass es mindestens seit 1590 und wohl auch erst seitdem eine Schule in Güntersleben gab.

Während der Bau und die Unterhaltung des Schulhauses Aufgabe der Gemeinde war, oblag die örtliche Aufsicht über die Schule und den Lehrer dem Pfarrer. Wer sonst auch wäre dafür infrage gekommen? War er doch wohl erst einmal der Einzige im Dorf, der des Lesens und Schreibens kundig war. Daher konnte man auch als Lehrer nur jemanden von außerhalb bestellen, für den man dann aber auch eine Wohnung brauchte, die praktischerweise auch gleich im Schulhaus eingerichtet wurde.

Der Lehrer wohnte also mit seiner Familie im Schulhaus und erteilte dort auch den Unterricht, anfangs ohne räumliche Trennung. Nachdem die Beamten der höheren Schulaufsicht offenbar schon länger vergeblich moniert hatten, dass „Schüler samt Schulmeisters Hausgesind gemeinschaftlich beisammen wohnen müss­ten“, verlangte der Fürstbischof höchstselbst in einem Schreiben vom Sommer 1687, „eine Separation in der Schulstuben und zwar noch vor anstehendem Winter verfertigen zu lassen.“

Dem Schultheißen Leonhard Salfelder eilte es damit aber überhaupt nicht. Zwei Jahre später kamen die Schulkinder immer noch in die Wohnstube des Lehrers zum Unterricht. Mit dem Hinweis, dass die Schule auch vor Jahrzehnten so gestanden habe, weigerte sich der Schultheiß, den Umbau anzugehen. „Was soll man bauen? Ich bin allein nit hier, die Gemein will es nit haben.“ Er hatte also auch die öffentliche Meinung im Dorf hinter sich. Wie lange er damit die Sache weiter auf die lange Bank schieben konnte, ist nicht überliefert.

Der Vorgang zeigt beispielhaft, dass die Schule bei der Dorfbevölkerung und der Dorfobrigkeit noch lange nach ihrer Einführung eine wenig geschätzte Einrichtung war. Was die Kinder in der Schule lernten, war für viele im Dorf ein unnötiger Luxus, den sie für ihr künftiges Leben nicht brauchten. Die Bauern störten sich zudem daran, dass ihre Kinder durch die Unterrichtsstunden von der Mitarbeit auf dem Feld abgehalten wurden.

Daher war bis in das beginnende 18. Jahrhundert hinein vielerorts und vermutlich auch in Güntersleben nur im Winterhalbjahr Schulunterricht. Es dauerte mindestens bis 1750, bis gegen den anhaltenden Widerstand der Landbevölkerung durchgesetzt werden konnte, dass im Sommerhalbjahr täglich wenigstens eine oder zwei Stunden Unterricht gehalten wurde. Und der war dann so früh am Tag, dass die Kinder rechtzeitig wieder zu Hause waren, wenn die Arbeit auf dem Feld begann.

Anders als heute, wo die bestmögliche Gestaltung der Schulbedingungen von der Gemeinde mit der uneingeschränkten Unterstützung der Ortsbewohner als eine ihrer vorrangigen Aufgaben gesehen wird, genoss die Schule bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges keinen hohen Stellenwert in Güntersleben. Die Gemeinde wurde regelmäßig erst tätig, wenn der Druck der Schulbehörden zu übermächtig geworden war. Das Interesse weiter Kreise der Bevölkerung am regelmäßigen Schulbesuch ihrer Kinder hielt sich auch in Grenzen. In einer bäuerlichen Gesellschaft, wo man bei den beschränkten natürlichen Ressourcen hierorts einen beinahe permanenten Kampf ums tägliche Leben zu führen hatte, stand den wenigsten der Sinn nach Bildung. Da verwundert es nicht, wenn man auch aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch zahlreiche Schriftstücke findet, die mit drei Kreuzen unterzeichnet sind, weil die Unterschreibenden Analphabeten waren.

08/2021