Geschicht(ch)en aus Güntersleben

Kriegswichtige Kükenaufzucht

Krieg ist bekanntlich nichts zum Lachen. Aber auch im Krieg geschehen Dinge, von denen man sich im Nachhinein fragt, ob das wirklich ernst gemeint war.

Im März 1939, also noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, ging bei der Gemeinde Güntersleben ein Rundschreiben des Reichsnährstandes ein, wonach in jeder Gemeinde eine Kükenaufzuchtstation einzurichten sei. Die Steigerung der Eierproduktion, so hieß es in einem späteren Schreiben, sei eine höchst kriegswichtige Angelegenheit. Es ging um die Versorgung der Truppen und der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln.

Da mit der Aufforderung gleich die Pläne für die Station geliefert wurden, konnte der Günterslebener Bürgermeister schon acht Monate später, im November 1939, Vollzug an die NS-Kreisleitung melden. Die Kükenaufzuchtstation sei eingerichtet und habe guten Erfolg zu verzeichnen.

So ähnlich wie auf dem Bild dürfte auch die Günterslebener Aufzuchtstation ausgesehen haben. Sie stand außerhalb vom Dorf an der Thüngersheimer Straße, war etwas größer als ein normaler Hühnerstall und besser gegen Kälte isoliert als damals jedes Wohnhaus. Zudem war der Bürgermeister strengstens angewiesen, ausreichend Kohle für die Beheizung zu beschaffen, notfalls auch aus dem Vorrat von Privathaushalten.

Die Kükenaufzuchtstation wurde nebenher von einem Günterslebener Bauern und seiner Ehefrau betrieben. Die bekamen, zum ersten Mal im April 1939, frisch aus dem Ei geschlüpfte Küken geliefert, die sie bis zur Legereife aufziehen mussten. Dann wurden die Junghennen an Hühnerhaltungsbetriebe abgegeben, wo die Eierproduktion beginnen konnte.

Nach den Abrechnungslisten im Gemeindearchiv sah die Jahresbilanz für 1942 so aus: Es konnten 660 Hennen und 324 Hähnchen verkauft werden, letztere allerdings zu einem weit geringeren Preis. Insgesamt belief sich der Verkaufserlös auf 1500 Mark. Bei Auslagen von 800 Mark für den Einkauf der Küken, für Futter, Heizung und anderes blieben 700 Mark als Jahresgewinn übrig.

So ging das, mit jedoch zunehmend geringeren Erlösen, bis 1944 weiter. Dann wurde der Betrieb sang- und klanglos eingestellt und geriet in Vergessenheit. Kriegsentscheidend war das Vorhaben offenbar auch nicht.

11/2022

 

Warnung vor Geschäften mit der Ehefrau

Am 3. Juli 1947 war der Gemeindediener im Auftrag des Bürgermeisters mit der Ortsschelle auf den Straßen von Güntersleben unterwegs, um die folgende Erklärung eines namentlich genannten Mannes aus Heidingsfeld bekanntzugeben, der mit seiner Frau in Scheidung lebte:

„Wer meiner davongelaufenen Ehefrau Marga Sch…. aus Heidingsfeld, z. Zt. wohnhaft in Güntersleben, etwas leiht, borgt, ihr Unterkunft gewährt, dem komme ich in keinerlei Entschädigung oder Zahlung nach. Zur allgemeinen Warnung bitte ich um größte Vorsicht in sämtlichem Umgang.“ Die Erklärung wurde mit diesem Wortlaut auch an der Amtstafel der Gemeinde angeschlagen.

Tags darauf erhielt der Bürgermeister ein geharnischtes Schreiben eines Rechtsanwalts. Der Inhalt dieser Bekanntmachung sei eine fortgesetzte Beleidigung der Ehefrau und komme einer öffentlichen Anprangerung gleich. Er lege keinen Wert darauf, den Bürgermeister selbst in ein strafgerichtliches Verfahren zu verwickeln. Vielmehr müsse er aber umso größeren Wert darauf legen, dass auch der Standpunkt seiner Mandantin veröffentlicht werde. Er verlangte daher vom Bürgermeister, dass an der Gemeindetafel neben den Aushang des Ehemannes auch eine Erklärung der Ehefrau angeschlagen werde, in der unter anderem stehen müsse:

„Wie Herr Rechtsanwalt … mitteilt, ist die Ehefrau Sch… ihrem Manne keinesfalls davongelaufen, noch hat sie bisher leichtfertig auf Kosten ihres Mannes Schulden gemacht. Die Ehefrau Sch… wurde durch die dauernden Misshandlungen des Ehemannes Sch… gezwungen, die eheliche Wohnung zu verlassen…“

Man darf davon ausgehen, dass der Bürgermeister dem Verlangen nachkam, um „weitere gerichtliche Maßnahmen“ abzuwenden, die der Rechtsanwalt ansonsten schon vorsorglich ankündigte. Ob das aber wirklich dazu beitrug, den ramponierten Ruf der Frau wiederherzustellen?

08/2022

 

 

Vertrauensposten für eine Frau? – Unmöglich!

„Ich glaube, dass sich die Herrschaften einen falschen Begriff von dem Umfange und der Art der Arbeit eines heutigen Amtsdieners machen, ganz abgesehen davon, daß es doch unmöglich ist, einer Frau einen solchen Vertrauensposten – wenn auch nur zeitweise – zu übertragen.“ Mit dieser klaren Ansage wischte der Bürgermeister von Güntersleben 1937 das Ansinnen eines Fürsorgeverbandes vom Tisch, er solle als Amtsdiener oder Polizeidiener nach Günterslebener Sprachgebrauch einen Kriegsgeschädigten einstellen; für den Fall, dass dieser aufgrund seiner gesundheitlichen Probleme hin und wieder ausfalle, habe sich seine Frau als Vertretung angeboten. Selbstverständlich stellte er einen anderen Bewerber ein, bei dem nicht zu befürchten war, dass hin und wieder seine Frau für ihn einspringen musste.

Mit seiner Überzeugung stand der Bürgermeister damals sicher nicht allein. Frauen in der Öffentlichkeit, in welcher Rolle auch immer – das konnte man sich auch in Güntersleben lange nicht vorstellen.

In den Jahren zu Beginn des 20. Jahrhunderts starben in Güntersleben noch ungewöhnlich viele Kleinkinder. 1909 regte das Bezirksamt 1909 an, in den Armenpflegschaftsrat, dem vor Ort auch die Gesundheitsvorsorge oblag, doch auch Frauen aufzunehmen. Über diese Zumutung mochte das ausschließlich mit Männern, darunter dem Pfarrer und dem Bürgermeister, besetzte Gremium nicht einmal diskutieren. Kurz und bündig wurde einstimmig beschlossen, dass man „prinzipiell hier gegen Beiziehung der Frauen“ sei. Mehr fiel den Herren dazu nicht ein.

Seit 1902 brannten in Güntersleben die ersten fünf Straßenlaternen. Die Petroleumfunzeln mussten jeden Abend mit dem notwendigen Quantum Öl befüllt und angezündet werden. Mehrere Jahre besorgte das der gemeindliche Straßenwärter Johann Geißler. Als dieser krankheitshalber dazu nicht mehr in der Lage war, übernahm seine Ehefrau ab 1908 das Geschäft, das ihr von der Gemeinde auch für die folgenden Jahre übertragen wurde. Wie üblich wurde zum Jahreswechsel 1910/11 die Betreuung der Straßenlampen neu ausgeschrieben. Dieses Mal aber ausdrücklich mit dem Zusatz: „Frauenspersonen wird das Anzünden der Laternen untersagt.“ Wollte man auf diese Weise die seitherige Lampenwartin scheinbar elegant ausmanövrieren? Oder dachte man an den Struwwelpeter? Ist es doch in dem seinerzeit so beliebten Kinderbuch auch ein Frauenzimmer in der Person des einfältigen Paulinchen, das mit dem Feuerzeug Unheil anrichtet. Das Protokollbuch der Gemeindeverwaltung schweigt sich über die Gründe aus, warum das Anzünden der Straßenlaternen wieder in Männerhand kommen sollte, wo es dann auch blieb, bis sich mit der Einführung des elektrischen Stroms 1921 die Sache erledigte.

Gegen eine Lehrerin für die Schulanfänger hatte man in Güntersleben nichts einzuwenden – solange das eine Klosterschwester war. Denn „der Gehalt einer Lehrerin ist an und für sich geringer als der eines Lehrers“, wie der Pfarrer als Lokalschulinspektor 1896 den Wunsch nach einer zweiten klösterlichen Lehrerin begründete, dem allerdings von der Schulbehörde nicht stattgegeben wurde.

Am 6. April 1920 kreuzte vor dem darob völlig verdutzten Bürgermeister von Güntersleben eine nicht klösterliche Lehrerin auf, um ihm mitzuteilen, dass ihr von der Regierung eine Schulstelle in seiner Gemeinde angeboten worden sei. Noch am gleichen Tag trat der Gemeinderat zusammen, um einen schon früher gefassten Beschluss zu beschließen, dass die Regierung die Stelle mit einer männlichen Lehrkraft besetzen möge. Für eine Lehrerin sei hier kaum eine Wohnung aufzufinden.

Bei der Regierung dürfte dieser Einwand weniger Kopfzerbrechen als Kopfschütteln ausgelöst haben, denn schon wenige Tage später übertrug sie der Lehrerin die Stelle in Güntersleben. Postwendend ließ der Gemeinderat die Regierung noch einmal wissen: „Die Beschaffung der Wohnung und Kost wird auf größte Schwierigkeiten stoßen.“ Es findet sich allerdings kein Hinweis in den Akten, dass die Lehrerin während ihres Einsatzes in Güntersleben auf der Straße nächtigen und um Brot betteln musste.

Knapp drei Jahre blieb die Lehrerin, dann war die Stelle erneut zu besetzen. Und wieder sah sich der Gemeinderat im Januar 1923 bemüßigt, die Regierung darauf hinzuweisen, dass „die Beschaffung einer geeigneten Wohnung für eine weltliche Lehrerin sehr schwer, überhaupt unmöglich“ sei. Die Wohnung der ausgeschiedenen Lehrerin könne nicht mehr zur Verfügung gestellt werden, „weil sie vom Besitzer zur Unterbringung seines Dienstpersonals und als Krankenzimmer verwendet wird.“ Die Regierung hatte auch dieses Mal kein Einsehen und beorderte erneut eine Lehrerin nach Güntersleben. Nur gut, dass die heute hier eingesetzten Lehrerinnen, seit langem im Kollegium in der Überzahl, so mobil sind, dass sie nicht mehr unbedingt auf eine Wohnung in Güntersleben angewiesen sind.

Auch in der Politik dauerte es in Güntersleben erst, bis man auch Frauen zutraute, mitzureden und Verantwortung zu übernehmen. Obwohl das schon seit 1919 möglich gewesen wäre, schafften es erst 1978 die ersten Frauen, in den Gemeinderat einzuziehen. Und wie wären wohl unsere Altvorderen erst damit klargekommen, dass seit 2017 mit Klara Schömig sogar eine Frau auf dem Bürgermeisterstuhl sitzt?

Noch etwas ist nachzutragen: Der gleiche Bürgermeister, der 1937 den Frauen nicht einmal vertretungsweise die Übernahme des verantwortungsvollen Postens eines Amtsboten zutraute, war wenige Jahre später, als wegen ihres Einsatzes an der Kriegsfront die Männer fehlten, nicht mehr so wählerisch. Im März 1942 teilte er dem Arbeitsamt mit: „Ich habe am 1. März 1942 die Margareta Stieber, geb. 3. Februar 1918 zu Güntersleben, als Aushilfe eingestellt. Sie ist für Botengänge gut geeignet.“ Es war die Frau, die viele noch aus späterer Zeit als die Post-Gretl kennen, auch hier die erste Frau, der diese Tätigkeit übertragen wurde.

05/2022

 

In die Erden geloffen und vertragen

Der Pfarrer als Herr über den größten Weinkeller in Güntersleben? Es ist lange her, aber es gab die Zeit, wo das so war. Von Pater Ignatius Gropp, von 1749 bis 1758 Pfarrer in Güntersleben, der uns mit seinem „Procollum“ eine umfangreiche Ortsbeschreibung hinterließ, wissen wir, dass in diesem Keller nach heutigen Maßeinheiten über 250 Hektoliter eingelagert werden konnten. Das größte der 10 Fässer, die dort aufgereiht waren, fasste allein fast 50 Hektoliter. Der Keller war am Kirchplatz, in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche, wo heute das Kolpinghaus steht, und gehörte der Pfarrei.

Wozu dieser riesige Weinkeller? Angehörige des geistlichen Standes werden zwar manchmal, einem Gleichnis der Bibel folgend, als Arbeiter im Weinberg des Herrn bezeichnet. In der Wirklichkeit hatte aber die Kirchengemeinde in Güntersleben zu keiner Zeit nennenswerten Weinbergsbesitz. Auch weiß man von keinem Pfarrer, der sich als Winzer hervorgetan hätte.

Der Keller wurde also nicht eigene Erzeugnisse, sondern für die Einlagerung sogenannter Schuldnerweine benötigt. Dabei handelte es sich um Wein bzw. Most, den die Bauern im Herbst aus ihren Ernteerträgen ablieferten, um damit ihre Schulden zu tilgen, die sie bei der Kirche aufgenommen hatten. Denn eine Bank, bei der man Geld leihen konnte, gab es zu der Zeit im Dorf noch nicht. Die Kirchengemeinde hatte aber aus Spenden und Gottesdienststiftungen immer einiges an flüssigen Mitteln, die sie als Darlehen ausleihen konnte. Wenn die Kreditnehmer, was wohl häufiger vorkam, dann nicht in der Lage waren, das Geld zurückzuzahlen, konnten sie stattdessen im Herbst auch mit der Abgabe von Traubenmost ihren Verpflichtungen nachkommen. Und damit war ihnen sehr geholfen. Denn am Geld mangelte es vielen Dorfbewohnern, aber Weinberge hatte nahezu jeder Haushalt in Güntersleben.

Durch den Verkauf der eingelagerten Bestände an Weinhändler kam die Kirchengemeinde dann auch wieder an ihr Geld – wenn alles gut lief. Das war aber nicht immer der Fall. Zwar verkaufte sich die größere Menge besser als die Kleinmengen der einzelnen Bauern. Die Marktpreise freilich entwickelten sich nicht immer so, wie man es vor der Erntesaison erwartet hatte.

Wie Gropp beklagt, habe die Kirchengemeinde deshalb „vielmahlen an dem für Schulden angenommenen Mösten schaden gelitten. Denn indem gemeiniglich die Schuldner mit diesen hoch hinaus wollen, oder der Herrschaftliche Anschlag hoch heraus kommet, daß man den Wein um den Preys nicht wieder kann anbringen, wie er, sambt beygerechneten Unkösten angenommen worden, kann anderst nicht als ein unvermeidlicher Schaden dem Gotteshaus zuwachsen.“

Dass die Qualität der abgelieferten Weine sehr unterschiedlich war und man auf der Hut sein musste, dass dabei nicht auch noch geschummelt wurde, liegt auf der Hand. 1757 sah sich die fürstbischöfliche Obrigkeit daher auch veranlasst, die Pfarrer davor zu warnen, dass sie nicht anstelle des schuldigen Weins unbemerkt mit minderwertigerem Äpfel- oder Birnenmost bedient werden.

Diesbezüglich sah Pfarrer Gropp zwar keinen Grund zu Klagen, dafür wusste er aber von anderem Ungemach im Keller zu berichten. So seien von dem Wein des Jahrgangs 1745, umgerechnet auf heutige Maßeinheiten, über 8 Hektoliter „durch anbrechung des Fasses in die Erden geloffen.“ Noch größer war 1755 der Verlust, nachdem von dem größten Fass vier Reifen „in einer Wochen abgesprungen“ und „eh man solches gewahr“, vom 1753er Wein rund 13 Hektoliter „ausgeloffen“.

Es gab aber auch noch Verluste ganz anderer Art. Als 1750 der eingelagerte Jahrgang 1748 verkauft werden sollte, fehlten man „nach allem gebräuchlichen und möglichen Abzug und verrechneten Auffgang“ mehr als 3 Hektoliter, von deren Verbleib angeblich niemand wusste. Gropp hatte keine andere Erklärung für den Schwund, „als daß er vertragen worden“. Er ging also davon aus, dass sich ein Langfinger an den Weinvorräten der Kirche bedient haben musste. Nachdem er auch zu wissen glaubte, wer das nur gewesen sein konnte, wurde nicht lange gefackelt, denn „hirauff hat man neue schlösser an den Keller gehenckt, und auf Geheis Höheren Geistl. Obrigkeit dem Büttner Abschied gegeben.“ Der Büttner – wir würden heute sagen der Kellermeister – wurde also kurzerhand gefeuert. Gropps augenzwinkernder Kommentar zu dem Vorgang: „Fide, cui vide“. Auf gut deutsch: Vertraue, aber schau, wem du vertraust. Oder kürzer, wie man auch heute sagt: Trau, schau, wem.

Als 1803 die Fürstbischöfe ihre weltliche Macht an das Kurfürstentum und spätere Königreich Bayern abgeben mussten, war es auch mit dieser speziellen Form des Weinhandels in Güntersleben vorbei. Die neue Herrschaft die weitere Annahme von Schuldnerweinen durch die Kirchengemeinde. Bald 20 Jahre lagen die leeren Fässer „ohne Einbrennung, verdorben und gleichsam stinkend“, im Keller, wie einem späteren Nachtrag in Gropps „Protocollum“ zu entnehmen ist. Trotzdem fanden sich bei einer öffentlichen Versteigerung am 15. September 1819 für alle zehn Fässer Kaufinteressenten, die meisten aus Güntersleben. Aber auch aus Unterdürrbach und Veitshöchheim kamen Winzer, die erfolgreich mitboten. Mit dem Gesamterlös von 158 Gulden und 25 Kreuzern – was dem Wert von zwei bis drei Ochsen entsprach – erzielt man sogar noch einen ansehnlichen Erlös.

Den „nächst der Kirche liegenden nutzlos und schadhaft gewordenen Keller“, wie er im Protokollbuch der Gemeindeverwaltung beschrieben wird, verkaufte die Kirchenverwaltung 1835 an die Gemeinde, die den Platz für den Neubau einer Schule, das heutige Kolpinghaus, benötigte.

02/2022

Die rote Fahne auf der Pappel

Bei der Brücke über den Dürrbach, wo die Gramschatzer Straße von der Rimparer Straße abzweigt, stand bis 1955 eine hohe Pappel. Sie überragte nicht nur die anderen Bäume, die das Bachufer säumten, sondern auch die Häuser der Umgebung, wie schon auf alten Bildern aus der Zeit um 1910 zu sehen ist.

Es war in den unruhigen Jahren um 1930, als diese Pappel oder besser ein ungewöhnlicher Baumschmuck, den Unbekannte ihr zugedacht hatten, für Aufregung im Dorf sorgte. Leuchtete doch eines Morgens von der Spitze der Pappel eine weithin sichtbare rote Fahne. Und das ausgerechnet am Markustag in der Bittwoche, an dem traditionsgemäß die Rimparer Wallfahrer den Berg herunter ins Dorf zogen. Welch eine Schande!

Wie die Fahne auf die Spitze der Pappel gelangt war, kam offiziell nie heraus. Doch für Volkes Stimme war schnell klar, und damit lag man wohl auch nicht falsch: Das konnten nur welche von den Kommunisten gewesen sein. Die hatten zu der Zeit in Güntersleben nicht wenige Anhänger. Und denen traute man alles zu.

Als am Morgen das dreiste Bubenstück entdeckt wurde, rückte erst einmal die Feuerwehr an und fuhr ihre große Leiter aus. Doch wo die endete, fehlte immer noch ein gehöriges Stück bis ganz nach oben. Freiwillig wollte da keiner hinaufklettern. Auch der junge Feuerwehrmann, den die Gemeindeoberen mit fünf Mark locken wollten, ließ sich durch diese für damals recht stattliche Belohnung nicht verleiten, das Abenteuer auf sich zu nehmen.

Die Schulkinder, die von ihrem Klassenzimmer aus das Schandobjekt sehen konnten, warteten ungeduldig auf das Ende des Unterrichts, um dann gleich die Gasse hinunterzustürmen und sich zwischen die zahlreichen Dorfbewohner zu drängen, die das Spektakel bestaunten und allerlei kluge Ratschläge von sich gaben. Güntersleben hatte seine Sensation!

Auch wenn man die Sache lieber geräuschlos unter sich bereinigt hätte, blieb dem Bürgermeister schließlich nichts anderes übrig, als die Bereitschaftspolizei zu Hilfe zu rufen, die dem Spuk ein Ende bereitete. Mit Steigeisen ausgerüstet machte sich ein Uniformierter auf den Weg nach oben und holte die Fahne herunter. Die Ehre des Dorfes war gerettet!

12/2021

 

Immer positiv denken

„Der liebe Gott freut sich über jedes Kind.“ Also sprach Franz Beckenbauer, nachdem sich herumgesprochen hatte, dass er bei der Weihnachtsfeier seines Vereins einer anderen Teilnehmerin etwas zu nahe gekommen war. Ein origineller Spruch, aber kein ganz neuer Gedanke, den auch schon andere hatten, denen kraft ihres Amtes die Wahrung moralischer Grundsätze besonders angelegen sein musste.

Ein junger Mann aus Güntersleben veränderte sich 1936 zwecks Heirat nach Veitshöchheim. Er „musste heiraten“, wie man zu sagen pflegte, wenn sich schon Nachwuchs angekündigt hatte. Am 2. Dezember kündigte der Pfarrer von Güntersleben seinem Amtsbruder in Veitshöchheim die bevorstehende Übersiedlung seines bisherigen Pfarrkindes an und empfahl den jungen Mann „der liebevollen Hirtensorge des Pfarrherrn zu Veitshöchheim“. Ergänzend teilte er noch mit, dass vom damals vorgeschriebenen 3. Aufgebot durch die bischöfliche Behörde dispensiert wurde. Ein mittelbarer Hinweis darauf, was bald nach der Hochzeit zu erwarten war.

Der Veitshöchheimer Pfarrer war da direkter. Schon vier Tage später teilte er am 6. Dezember dem Pfarrer von Güntersleben mit: „Trauung ist heute früh bei Nacht und Nebel erfolgt. Copula wurde schon anticipiert. Taufe folgt in Kürze. Ich sehe, daß wir beide ganz tüchtige Pfarrkinder haben, welche das Reich, das Christus gegründet hat, zu mehren versuchen.“ An die Regeln – stille Trauung ohne Öffentlichkeit – hielt er sich zwar, für einen Pfarrer zu dieser Zeit pflegte er aber ein erfrischend lockeres Mundwerk.

11/2021