Leben, Wohnen, Arbeiten

Hauptsache ein Dach über dem Kopf

Eine Wohnung ohne Bad oder Dusche, ohne Kühlschrank, Waschmaschine oder Fernseher? Für Jüngere ist das heute kaum mehr vorstellbar, was für die meisten ihrer Großeltern ganz normal war.

Wenig Platz für große Familien

Vor zwei Generationen, also vor etwa 70 Jahren, wohnten in Güntersleben durchschnittlich doppelt so viele Menschen wie heute in einem Haus. Dabei waren die allermeisten Häuser sehr viel kleiner als wir sie kennen, hatten ganz überwiegend nur ein Stockwerk und ein Dachgeschoss, das oft nicht ausgebaut war, sondern für Lagerzwecke genutzt wurde. Man findet diese Häuser noch an den Straßen und Gassen im Altort, wenn auch immer seltener. In ihrer Mehrzahl wurden sie durch Anbauten vergrößert oder aufgestockt, um das Raumangebot den heutigen Erwartungen anzupassen. Weniger als 200 Wohnhäuser sind, bezogen auf ihre Größe, so geblieben, wie sie es schon in den 1950er Jahren waren. Alle anderen der heute etwa 1250 Wohnhäuser in Güntersleben wurden entweder später gebaut oder vergrößert.

Die Familien waren größer, aber sie mussten mit weniger Wohnfläche und weniger Wohnräumen auskommen. Es gab die Küche, zugleich Ess- und Aufenthaltsraum, angrenzend ein kleiner Vorratsraum, Speis genannt, Schlafzimmer, Wohnzimmer und Kinderzimmer.

Das Wohnzimmer, die gute Stube, wurde nur selten genutzt, an den höchsten Feiertagen im Jahr und bei Familienfeiern. Kinderzimmer waren nur als Schlafräume und noch nicht als Spielzimmer eingerichtet. Für jedes Kind ein eigenes Zimmer, das scheiterte meist schon an der Zahl der Kinder; eher war es so, dass zwei Kinder in einem Bett schlafen mussten. Spielzeug war rar und an eigene Kinderbücher werden sich nur Wenige aus dieser Zeit erinnern. Es gab auch noch keine Bücherei im Dorf mit einem Angebot für Kinder vom ersten bis fortgeschrittenen Lesealter. Dafür hatten die Kinder der Nachkriegsjahrzehnte aber weit größere Spielflächen als heute. Auf dem Hof beim Haus gab es viel zu entdecken, auf der Straße konnten sie noch gefahrlos spielen und im Winter die Langgasse und andere abschüssige Dorfstraßen als Schlittenbahnen nutzen.

Kein Bad im Haus und Plumpsklo im Hof

Als 1950 eine neue Schule, das heutige Haus der Generationen, gebaut wurde, hatte der Architekt auch einen Raum für ein Brausebad eingeplant. Als besonders dringlich wurde diese für ein Dorf durchaus ungewohnte neuzeitliche Einrichtung aber nicht erachtet. Als das Bad 1955 endlich fertiggestellt war, sollte es nach einem Gemeinderatsbeschluss „für den Schulbetrieb jede Woche einen halben Tag und für die Einwohnerschaft ebenfalls jede Woche einen halben Tag“ freigegeben werden. Die Badegebühr für die Öffentlichkeit wurde auf 50 Pfennige festgesetzt. Die Skeptiker sollten recht behalten. Von Schulklassen wurde das Reinigungsbad nur selten genutzt. Für einen öffentlichen Badebetrieb war kein Interesse erkennbar.

Dabei hätte man schon erwarten können, dass es dafür Bedarf gab. Auch 1959 waren in Güntersleben von den annähernd 550 Wohnungen nur 140, also erst jede vierte, mit einem Bad ausgestattet. Für die Kleinkinder nutzte man die Wannen, die man für die Wäsche hatte. Wo auch Erwachsene hin und wieder die Annehmlichkeit eines heißen Bades genießen wollten, hatte man Badewannen aus Blech, die am Badetag in der Küche aufgestellt und mit warmem Wasser aus dem Waschkessel gefüllt wurden. Manche dieser Exemplare haben sich bis heute erhalten und können noch als Wasserbehälter in Gärten besichtigt werden.

Wo noch keine Toilette im Haus war, hatte man das sprichwörtliche Häuschen mit Herz im Hof. Es war meist eine Bretterbude in der Größe einer Telefonzelle neben der Jauchegrube, ohne Wasseranschluss und mit alten Zeitungen anstelle von Toilettenpapier bestückt. Vor allem im Winter erkennbar für einen längeren Aufenthalt nicht gerade einladend.

Wie immer, wenn erst einmal ein Anfang gemacht ist, sprach sich schnell herum, dass sanitäre Einrichtungen im Haus doch kein entbehrlicher Luxus sind. 1968 hatten auch in Güntersleben die meisten Wohnungen Bad und Toilette im Haus. In 65 Wohnungen fehlte aber nach wie vor ein Bad, oft auch, weil die baulichen Voraussetzungen für eine nachträgliche Einrichtung fehlten.

Auch wenn eine Toilette im Haus war, stand in vielen Fällen weiterhin das Plumpsklo im Hof und wurde auch genutzt. Denn Trinkwasser für die Toilettenspülung zu ver(sch)wenden, das erschien schon damals nicht jedem angemessen oder auch einfach zu kostspielig.

Energiesparen auch ohne gesetzliche Vorgaben

Auch wenn Energiesparen noch nicht ein allgegenwärtiges Thema wie heute war, so war ein sparsamer Gebrauch von Strom, Wasser und anderen Ressourcen für viele Familien selbstverständlich, aus praktischen oder auch aus finanziellen Erwägungen.

1968 wurden noch zwei Drittel aller Wohnungen in Güntersleben mit Holz und Kohle geheizt, die allermeisten mit Einzelöfen. Regelmäßig geheizt wurde nur die Küche, und auch die nur tagsüber. Nachts erlosch das Feuer im Herd und musste am Morgen neu angezündet werden. Die Frauen, deren Aufgabe das in der Regel war, mussten sich erst einmal warm anziehen, bevor die Küche wieder einigermaßen wohnlich war. Zu den üblichen Diensten der heranwachsenden Kinder gehörte es, jeden Tag die Holzkiste oder den Kohlenkasten von neuem aufzufüllen. Das Bad wurde nur geheizt, wenn – herkömmlich am Samstag – Badetag war. An den anderen Tagen war Waschen in der Kälte und oft auch noch mit kaltem Wasser angesagt.

In einem Drittel der Wohnungen wurde um diese Zeit schon Heizöl verwendet, das bis zur Ölpreiskrise von 1973 sehr günstig zu beziehen war. Die Öfen in den einzelnen Räumen hatten Tanks, die immer wieder aufgefüllt werden mussten. Das war zwar bequemer als täglich Holz und Kohlen beizuschaffen, hatte aber auch seine Tücken. Spätestens dann registrierte das die Nase, wenn beim Nachfüllen ein paar Tropfen daneben gingen, was nur allzu leicht passieren konnte.

Nur jedes zehnte Wohnhaus hatte 1968 schon eine zentrale Heizungsanlage. Erst nach dem Anschluss Günterslebens an die Gasversorgung zehn Jahre später wurde diese zum allgemeinen Standard in den Häusern.

Auch vieles andere gab es noch nicht, was wir heute für unverzichtbar halten

Manchmal wundert man sich, was Statistiker alles ermitteln. Später wundert man sich oft noch mehr, was es zum Zeitpunkt ihrer Erhebungen schon gab oder noch nicht gab.

Schon ein Jahr nach Beginn der Fernsehsendungen in Bayern standen 1955 die ersten, damals noch sehr teuren, Fernsehgeräte in Günterslebener Wohnzimmern. Dabei hatte kaum ein Drittel der Haushalte überhaupt ein Radio, obwohl es die schon Jahrzehnte früher gab.

1957 hatten nur 18 der rund 500 Haushalte in Güntersleben einen Kühlschrank und dazu 3 Haushalte eine eigene Tiefkühltruhe. Umso begehrter waren deshalb die Fächer in den drei Gemeinschaftsgefrieranlagen, die um diese Zeit an verschiedenen Stellen im Dorf gebaut wurden.

Nur sechs Haushalte hatten um diese Zeit eine Waschmaschine. Die anderen behalfen sich mit einem Waschkessel oder sie brachten ihre Wäsche zur „Waschanchel“ in der Büttnergasse. Angela (Anchel) Feser hatte schon 1938 die Gewerbeerlaubnis für eine Wäscherei erhalten, die dann nach ihr seit 1965 auch noch ihre Tochter für einige Jahre fortführte. Seitdem konnte man auf den Straßen den mit Körben oder Wannen schwer beladenen Handwagen begegnen, mit denen Frauen oder Kinder die Wäsche zum Waschen beförderten. Was auf dem Handwagen noch Platz finden musste: Ein kleiner Holzvorrat aus dem eigenen häuslichen Bestand, denn die Waschzuber wurden mit Holz auf Temperatur gebracht.

In nur wenigen Jahrzehnten hat sich vieles verändert, vieles, was das Wohnen einfacher und angenehmer macht. Umso mehr lebt er fort: Der Traum vom eigenen Haus.

02/2024

 

 

 

 

Bauplatz für ein Monatsgehalt

Denkt heute eine junge Familie an den Bau eines eigenen Hauses, dann bilden oft schon der Erwerb und die Finanzierung eines geeigneten Bauplatzes eine schwer überwindbare Hürde. Bauland ist zu einem raren und teuren Gut geworden. Nicht selten und durchaus zu Recht wird im Blick auf die Entwicklung der Baulandpreise von einer Kostenexplosion gesprochen und es werden Preissteigerungen von 50.000 und mehr Prozent seit 1950 genannt. In vergleichbarer Weise trifft das auch für Güntersleben zu.

Bauplätze in der Siedlung

Um die drückende Wohnungsnot zu lindern, ging die Gemeinde schon bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs daran, Bauplätze für eine sogenannte Siedlung im Anschluss an die bestehende Bebauung an der heutigen Ringstraße zu schaffen. Sie kaufte dort Ackerland auf und verkaufte die daraus gebildeten Bauparzellen an Bauinteressenten aus dem Ort. Die 15 Häuslesbauer, die auf diese Weise zwischen 1949 und 1953 zu einem Bauplatz kamen, hatten dafür einen Quadratmeterpreis von 0,50 bis 0,80 DM und damit je nach Größe des Grundstücks zwischen 200 und 500 DM (nach heutiger Währung 100 bis 250 Euro) zu zahlen. Das entsprach etwa dem, was ein Arbeiter im Monat verdiente. Da ein Zufahrtsweg zunächst allenfalls notdürftig hergerichtet wurde, eine öffentliche Kanalisation noch fehlte und für die Wasserleitung nur ein geringer Kostenbeitrag verlangt wurde, war auch die Belastung mit Erschließungskosten ausgesprochen niedrig. Damit waren auch Geringverdiener unter Verzicht auf übertriebene Ansprüche und mit den damals üblichen eigenen Arbeitsleistungen in der Lage, ohne finanzielle Überforderung zu einem Familienheim zu kommen, selbst wenn sie wenige Jahre nach der Währungsreform von 1948 kaum über Rücklagen verfügten.

Günstiger Baugrund

Gebaut wurde in den Jahrzehnten nach dem Zeiten Weltkrieg nicht nur auf den von der Gemeinde bereitgestellten Siedlungsgrundstücken, sondern an vielen Stellen rings um das Dorf auf angrenzenden familieneigenen Grundstücken. Wer ein solches jedoch nicht hatte, musste für den Erwerb eines Bauplatzes dann mit der Zeit schon etwas tiefer in die Tasche greifen. Wenn die Quadratmeterpreise bis 1960 auf 2 DM stiegen und sich bis 1965 auf etwa 4 DM nochmals verdoppelten, so waren Bauplätze aber auch da noch bei einem Durchschnittseinkommen erschwinglich. Der Anstieg lag zwar über der Entwicklung des Lohnniveaus im gleichen Zeitraum, so dass man für den Kauf eines Bauplatzes jetzt schon etwas länger arbeiten musste. Aber mit allenfalls zwei Monatseinkommen waren die 2.000 bis 3.000 DM (entsprechend 1.000 bis 1.500 Euro) für den Erwerb eines Bauplatzes noch zu finanzieren.

Beschleunigter Preisanstieg

Bei der Neuordnung der Günterslebener Gemarkung durch die Flurbereinigung wurden 1966 rings um das Dorf etwa 600 auf Bauplatzgröße zugeschnittene Parzellen gebildet, die für eine künftige Bebauung vorgesehen waren. Die allermeisten davon wurden privaten Eigentümern zugeteilt, die entsprechende Flächen in das Flurbereinigungsverfahren eingebracht hatten. Der Gemeinde wurden neben einigen Bauplätzen dabei vor allem auch schon die Trassen für die künftigen Erschließungsstraßen zugewiesen. Damit waren gute Voraussetzungen geschaffen, nachfolgend einen Bereich nach dem anderen als Baugebiet auszuweisen.

Etwa zur gleichen Zeit wurde Güntersleben in das Öffentliche Nahverkehrssystem der Würzburger Straßenbahn einbezogen. Damit war die Stadt um vieles besser erreichbar als bei der bisherigen Anbindung durch privat betriebene Omnibusse. Güntersleben wurde als Wohnort attraktiver. Das belebte die Nachfrage nach Bauplätzen. Und eine größere Nachfrage führt bekanntlich zu höheren Preisen.

Was folgte, war ein sprunghafter Anstieg der Preise für Bauland in Güntersleben, die sich seitdem von der allgemeinen Einkommensentwicklung abkoppelten. 1969 musste man für den Quadratmeter schon 12 DM zahlen und seit 1974 war kein Bauplatz mehr unter 30 DM (16 Euro) je Quadratmeter zu bekommen.

Preisbremse Sozialgebiet

Als die Baulandpreise immer weiter anstiegen, versuchte die Gemeinde gegenzusteuern, um auch Ortsbewohnern mit einem durchschnittlichen Einkommen noch den Erwerb eines Bauplatzes zu ermöglichen. Am Kerlach hatte sie bei der Flurbereinigung größere Flächen geringwertigen Ackerlandes günstig erhalten, die an die mittlerweile erfolgte Bebauung am Kräuterberg angrenzten. Diese nutzte die Gemeinde, um ein sogenanntes Sozialgebiet auszuweisen, also ein Baugebiet, in dem sie Baugrundstücke deutlich unter dem aktuellen Marktpreis zum Kauf an Bauwillige anbot.

In den Genuss dieses vorteilhaften Angebots kam nur, wer schon mehrere Jahre am Ort wohnte, kein eigenes Haus besaß, keinen Bauplatz aus Familienbesitz zu erhoffen hatte und bestimmte Einkommensgrenzen nicht überschritt. Die annähernd 40 Bauplätze verkaufte die Gemeinde zwischen 1980 und 1990 zu einem Quadratmeterpreis von 40 und später 50 DM (umgerechnet ca. 20 bzw. 25 Euro). Damit konnten sich ebenso viele ortsansässige, vorwiegend junge Familien ein Eigenheim bauen, die ansonsten kaum in der Lage gewesen wären, den Baugrund dafür zu erwerben. Denn außerhalb dieses Programms musste man dafür um diese Zeit dafür doppelt so viel oder noch mehr zahlen.

Die kommunale Baulandpolitik der jüngsten Zeit

Die Idee und die Realisierung des Baugebiets am Kerlach war unter sozialpolitischen Gesichtspunkten ungeachtet einiger unschöner Begleiterscheinungen eine wegweisende und für die Ortsentwicklung bedeutsame Weichenstellung. Allerdings blieb es bei dieser einmaligen Aktion, die keine Wiederholung fand. Als in der jüngeren Vergangenheit auf der Platte wiederum ein Baugebiet auf gemeindeeigenen, von der Flurbereinigung gegen ein minimales Entgelt überlassenen Flächen ausgewiesen wurde, spielten derartige Überlegungen wie seinerzeit beim Sozialgebiet Kerlach im Gemeinderat keine Rolle.

Die Gemeinde verkaufte die Bauplätze nach einem Losverfahren an beliebige Interessenten für 180, später 190 Euro; darin war ein Kostenanteil von etwa 40 Euro für die Straßenerschließung inbegriffen. Bei der Preisgestaltung orientierte sich die Gemeinde damit in etwa an dem Niveau, das nach 2010 auf dem privaten Grundstücksmarkt hierorts üblich war, inzwischen aber in Einzelfällen schon wieder deutlich überschritten wird.

Zu einer spürbaren Verteuerung von Baugrund haben in jüngster Zeit zudem die zusätzlich zum reinen Bodenpreis anfallenden Erschließungskosten beigetragen. Waren vor 25 Jahren noch 10 bis 20 Euro je Quadratmeter Bauland für die Herstellung der Straße zu zahlen, so bewegen sich die entsprechenden Kosten für neue Straßenbauten inzwischen im Bereich von 100 Euro.

Längst vorbei die Zeit, in der man einen Bauplatz für ein Monatsgehalt kaufen konnte. Heute muss man dafür ein Jahr und mehr arbeiten.

01/2024

 

Handwerker und Dienstleistungen, die es im Dorf nicht mehr gibt

Zum Jahresende 2023 hat die Gärtnerei Klos die Einstellung ihres Betriebs angekündigt. Vor mehr als 100 Jahren hatte 1921 Josef Klos, der Großvater der letzten Inhaber, mit dem Bau eines Wohnhauses unten am Deisenberg und der Herrichtung eines Ackers für den Anbau von Salat- und Gemüsepflanzen weiter oben am Berg den Grundstock für die erste Gärtnerei in Güntersleben gelegt. Es blieb die einzige und wird vorerst wohl auch die letzte gewesen sein. Damit verschwindet wieder ein Gewerbezweig aus dem Dorfleben, weil die Betriebsnachfolge nicht gewährleistet war oder die angebotenen Dienstleistungen nicht mehr gefragt waren. Beispiele dafür zu finden, fällt nicht schwer.

Die Kleber

Kaum jemand weiß heute noch, wie die bis dahin namenlose Klebergasse 1963 zu ihrem Namen kam. Mit der Entscheidung für diesen Namensvorschlag wollte der Gemeinderat daran erinnern, dass in der unscheinbaren Gasse ehemals mit Martin Kunzemann (1850-1929) einer der beiden Männer wohnte, die als letzte in Güntersleben den Beruf eines Klebers ausübten. Dass er und sein Berufskollege Adam Köhler (1868-1917) sich vorzeitig aus dieser Tätigkeit zurückzogen und keine Nachfolger fanden, war dem Umstand geschuldet, dass sich die Art des Bauens geändert hatte.

Kleber oder Kleiber, wie sie eigentlich hießen, wurden beim Fachwerkbau gebraucht. Sie fügten in die Zwischenräume der Balkenkonstruktion der Gebäude, die sogenannten Gefache, zunächst ein Geflecht aus gespaltenen Holzscheiten, Ästen und Zweigen ein. Diese Stakhölzer, auch Stickholz oder einfach Sticks geheißen, füllten sie dann mit einem Gemisch aus Lehm, Stroh und Wasser aus. Abschließend wurde die aufgetragene Masse, passend zur Balkenstärke des Fachwerks, glattgestrichen.

Eine Ausbildung für ihre Tätigkeit hatten die uns bekannten Günterslebener Kleber nicht. Kunzemann verdiente seinen Lebensunterhalt zunächst als Tagelöhner und Köhler als Maurer. Kleber waren beide nur für wenige Jahre, dann treten sie in den amtlichen Registern seit 1894 bzw. 1908 nur noch als Tagelöhner oder Hilfsarbeiter in Erscheinung.

Um 1850 waren in Güntersleben noch über ein Drittel aller Wohnhäuser und darüber hinaus viele Scheunen ganz oder teilweise Fachwerkbauten. Danach wurden fast nur noch Massivhäuser aus Stein gebaut. Allenfalls Reparaturarbeiten fielen noch an und auch die immer weniger. Damit erledigte sich auch das Geschäft der Kleber.

Die Büttner

Als, auch 1963, die Büttnergasse ihren Namen erhielt, gab es zwar noch Büttner im Dorf. Aber es war schon absehbar, dass ihre Zeit zu Ende gehen würde. Dabei gehörten die Büttner zu den gefragtesten Handwerkern am Ort, als noch Gefäße und Behältnisse jeder Art und Größe aus Holz gefertigt wurden. In einer Gemeinde mit Weinbau waren das vor allem anderen Fässer, Bottiche, Butten und anderes Lesegeschirr. Nicht weniger wichtig waren aber für den alltäglichen Gebrauch Eimer, Wannen, Krüge, Backtröge, Viehtränken, Jauchenfässer und vieles andere, das naturgemäß auch immer wieder einmal erneuert oder ersetzt werden musste.

Im 19. Jahrhundert hatten wir in Güntersleben zeitweise vier oder fünf Büttner, die ihre Dienste anboten. Nebenher betrieben sie wie die meisten anderen Handwerker noch eine kleine Landwirtschaft, wobei entweder das eine oder das andere Haupt- oder Nebenerwerb sein konnte.

Wie kein anderes Gewerbe verbindet man in Güntersleben das Büttnerhandwerk mit zwei Familiennamen, nämlich Keß und Öhrlein. Der Familienname Keß geht auf Nikolaus Keß zurück. Gebürtig aus Ramsthal heiratete er 1721 die Tochter eines Günterslebener Büttners und führte den Betrieb seines Schwiegervaters weiter. Im anderen Fall war es Peter Öhrlein aus Margetshöchheim, der 1702 nach Güntersleben heiratete und damit auch einen bis dahin hier nicht bekannten Familiennamen mitbrachte. Er selbst war Bauer, aber sein Sohn Sebastian Öhrlein befasste sich seit etwa 1730 mit der Büttnerei. Mehr als zwei Dutzend Büttner oder Fassbinder, wie man sie auch nannte, kamen in den nachfolgenden Generationen aus diesen beiden Familienstämmen. Büttner aus anderen Familien konnten nur in einigen wenigen Ausnahmefällen neben diesen in Güntersleben bestehen.

Seitdem immer weniger Gefäße, außer als Dekorationsstücke, aus Holz gefertigt wurden, gab es auch für die Büttner immer weniger zu tun. Georg Keß (1906-1996) war der letzte seiner Zunft mit einer eigenen Werkstatt in Güntersleben.

Die Daubholzmacher

Für die Versorgung der Büttner mit geeignetem Holz hatte sich mit den Daubholzmachern ein eigener Berufsstand entwickelt. Als Dauben oder Fassdauben bezeichnet man die Holzscheite, mit denen die Ummantelung von Fässern und anderen Holzgefäßen hergestellt wird. Überwiegend wurde dafür Eichenholz verwendet, für einfachere Behältnisse genügte auch Nadelholz. In Frage kam nur gut gewachsenes Stammholz von besonderer Güte.

Wenn die Holzfäller im Gemeinde- oder Staatswald am Werk waren, schauten sich die Daubholzmacher nach geeigneten Stämmen um. Was sie davon kaufen oder ersteigern konnten, ließen sie dann auf ihren Abrichtplatz im Dorf schaffen. Mit der Handsäge teilten sie die Stämme auf die Längen, die für die verschiedenen Fassgrößen gefragt waren. Mit Äxten und Keilen wurden die Abschnitte aufgespalten und mit dem Breitbeil die weiche äußere Schicht, der sogenannte Splint, abgeschlagen. Aus dem verbliebenen harten Kern wurden dann die Rohlinge für die Faßdauben, ihrer Form nach starken Brettern ähnlich, herausgearbeitet. Die Arbeit mit dem Beil war beschwerlich und erforderte großes Geschick, weil die Bearbeitung der Holzscheite exakt entlang der Faserung erfolgen musste. Die so hergestellten Rohlinge mussten anschließend noch mehrere Jahre zum Trocknen gelagert werden, bevor sie an die Büttner zur Weiterverarbeitung abgegeben werden konnten.

Der große Waldbestand auf der hiesigen Gemarkung mit den angrenzenden Staatswäldern bot gute Voraussetzungen, dass die Herstellung und der Handel mit Daubholz über längere Zeit ein florierendes Gewerbe in Güntersleben werden konnte. 1931 gab es hier sechs Daubholzhauer, auch sie alle Angehörige der Familien Keß und Öhrlein. Als Arbeitsstätte diente ihnen eine große offene Halle am Ziegelhüttenweg, in der sie das Daubholz bearbeiteten und lagerten. Abnehmer waren zum einen die ortsansässigen Büttner, aber auch – sogar zum größeren Teil – Handwerker in Würzburg und in der Umgebung. Die Holzabfälle, die beim Bearbeiten der Baumstämme anfielen, waren als Brennmaterial sehr gefragt und brachten den Daubholzhauern zusätzlich gute Erlöse.

Die Wagner

Während sich andere Holz verarbeitende Handwerker wie Schreiner oder Zimmerer zwar auch auf veränderte Arbeitstechniken und neuartige Werkstoffe umstellen, aber zu keiner Zeit um ihre Daseinsberechtigung bangen mussten, gehören die Wagner im Dorf der Vergangenheit an.

Ihr Betätigungsfeld war eng mit der Landwirtschaft verbunden. Für die Herstellung und Reparatur von Wägen aller Art und Größe, von Schubkarren, Futterkrippen, Leitern, Werkzeugstielen und was sonst auf den Höfen gebraucht wurde, waren sie in vielfältiger Weise gefragt. Und nicht nur das. Auch wer einen Schlitten oder einen Leierkasten für die Kinder suchte, ging zum Wagner.

Waren in früheren Jahrhunderten gleichzeitig drei, manchmal auch vier Wagner in Güntersleben ansässig, waren es zuletzt noch zwei, die ihrem Handwerk treu geblieben waren: Michael Schneider (1876-1961), dessen Sohn Vinzenz den Betrieb noch einige Jahre weiterführte, und Stefan Rüth (1899-1985). Wie ihren Vorgängern genügte ihnen als Werkstatt ein Raum in ihrem Wohnhaus, in beiden Fällen so klein, dass man treffender von einer Kammer reden müsste. Für größere Objekte verlagerten die Wagner ihren Betrieb vor die Türe auf die angrenzenden Straßen. Gestört hat das damals niemand.

Die Schuster

Wie eine Anzahl weiterer Dorfstraßen erhielt 1963 auch die bis dahin nur 3. Gasse genannte Schustergasse ihren seitdem geltenden amtlichen neuen Namen. Tatsächlich gab es zu der Zeit auch noch mehrere Schuster in Güntersleben, von denen zwei sogar in besagter Gasse wohnten, so dass die Namenswahl naheliegend war. Allerdings beschränkte sich die Tätigkeit der Schuster da schon weitgehend auf das Reparieren. Meist ging es um das neue Besohlen von abgetragenem Schuhwerk. Und auch das war zunehmend weniger gefragt. Statt Schuhe reparieren zu lassen, kaufte man immer öfter gleich neue Schuhe. So gab es nach 1990 nur noch drei Schuster in Güntersleben, die nebenher noch Schuhe reparierten, bevor auch sie bald darauf ihre Tätigkeit ganz einstellten.

Dabei gehörten die Schuster oder Schuhmacher, als sie das im Wortsinne noch waren, ehemals zu den meistbeanspruchten Handwerkern im Dorf. Schuhe brauchten alle und um diese herzustellen, benötigte man besondere Fachkenntnisse und Erfahrung. Und auch bei sorgfältigstem Gebrauch blieb es nicht aus, dass Schuhe immer wieder einmal ausgebessert und in Teilen erneuert werden mussten, wozu in den seltensten Fällen ihre Besitzer selbst in der Lage waren. So verwundert es nicht, dass um 1875 acht Schuhmacher in Güntersleben ihr Auskommen hatten.

Mit dem Aufkommen der industriellen Produktion lohnte sich aber die handwerkliche Einzelanfertigung von Schuhen immer weniger. Die verbliebenen Schuster – zeitweise immer noch drei bis fünf in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts – wechselten von der Eigenherstellung über auf den Schuhhandel. Ihr begrenztes Angebot wurde aber immer weniger konkurrenzfähig, je mehr die Dorfbewohner die Möglichkeiten der sehr viel größeren Auswahl in den Ladengeschäften der nahen Stadt nutzen konnten. Damit blieb nur noch die Reparaturarbeit, bis auch diese so zurückging, dass sie als Lebensgrundlage nicht mehr genug hergab.

Die Schneider

Aus Märchen und Erzählungen kennen wir das Bild vom tapferen oder armen Schneiderlein. Letzteres beschreibt auch treffend die Umstände, unter denen früher die Schneider in Güntersleben ihr Handwerk ausübten. Im Sozialgefüge des Dorfes gehörten sie traditionell zu den unteren Schichten und wurden von den Angehörigen besser gestellter Kreise eher von oben herab betrachtet. So stellte sich die Situation zumindest bis ins beginnende 20. Jahrhundert dar.

Obwohl Kleider genauso gebraucht wurden wie Schuhe, waren doch die Verdienstmöglichkeiten der Schneider weitaus bescheidener als die der Schuhmacher. Kleider hatten zumeist eine längere Lebensdauer als Schuhe. Einfache und oft auch aufwendigere Ausbesserungen konnten geschickte Hausfrauen selbst vornehmen und viele waren auch imstande, Kinder- oder Alltagskleider selbst zu nähen.

Wo andere Handwerksberufe noch lange den Männern vorbehalten blieben, gelang es zuletzt auch Frauen im Schneiderhandwerk Fuß zu fassen. 1954 waren in Güntersleben noch drei Schneider und ebenso viele Schneiderinnen im Gewerberegister erfasst, letztere allerdings nur als Damenschneiderinnen, 1983 als letzte Vertreterinnen ihrer Profession noch Magda Lother und Käthe Kuhn.

Die Leinenweber

Sehr viel früher endete die Zeit der Leinenweber in Güntersleben. Um 1750 lassen sich die ersten hierorts nachweisen. Aus den Fasern des Lein oder Flachs fertigten sie nach mehreren Arbeitsschritten auf dem Spinnrad das Garn, das sie auf ihren Handwebstühlen zu Stoffen verarbeiteten. Das Leintuch oder Linnen wurde vor allem für Bettwäsche und Handtücher, aber auch für Hemden und andere Kleidungsstücke verwendet.

Um 1850 arbeiteten in Güntersleben bis zu sechs Leinenweber. Allzu einträglich war ihr Gewerbe allerdings nicht. Das Aufkommen von Webmaschinen, die als Wegbereiter der industriellen Revolution und im Gefolge davon der sozialen Verelendung weiter Bevölkerungskreise gelten, hatte auch in Güntersleben einen ziemlich abrupten Niedergang der Leinenweberei zur Folge. 1892 starb mit Lorenz Öhrlein der letzte Leinenweber in Güntersleben.

… und noch manche andere

Die Reihe der Handwerksberufe, die ehedem im Dorf gebraucht wurden, über die aber mittlerweile die Zeit hinweggegangen ist, ließe sich fortsetzen. Ziegler, Kalkbrenner, Müller, Sattler, Hufschmiede und weitere könnte man noch nennen. Andere sind neu hinzugekommen, die man früher nicht kannte. Es wird nicht dabei bleiben. Denn „Nichts ist so beständig wie der Wandel“, wie der griechische Philosoph Heraklit schon vor mehr als zweieinhalb Jahrtausenden erkannte.

12/2023

 

 

Das Armenhaus

„Dahier besteht ein Armenhaus. In diesem sind untergebracht: 6 männliche und 7 weibliche Personen. Unter diesen sind 3 einzeln lebende Personen, 1 Familie mit 2 Personen, 2 Familien mit je 4 Personen.“ So berichtete die Gemeindeverwaltung Güntersleben in einem Schreiben vom 21. Januar 1875 an das Königliche Bezirksamt Würzburg. 13 Personen in den wenigen mehr als bescheiden eingerichteten Zimmerchen im Erdgeschoss und unter dem Dach des Hauses am Kuhhaug. Nicht immer waren es so viele. Es konnten aber zeitweise auch noch mehr sein.

Bevor es ein Armenhaus gab

Einen gesetzlichen Anspruch auf öffentliche Unterstützungsleistungen, wenn man in Not ist, gibt es bei uns seit 1787. In seiner Verordnung über die Armenpolizei auf dem Lande bestimmte Fürstbischof Franz Ludwig von Erthal, dass alle Gemeinden eine Ortsarmenkommission einzurichten hatten, die sich um die Hilfsbedürftigen im Dorf kümmern sollte. Es galt der Grundsatz, dass jede Gemeinde ihre Armen selbst zu versorgen hatte.

Soweit es um Hilfen für den Lebensunterhalt, Nahrung und Kleidung geht, sind dafür inzwischen die höheren kommunalen Ebenen zuständig. Für die Unterbringung von obdachlosen Ortsbewohnern sind heute wie früher die Gemeinden verantwortlich. Bei den beengten Wohnverhältnissen in vergangener Zeit war das oft noch um einiges schwieriger als es nach wie vor ist.

Im Februar 1818 berichtete die Gemeinde an ihre Aufsichtsbehörde, das Kgl. Landgericht Würzburg, dass sie sich nicht in der Lage sehe, einem 48-jährigen Ortsbewohner nach der Verbüßung einer Strafhaft eine Wohnung zu verschaffen. Vehement widersprach sie dessen Behauptung, dass hier „leere Häuser vorhanden wären, indem manche Einwohner mit Weib und Kindern im Miethzinse herumziehen müssen“.

In einem anderen Bericht vom Juni 1820 teilte die Gemeinde dem Kgl. Landgericht mit, dass sie „ganz außer Stand gesetzt“ sei, einer jungen Familie, die ihre bisherige Wohnung räumen sollte, ein anderes „Quartier anzuweisen“. Das ließ das Landgericht nicht gelten. Da die Gemeinde den Familienvater als Bürger angenommen habe, habe sie auch „für die Unterkunft desselben und seiner Familie zu sorgen.“ Schroff wies es die Gemeinde an, die Familie „heute noch zur Vermeidung von 10 Talern Strafe entweder in einem Gemeindehause oder in der Wohnung eines Privatmannes unterzubringen.“ Sei die Familie nicht in der Lage, ein angemessenes „Hauswirtsgeld“ zu zahlen, müsse die Gemeinde dafür haften.

Das Rathaus wird Armenhaus

An Gemeindehäusern gab es damals neben dem alten Schulhaus am Kirchplatz nur das Rathaus, 1733 beim Aufgang zur Kirche an der heutigen Josef-Weber-Straße gebaut (das spätere Frühmessnerhaus). Ob die genannte Familie schon damals dort untergebracht wurde oder wie in anderen Fällen eine Wohnung bei einem privaten Eigentümer angemietet werden musste, ist nicht bekannt.

1838 baute die Gemeinde ein neues Schulhaus am Kirchplatz, das heutige Kolpinghaus. Die Gemeindeverwaltung zog in das frei gewordene alte Schulhaus um, das wir heute als Altes Rathaus kennen. Im Dezember 1839 beschloss der Armenpflegschaftsrat, „daß sämtliche hier vorfindliche Arme, um die merk­lichen Hausmieten zu beseitigen, in dem ehemaligen Gemeinde-Rathaus mittels Einrichtung einer Küche auf Kosten der Gemeinde, sollen untergebracht werden. Es wurde daher Ge­mein­depfleger angewiesen, diese nötige Einrichtung unverzüglich herstellen zu lassen und sodann die Armen dahin unterzubringen.“ Welche und wie viele Familien und Alleinstehende Aufnahme fanden, wurde nicht aufgezeichnet. Für ein gutes Jahrzehnt war jedenfalls das ehemals erste Rathaus am Aufgang zur Kirche jetzt das erste Armenhaus von Güntersleben.

Das Armenhaus am Kuhhaug

Zu den ältesten Einrichtungen der Gemeinde, schon vor 1600 erwähnt, gehörte das Hirtenhaus am Kuhhaug. 1727 und dann ein weiteres Mal 1810 neu gebaut, handelt es sich um das erste Haus auf der linken Seite am Anstieg der heutigen Neubergstraße. Wie der Name sagt, diente das Haus den Gemeindehirten als Unterkunft. Die meist von auswärts kommenden Hirten wurden von der Gemeinde, in der Regel immer für ein Jahr, verpflichtet und hatten die Aufgabe, allmorgendlich das Vieh der Bauern – Kühe, Schweine, Ziegen, Gänse – in die umliegenden Wälder und auf die brach liegenden Felder zur Weide zu treiben und zu hüten. Mit dem Aufkommen der Stallviehhaltung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts brauchte man keinen Hirten mehr und damit auch kein Hirtenhaus mehr.

In der Gemeinderechnung von 1852 findet sich eine Zahlungsanweisung über eine größere Summe an einen Schreiner für Arbeiten im Hirtenhaus, das „nun den Armen zur Bewohnung eingeräumt“ ist, wie auf einem Zusatz vermerkt ist. Das Hirtenhaus wurde damit in diesem Jahr zum Armenhaus der Gemeinde, das es für die nächsten mehr als 100 Jahre bleiben sollte.

Die Bewohner des Armenhauses

Wer einen Wohnplatz im Armenhaus haben wollte, der musste sich an die Ortsarmen-Kommission oder den Armenpflegschaftsrat oder Fürsorgeausschuss wenden, wie diese später mehrfach umbenannt wurde. Dem Gremium gehörten der Pfarrer als Vorsitzender, der Ortsvorsteher oder Bürgermeister und weitere Vertreter der Gemeinde an. Zu denen, die mit ihrem Aufnahmebegehren Gehör fanden, gehörten alleinstehende Personen, die niemand hatten, bei dem sie wohnen konnten, Witwen und Witwer oder unverheiratet gebliebene Männer und Frauen. Aber auch Familien mit Kindern lebten auf engstem Raum mit anderen Bewohnern im Armenhaus, verlassene Ehefrauen mit ihren Kindern; manchmal hatte man gleichzeitig auch noch eine eigene Kammer für den arbeitsscheuen Ehemann, der seine Familie im Stich gelassen hatte. Meistens aber war es Arbeitsunfähigkeit durch Krankheit oder Alter, die auch manche ältere Ehepaare ins Armenhaus brachte, wenn sie ohne Kinder waren, die sie versorgen konnten.

1876 zog Margareta Dorsch, die Frau des verarmten früheren Mühlenbesitzers, mit ihren Kindern in das Armenhaus und lebte wie die meisten Mitbewohner von Unterstützungsleistungen aus der Armenkasse. Nachdem 1884 auch ihr Mann hinzugekommen war, starb sie im Jahr darauf mit 53 Jahren im Armenhaus. Was aus dem zwei Jahre jüngeren Müller Albrecht Dorsch dann wurde, ist nicht bekannt.

Langzeitbewohner

Auch viele andere wohnten bis an ihr Lebensende im Armenhaus, wenn sie nicht vorher Aufnahme als Pfründner auf einen der drei für Güntersleben vorbehaltenen Heimplätze im Juliusspital fanden.

Verbesserten sich die Lebensumstände von Armenhäuslern, wie man die Bewohner im Dorf nannte, so dass sie wieder selbst oder Angehörige für sie sorgen konnten, dann mussten sie das Haus verlassen oder eine Miete zahlen, wenn der Platz nicht für dringender Bedürftige benötigt wurde. Wo das für zumutbar erachtet wurde, konnte jemand auch zu Arbeitsleistungen verpflichtet werden, um seinen Aufenthalt mitzufinanzieren. Der Armenhäusler Peter Schmitt wurde im Frühjahr 1890 von der Gemeindeverwaltung zum Gänsehirten bestellt. Nach der Drohung mit einer Anzeige zum kgl. Bezirksamt erklärte er auch, „den Dienst annehmen zu wollen.“ Im gleichen und nochmals im darauffolgenden Jahr wurde dem Armenhausbewohner Adam Köhler aufgegeben, im Wald das Holz für die Beheizung der Kinderbewahranstalt zu machen, „um ihm Beschäftigung und Verdienst zu geben.“ Auch er war damit einverstanden.

Nicht jeder war aber bereit, den Anweisungen der Gemeinde gleich Folge zu leisten, vor allem wenn es darum ging, den Platz im Armenhaus freizugeben. Im Juni 1908 verlangte die Gemeinde von den beiden verheirateten, einer geregelten Arbeit aber nicht sehr zugetanen Armenhausbewohnern, dem 37-jährigen Büttner Michael Keß und dem 39-jährigen Tüncher Michael Sendelbach, da sie „jung und kräftig sind, ihre Familien selbständig zu ernähren“, sich innerhalb von vier Wochen nach einer anderen Wohnung umzusehen. Keß wohnte mit seiner Familie im Armenhaus, Sendelbach lebte getrennt von Frau und Kindern, die später auch ins Armenhaus aufgenommen werden mussten. Trotz Drohung mit einer Anzeige blieb die Aufforderung in beiden Fällen erfolglos. Alle paar Jahre nahm die Gemeinde einen neuen Anlauf, die unerwünschten Bewohner aus dem Haus zu bringen. Doch die dachten nicht daran, ignorierten auch die angekündigten Strafanzeigen und Zahlungsaufforderungen und lebten noch viele Jahre bis ans Ende ihrer Tage im Armenhaus. Michael Sendelbach starb 1930 und Michael Keß 1949.

Lediglich bei den Zimmergenossen von Sendelbach, die aber nicht seine Familienangehörigen waren, scheint die Gemeinde erfolgreicher gewesen zu sein. Im Januar 1920 wurde festgestellt, dass Sendelbach in seinem Zimmer „Stallhasen unterhält“. Er wurde angehalten, „die Stallhasen sofort herauszunehmen“. Offenbar mit Erfolg.

Strenge Hausordnung und bescheidene Ausstattung

Generell wurde streng darauf geachtet, dass sich die Armenhausbewohner ordentlich benahmen. In einer seiner allmonatlichen Sitzungen im Februar 1901 beschloss der Armenpflegschaftsrat, dass dem Armenhausbewohner Adam Jäger „wegen ungezogenen Betragens die bisher im Turnus bezogene Kost auf 14 Tage entzogen werden“ soll. Der gute Mann musste sich während dieser Zeit wohl etwas von den Mitbewohnern schnorren, sofern er nicht andere Wege fand, seinen Hunger zu stillen.

Auch die rigide Hausordnung, die der Armenpflegschaftsrat 1914 in Kraft setzte, sah für Zuwiderhandlungen neben anderen Strafen „die Entziehung der Kost oder des weichen Lagers“ vor. Weiter heißt es dort: „Die Inwohner haben untereinander Ruhe und Frieden zu bewahren und einen anständigen gesitteten Lebenswandel zu führen, Lärmen, Schreien und Schelten ist verboten.“ Sie haben „im Winter spätestens um 9 Uhr, im Sommer um 10 Uhr das Licht zu löschen und sich zu Bett zu begeben.“ Über allem galt, dass die Armenhausbewohner „den Anordnungen des Vorstandes des Armenpflegschaftsrates oder seines Stellvertreters allezeit unausweichlich Folge zu leisten“ haben.

Bei der Ausstattung und Erhaltung der Einrichtung im Armenhaus hielt sich die Gemeinde sehr zurück. Nicht selten bedurfte es erst einer Aufforderung der Aufsichtsbehörde, dass man die schlimmsten Missstände beseitigte. Da ging es um Öfen, die eine Brandgefahr darstellten. Eine schadhafte Treppe wurde erst nach einer Weisung von höherer Stelle ausgebessert. Notwendige Reparaturen unterblieben unter Hinweis auf fehlende Arbeitskräfte.

Das Armenhaus hat ausgedient

Gerade in der Zeit nach dem Ende der beiden Weltkriege war der Andrang auf freie Plätze im Armenhaus groß. Als jedoch seit den 1950er Jahren die Wohnungsnot allmählich zurückging und gleichzeitig die Ansprüche an den Wohnkomfort wuchsen, sah die Gemeinde immer weniger Bedarf an die Vorhaltung eines Armenhauses. Schließlich verkaufte sie 1970 das Haus zu einem damals marktüblichen Preis an den Mieter, der seit einigen Jahren mit seiner Familie das Haus bewohnte.

11/2023

 

 

 

Immer erreichbar: Vom ersten Telefon zum Handy

Es ist noch nicht so lange her, da schrieb man einen Brief oder eine Postkarte, wenn man jemandem außerhalb des eigenen Wohnortes oder Angehörigen und Freunden aus dem Urlaub eine Nachricht übermitteln wollte. Im Dorf selbst machte man sich auf den Weg zu seinem Gesprächspartner oder wartete darauf, dass man sich wieder einmal begegnete. Heute greift man dafür zum Telefonhörer oder – noch häufiger – spricht oder tippt ins Handy. Wo und wann man gerade Lust dazu verspürt.

Das erste Telefon

Rund 20 Jahre, nachdem in Deutschland der Aufbau von Telefonnetzen begonnen hatte, wurde auch Güntersleben angeschlossen. Zum 1. Februar 1900 wurde in der Poststelle das erste Telefon in Betrieb genommen. Die Poststelle war auch noch neu. Sie war erst wenige Monate vorher in der Ortsmitte im Haus des Bürgermeisters eingerichtet worden, der damit zugleich auch der Posthalter war.

Bei dem einen Telefon im Dorf blieb es für die nächsten Jahre erst einmal und es wurde auch wenig genutzt. Denn Telefongespräche waren teuer. Für ein 3-Minuten-Gespräch im Nahbereich bis 25 Kilometer zahlte man 20 Pfennige, also fast den Stundenlohn eines Bauhandwerkers. 1912 klagte der Gemeinderat, dass Güntersleben telefonisch immer noch kaum zu erreichen sei, weil das einzige Telefon in der Poststelle nur während der wenigen Postdienststunden besetzt sei.

Ein kostspieliger Luxus

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte dann auch der Hauptlehrer und Schulleiter Nikolaus Oswald ein Telefon, das ihm aber bald zu teuer wurde. Als bekannt wurde, dass er es deshalb wieder abmelden wollte, bewilligte ihm der Gemeinderat ab Juni 1920 einen jährlichen Zuschuss von 60 Mark. Begründung für den einstimmig gefassten Beschluss: „Das Telefon ist das einzige Privattelefon und ist unter Umständen von sehr großem Vorteil für die ganze Gemeinde.“

1931 waren in Güntersleben sieben Telefone installiert. Das waren der öffentliche Fernsprecher in der Poststelle, das Forsthaus und der staatliche Forstwart hatten jeweils einen Anschluss, außerdem das Lagerhaus, ein Fahrradhändler und zwei Gasthäuser. Die beiden anderen Gasthäuser und das Rathaus bekamen erst in den folgenden Jahren auch ein Telefon.

Mehr Autos als Telefone

1957 lehnte es der Gemeinderat im Einvernehmen mit dem Bürgermeister ab, für diesen einen Telefonanschluss einrichten zu lassen, damit er auch außerhalb der Dienststunden des Rathauses erreichbar sei. In unmittelbarer Nähe der Wohnung des Bürgermeisters gebe es schon „genug Telefone“. Tatsächlich konnte man diese wohl an den Fingern einer Hand abzählen. Denn auch noch 1962 waren im gesamten Ort, abgesehen von der Post, nur 27 Telefonanschlüsse installiert. Wichtiger als ein Telefon war vielen erst einmal ein eigenes Auto. So waren um diese Zeit in Güntersleben mehr als dreimal so viele Autos zugelassen als Telefonnummern vergeben.

Wenn man doch einmal einen Anruf tätigen musste, ging man aufs Rathaus, ins Lagerhaus oder in eines der Gasthäuser, wobei man bei letzteren ordentlich zahlen musste. Bei 50 Pfennig je Einheit hielt sich demgemäß die Nachfrage auch in Grenzen.

Das war aber immer noch günstiger als ein Telegramm, das man auf der Poststelle aufgeben konnte. Man diktierte dem Postbeamten den Text, der gab den mündlich über das Telefon weiter. Am Zielort schrieb ihn der dortige Postbeamte auf ein Formular, das der Postbote dann schnellstmöglich dem Empfänger aushändigte. Die Gebühr richtete sich nach der Anzahl der Wörter, die übermittelt werden sollten. Daraus entwickelte sich der sprichwörtliche Telegrammstil, wie ihn Reinhard Mey 1969 in einem Songtext treffend wiedergab: „Ankomme Freitag, den 13.“ Zum Jahresende 2022 stellte die Post diesen Dienst ein, weil er nur noch wenig gefragt war. Für die Weitergabe von Kurznachrichten muss man heute nicht mehr eigens zur Poststelle.

Fasse dich kurz – in der öffentlichen Telefonzelle

1965 bekam Güntersleben am Lagerhaus eine öffentliche Telefonzelle, die man rund um die Uhr nutzen konnte. Drei Jahre hatte es gedauert, bis die Post den wiederholten Anträgen des Gemeinderats stattgab und das „Telefonhäuschen“ aufstellte. „Fasse dich kurz“ stand an der Zugangstüre, was nur allzu berechtigt war, denn nicht selten fand man sich erst in einer Warteschlange, bis der Platz am Münzfernsprecher frei war.

Gleichwohl schien damit der Bedarf zunächst aber gedeckt. Denn auch noch 1970 hatten von den über 700 Haushalten in Güntersleben gerade einmal 54 einen eigenen Telefonanschluss. Vorherrschende Meinung war da immer noch, dass ein Telefon eigentlich nur für Geschäfte, Handwerker und Einrichtungen mit Publikumskontakten den Aufwand wert sei. Auf eine schnellere Entwicklung war auch die Post nicht eingestellt. Denn wer einen neuen Anschluss beantragte, musste oft viele Wochen warten, bis die Techniker der Post kamen und die Verbindung herstellten.

Auch mit der Aufstellung einer weiteren Telefonzelle ließ sich die Post viel Zeit. 1973 kündigte die Post an, dass sie die Möglichkeit prüfe, vertröstete dann aber die Gemeinde immer wieder unter Hinweis darauf, dass die Wirtschaftlichkeit nicht gesichert sei. Als dann 1986 ein zweites Telefonhäuschen endlich am Laurenziweg stand, hatten mittlerweile so viele Familien ihr eigenes Telefon, dass der Bedarf für einen öffentlichen Fernsprecher tatsächlich nur noch sehr überschaubar war.

Inzwischen haben die Telefonhäuschen nicht nur in Güntersleben längst ausgedient. Als sie entfernt wurden, hat das kaum jemand zur Kenntnis genommen. Nach den Ankündigungen der Post sollen die wenigen noch bestehenden Einrichtungen dieser Art im Laufe des Jahres 2023 außer Betrieb genommen werden.

Der Siegeszug der Mobiltelefone

Mehr als ein dreiviertel Jahrhundert dauerte es, bis das Telefon von der Aufstellung des ersten Apparates in der Poststelle den Weg in alle Haushalte in Güntersleben fand. Kaum dass es so weit war, kamen in den 1990er Jahren mit den Handys die mobilen Geräte auf den Markt. Wie in vielen anderen Bereichen ging auch hier die Entwicklung in ungleich schnellerem Tempo voran und beschleunigt sich, wie es scheint, immer noch weiter. In kaum mehr als zwei Jahrzehnten wurde das Handy mit seinen stetig und scheinbar unaufhaltsam erweiterten Funktionen zu einem zu jeder Zeit und an jedem Ort verfügbaren Gebrauchsgegenstand, den die meisten von uns für unverzichtbar halten.

Die Zeiten, zu denen es in Güntersleben mehr Autos als Telefone gab, sind lange vorbei. Statistisch auf alle Einwohner jeden Alters bezogen, hat heute etwa jeder zweite Günterslebener ein Auto. Die Zahl der Handys liegt sicher um einiges höher. Und vor allem: Das Handy gehört schon zur Grundausstattung der Heranwachsenden, bevor diese überhaupt an ein eigenes Auto denken können.

Und noch etwas ist anzumerken: Mit der Verbreitung der modernen Kommunikationsmittel kommt der schriftliche Nachrichtenaustausch, auch im privaten Bereich, immer mehr außer Mode. Alte Briefe und Postkarten, ob zufällig erhalten oder bewusst aufbewahrt, sind aber oft wahre Fundgruben der persönlichen Erinnerung und der Familiengeschichte. Ob die Flut der Bilder, die wir auf unseren Handys speichern und die flüchtigen Kurznachrichten das ersetzen können?

06/2023

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Strom im Haus

Der Bau der Wasserleitung im Jahr 1909 war für Güntersleben ein Riesenschritt zu mehr Wohnqualität. Statt das Wasser mit Butten und Eimern aus den Dorfbrunnen mühselig herbeizutragen, konnte man sich jetzt ganz bequem aus der Leitung im Haus oder auf dem Hof bedienen.

Strom aus der Steckdose gab es zu der Zeit noch nicht. Wollte man nach Einbruch der Dämmerung nicht im Dunkeln sitzen, musste man Kerzen oder Petroleumlampen anzünden. Viel mehr als ein schummeriges Licht gaben die nicht von sich, dafür aber oft unangenehme Ausdünstungen und sie waren bei Unachtsamkeit auch eine ständige Gefahrenquelle. So kann es nicht verwundern, dass bald nach der Wasserleitung auch die Stromversorgung zum Thema wurde. Aber wie dort sollte es auch hier geraume Zeit dauern, bis der Wunsch zur Wirklichkeit wurde.

Ein früher, aber erfolgloser Anlauf

In Deutschland wurden seit etwa 1900 die ersten Haushalte, vornehmlich in den städtischen Ballungsgebieten, mit elektrischem Strom versorgt. Ein Jahrzehnt später war es dann so weit, dass sich auch verschiedene Gemeinden in unserer Region mit der Frage einer Stromversorgung befassten, sei es durch Eigenerzeugung oder durch den Anschluss an eines der regionalen Versorgungsunternehmen, die damals entstanden.

Im März 1911 stimmten auf einer Gemeindeversammlung in Güntersleben alle 85 anwesenden Bürger für einen Anschluss an das Stromnetz der Fränkischen Überlandzentrale Lülsfeld. Die Verträge wurden von der Gemeindeverwaltung auch sogleich unterschrieben und zwei Tage später an das Kgl. Bezirksamt geschickt. Weil aber noch nicht alle Bedingungen klar seien, sollte dieses die Verträge vorerst allerdings nicht weiterleiten. Die Sache zog sich hin. Die Gemeinde verlangte genauere Informationen, „weil die Einwohner noch viel zu wenig über den Kostenpunkt u.s.w. unterrichtet sind.“ Es wurde November 1912, bis die Gemeindeverwaltung ihre hinhaltende Taktik aufgab und den Vertrag schließlich freigab, wie es im Sitzungsprotokoll heißt, „aufgrund der Ausführungen des Vertreters der genannten Gesellschaft“. Entscheidender war aber wohl, dass das Bezirksamt drängte und auch die Bevölkerung nicht länger warten wollte.

Als es dann aber um die Finanzierung ging, zeigte sich, dass die Meinungen der Bürger durchaus geteilt waren. Weil die Gemeinde noch für viele Jahre mit dem Schuldendienst für die erst neu gebaute Wasserleitung belastet war und damit die Mittel für ein weiteres größeres Projekt fehlten, sollte auf den Bierverkauf eine Sonderabgabe von 60 Pfennig je Hektoliter erhoben werden. Als darüber in der Gemeindeversammlung abgestimmt wurde, kam die erforderliche Mehrheit unter den stimmberechtigten Bürgern nicht zustande. Unter denen, die dagegen stimmten, waren die drei Günterslebener Gastwirte. Auf sie bezog sich wohl auch der Vermerk, den der darob verärgerte Gemeindekassier der Gemeinderechnung beifügte: „Hetze verursacht“.

Von weiteren Bemühungen, das Vorhaben doch noch zu verwirklichen, liest man dann erst einmal nichts mehr. Der Kriegsausbruch im August 1914 stoppte dann endgültig alle Pläne, so diese noch aktuell waren. Die dunklen Jahre, die folgten, wurden in den Wohnungen der Dorfbewohner noch dunkler, als gegen Ende des Krieges und in der Nachkriegszeit auch noch die Leuchtmittel wie Petroleum, Karbid, aber auch Kerzen knapp wurden und nur noch in begrenzten Rationen zugeteilt wurden.

Auch der zweite Anlauf war holprig

Zwei Jahre nach dem Kriegsende beschäftigte sich der Gemeinderat im Herbst 1920 wieder mit der Frage der Stromversorgung, und jetzt sollte es ganz schnell gehen. Und siehe da, nach wenigen Tagen war schon ein Vertrag abgeschlossen, den der Gemeinderat dann aber nicht akzeptierte. Wenn man in den Sitzungsprotollen nachliest, wie dieser Vertrag zustande kam, kann man das auch gut verstehen. Demnach lud der Gemeindediener auf Veranlassung eines Firmenvertreters mit der Ortsschelle gerade einmal anderthalb Stunden vor Beginn zu einer „Gemeindeversammlung bei Joßberger betreffend Einführung des elektrischen Lichtes“ ein. Die Anzahl der Besucher scheint nach der kurzfristigen Einladung nicht allzu groß gewesen zu sein. Auch vom Gemeinderat waren nicht einmal alle Mitglieder des Ausschusses dabei, der eigens zur Vorbereitung der mit dem Stromanschluss zusammenhängenden Fragen gebildet worden war. Ihre Kollegen wollten von der Einladung nichts mitbekommen haben. Was bei der Werbeveranstaltung zu hören war, hat die drei anwesenden Gemeinderatsmitglieder offenbar so beeindruckt, dass sie noch am gleichen Abend im Wirtshaus die Verträge über den Kauf einer Maschine zur Eigenerzeugung von Strom und die Installation des Ortsnetzes über rund 250.000 Mark unterschrieben. Die Eile schien ihnen wohl deshalb geboten, weil für die allernächste Zeit drastische Preiserhöhungen angekündigt wurden.

Gleich in der nächsten Sitzung erklärte der Gemeinderat, auch mit den Stimmen der Unterzeichner, die Verträge „für null und nichtig“. Der Hersteller der Stromerzeugungsmaschine, die Fa. Benz, wollte das nicht hinnehmen und schickte ihre Anwälte ins Gefecht. Für die Gemeinde legte sich der Hauptlehrer Oswald in seiner Funktion als Gemeindeschreiber mächtig ins Zeug. Ein dreiviertel Jahr lang gingen Schriftsätze hin und her. Dann erklärte sich im November 1921 die Installationsfirma, die den Handel vermittelt hatte, bereit, die Maschine zu übernehmen und die Gemeinde von allen Kosten freizustellen. Dafür durfte sie dann auch den Auftrag für den Aufbau des Ortsnetzes und die Einrichtung der Hausanschlüsse behalten.

Inzwischen hatte sich der Gemeinderat dafür entschieden, den Strom nicht selbst zu erzeugen, sondern von der Kreis-Elektra zu beziehen, wie das bis heute der Fall ist, auch wenn die Lieferanten inzwischen mehrfach gewechselt haben.

Mit der Inbetriebnahme der Anlage im Frühsommer 1922 wurde es in den Wohnstuben der Günterslebener hell. Gleichzeitig wurden 17 Straßenlampen mit elektrischen Glühbirnen aufgestellt, die alten Petroleumlaternen hatten damit ausgedient. Über die einzelnen Standorte sollte der Bürgermeister im Einvernehmen mit der Installationsfirma und zwei Gemeinderatsmitgliedern entscheiden. Bei der Ausstattung der öffentlichen Gebäude wie Schule und Rathaus wollte es der Gemeinderat aber genau wissen. Über die Anzahl der Lampen und der Lichtschalter sowie „die Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit der einzelnen Brennstellen“ wollte er erst nach einer Besichtigung der Gebäude entscheiden.

Stromausfälle und Gewitterkerzen

Sehr zuverlässig war die Stromversorgung lange Zeit nicht. Solange die Zuleitung nur aus einer Richtung erfolgte, führte jede Störung an der Leitung gleich immer zu mehr oder weniger langen Unterbrechungen. Vorsichtshalber hatte man daher auch nach der Elektrifizierung der Orgel in der Kirche den bis dahin mit Muskelkraft bewegten Blasbalg nicht ausgebaut. Und der musste bis weit in die 1960er Jahre immer wieder einmal betätigt werden, wenn just während des Gottesdienstes der Strom wegblieb.

In den meisten Haushalten hatte man für solche Fälle ein paar Kerzen in Reichweite, die man anzünden konnte, wenn das Licht ausging. Oft waren das sogenannte Gewitterkerzen, die schwarz eingefärbt waren und ihren Namen davon hatten, weil sie vorsorglich bei Gewittern angezündet wurden, weil in deren Verlauf häufig der Strom ausfiel.

Größere Unannehmlichkeiten als dass es dunkel im Haus wurde, löste ein Stromausfall in früherer Zeit allerdings im Allgemeinen nicht aus. Heute, wo unsere Häuser mit einer Vielzahl technischer Geräte ausgestattet sind, die am Strom hängen, stehen wir bei einem – glücklicherweise höchst seltenen – Stromausfall ziemlich hilflos und verlassen da, weil vieles, auf das wir uns angewiesen glauben oder auch wirklich sind, nicht mehr funktioniert. Vernetzung schafft eben, in der großen wie in unserer kleinen Welt, auch Abhängigkeiten, denen wir ausgeliefert sind.

06/2023

 

 

Wie Güntersleben zu Straßennamen und Hausnummern kam

„Straßennamen, Straßennamensschilder und Hausnummern tragen wesentlich zur Orientierung in der Gemeinde bei.“ Dieser Feststellung des Bayerischen Innenministers in einer Bekanntmachung von 1987 wird niemand widersprechen wollen. Dass jede Straße einen von der Gemeinde festgelegten Namen und jedes Haus eine ebenfalls amtlich vergebene Hausnummer hat, ist für uns heute selbstverständlich. Wie man sich früher, auch als das Dorf noch kleiner war, ohne diese Kennzeichnungen zurechtgefunden hat, können wir uns kaum noch vorstellen.

Die ältesten Straßennamen

Zum ersten Mal begegnen uns in Güntersleben Straßennamen in einem Schatzungsbuch von 1698. Darin sind alle damaligen Anwesen aufgeführt und bei einigen wenigen wird zur Lagebeschreibung ein Straßenname genannt: Die Lange Gasse, aus der später die Langgasse wurde. Der Kühehaug, heute die Neubergstraße. Das Westert, heute die Thüngersheimer Straße, aber im örtlichen Sprachgebrauch immer noch fortlebend. Das Stiegelein, später in Steile Gasse umbenannt, heute die Zehntgasse. Die Bachgasse und eine Wethgasse, die wir heute als Kronengasse und Kirchgasse kennen. Die weiteren Dorfstraßen sind noch ohne Namen und werden einfach als gemeine Gassen, also Gemeindegassen, bezeichnet.

Hausnummern kannte man 1698, als das Schatzungsbuch angelegt wurde, noch nicht. Stattdessen gab man – wie auch bei den Äckern in der Flur – die Besitzer der Nachbargrundstücke an. So lag also das Anwesen des Franz Rothenhöfer in der Ortsmitte „beim Brunn zwischen Nikolaus Vornkeller und Hanns Georg Köhler“ oder der Hof des Nikolaus Lauer „auff dem Kühehaug zwischen Matthes Nadler und gemeinen Gässlein“, womit die heutige Engelsgasse gemeint ist.

Zum ersten Mal Hausnummern

Um 1740 erstellte Pfarrer P. Gerard Molitor ein Häuserbuch für Güntersleben. Beim Aufschlagen des Bandes blickt man auf einen Ortsplan, den ersten überhaupt von Güntersleben, vermutlich vom Verfasser selbst gezeichnet. Neu ist daran auch, dass alle Straßen einen Namen haben. Neben den bereits angeführten gibt es jetzt auch den „Fahrweg nach Veitshöchheim und Würzburg“, der als „Fohrwaag“ auch heute noch von Alteingesessenen verwendet wird, wenn sie von der Würzburger Straße sprechen. Die vordere Rimparer Straße und die Gramschatzer Straße erscheinen als „Untere Straße“ und die heutige Schönbrunnenstraße und die Josef-Weber-Straße als „Obere Straße“, wie sie bis 1963 noch hießen. Die Gassen, die von der Unteren Straße zum Kirchberg hochführen, tragen fortlaufende Nummern von 1 bis 5, die sie bis 1963 behielten, allerdings ohne den Zusatz, den ihnen Molitor gab. Er nannte sie nämlich zur Unterscheidung von der langen Gasse Zwerggassen.

Den bebauten Grundstücken entlang der Dorfstraßen und Gassen gab Molitor – auch das war neu bei ihm – Hausnummern. Den Anfang machte er bei der Mühle unterhalb vom Dorf mit der Nummer 1 und führte die Nummerierung durch alle Straßen bis zur Hausnummer 142 unten an der Langgasse fort. Auch wenn im Laufe der Zeit neue Häuser dazu kamen und damit auch die Zahl der Hausnummern größer wurde, blieb die von Molitor erdachte Abfolge sogar noch bis 1967 die gleiche: Beginn beim Mühlenanwesen, der gleiche Verlauf durch die Straßen und Ende mit der höchsten Hausnummer bei der späteren Kinderbewahranstalt an der Langgasse.

Amtliche Straßennamen

Straßennamen bildeten sich durch den alltäglichen Gebrauch heraus, veränderten sich und wurden in unterschiedlichen Schreibweisen verwendet. Dann aber legte der Gemeinderat mit Beschluss vom 26. November 1927 die Namen der Straßen verbindlich fest. Für die großen aus dem Ort hinausführenden Straßen bestimmte er neue Namen nach der Zielrichtung dieser Straßen. Seitdem – also erst seit 1927 – gibt es die Würzburger Straße, die Thüngersheimer Straße, die Rimparer Straße und die Gramschatzer Straße. Aus dem Stiegelein wurde die Steile Gasse und die von Pfarrer Molitor noch so bezeichneten Zwerggassen waren jetzt nur noch die 1. Gasse bis zur 5. Gasse, wie sie wohl ohnehin im Alltag genannt wurden.

Adolf-Hitler-Straße und Hindenburgplatz

Dem Beispiel anderer Gemeinden folgend und damit den Erwartungen der neuen Machthaber genügend beschloss der Gemeinderat am 26. April 1933, die Gramschatzer Straße von der Ortsmitte bis zur Bachbrücke nach dem Führer und Reichskanzler umzubenennen; sie diente dann als Aufmarschstraße für die uniformierten Gruppen und Fahnenabordnungen zu den Kundgebungen beim Kettenbrunnen. Der bis dahin namenlose Platz erhielt nach dem Reichspräsidenten den Namen Hindenburgplatz. Mit dem Ende des Dritten Reiches war es aber auch damit wieder ganz schnell vorbei. Ohne dass sich der Gemeinderat damit überhaupt befasste, wurde die Adolf-Hitler-Straße wieder zur Gramschatzer Straße. Der Hindenburgplatz ist seitdem wieder offiziell ohne Namen. Wenn aber vom Kettenbrunnen die Rede ist, weiß jeder, dass dieser Platz gemeint ist.

Alte Straßen, neue Namen

Der Gemeinderat befasste sich erst 1963 wieder mit den Straßennamen. Mit der Folge, dass sich viele Ortsbewohner an neue Anschriften gewöhnen mussten. Nicht einmal die Hälfte der Straßen behielt ihren bisherigen Namen. Zu den Änderungen kamen neue Bezeichnungen für Straßen, die bis dahin noch namenlos waren. Seitdem gibt es die Josef-Weber-Straße und die Ignatius-Gropp-Straße, die an frühere Ortspfarrer erinnern. Die Büttnergasse, die Schustergasse und die Klebergasse wurden nach traditionellen Handwerksberufen benannt. Der Laurenziweg bekam seinen Namen nach der ersten Dorfkirche, die dort stand. Auch bei der Klostergasse, dem Ziegelhüttenweg, der Zehntscheune und bei der Brunnengasse ließ man sich von ortsgeschichtlichen Bezügen leiten. Alte Flurnamen fanden Eingang in die Namen der Deisenbergstraße, der Mehlenstraße oder beim Schelmsgraben.

Ungeliebte Straßennamen

Nur wenige Wochen, nachdem auf diese Weise viele Straßen einen neuen Namen bekommen hatten, meldeten sich die Anwohner im Kuhhaug mit einer schriftlichen Eingabe an den Gemeinderat, um auch für ihre Straße eine Umbenennung zu erreichen. Kuhhaug passe mit seinem sprachlichen Bezug zum Bauerndorf nicht mehr in die moderne Zeit. Der Wunsch der Anwohner war dem Gemeinderat wichtiger als die Erhaltung eines der ältesten Straßennamen. Seitdem wohnt man dort in der Neubergstraße. Davon ermutigt meldeten sich einige Zeit später auch die Anwohner der Roßstraße, fanden aber mit ihrem Ansinnen, auch ihrer Straße einen – aus ihrer Sicht – zeitgemäßeren Namen zu geben, beim Gemeinderat kein Gehör.

Auch der Abschied vom Kuhhaug war nicht von Dauer. Als man 1996 für ein vom früheren Kuhhaug abzweigendes neues Straßenstück einen Namen suchte, wurde der abgelegte Name mit einer kleinen Abwandlung reaktiviert. Keiner der dortigen Anwohner scheint Probleme damit zu haben, „Am Kuhhaug“ zu wohnen. Auch Straßennamen bleiben von wechselnden Modetrends nicht verschont.

Von einer Sauecke oder „Säuhecke“, wie man das untere Teilstück der Josef-Weber-Straße im Dorf seit jeher nannte, hat der Gemeinderat bei der Neubenennung der Straße aber von vornherein Abstand genommen. Eine solche Adresse wollte man den Anwohnern nun doch nicht zumuten.

Eigene Hausnummern für jede Straße

Auch nach der Neuverteilung der Straßennamen blieb es 1963 erst noch bei der durchgängigen Nummerierung bei den Hausnummern von der 1 für das frühere Mühlenanwesen bis zur höchsten Nummer für die einstige Kinderbewahranstalt an der Langgasse, die jetzt die 319 war. Allerdings lässt sich daraus nicht ableiten, wie viele Häuser damals in Güntersleben standen. Gab es doch inzwischen immer mehr gesplittete Nummern mit Zusätzen wie a und b oder ergänzt durch Bruchzahlen, die bis zu 1/7 reichen konnten. Tatsächlich belief sich die Zahl der Wohnanwesen in Güntersleben damals schon auf etwa 400.

Um einer weiteren Zersplitterung der Hausnummerierung Einhalt zu gebieten, ging man schließlich 1967 dazu über, jeder Straße gesonderte Hausnummern zuzuweisen. Soweit der Straßenverlauf eine solche Orientierung erkennen lässt, beginnt die Nummerierung jeweils an dem der Ortsmitte nächstgelegenen Ende mit der 1 und setzt sich auf der linken Seite mit den ungeraden und auf der rechten Seite mit den geraden Zahlen fort. Mit dieser heute allgemein üblichen Systematik wird gerade in längeren Straßenzügen die Suche nach einer bestimmten Hausnummer wesentlich erleichtert.

Immer neue Straßennamen

Mit jedem neuen Baugebiet sind in den letzten Jahrzehnten neue Straßen hinzugekommen. Aus den 39 Straßen von 1963 sind mittlerweile 76 geworden. Mit Abstand die größte ist die Thüngersheimer Straße mit einer Länge von über einem Kilometer und 95 Anliegeradressen. Dagegen haben die Anwohner am Laurenziweg, an der Kronengasse und am Nelkenweg eine vergleichsweise exklusive Anschrift, liegt doch an diesen Sträßchen jeweils nur ein einziges Wohnhaus.

03/2023

 

 

15 Billionen Mark Rente im Monat

Nachdem der Günterslebener Waldhüter Michael Beetz in den Ruhestand getreten war, setzte der Versorgungsverband dessen monatliche Bezüge auf 15 Billionen Mark fest. Darüber könnten sogar die mit üppigen Altersversorgungen wohlausgestatteten Vorstände unserer Dax-Unternehmen vor Neid erblassen – hätte sich der Rentenbescheid nicht am Geldwert von November 1923 orientiert.

Das Inflationsjahr 1923

Vor 100 Jahren erlebte Deutschland eine Geldentwertung, wie es sie in diesem Ausmaß und mit derart existenzvernichtenden Folgen für viele Betroffene in den Industriestaaten der neueren Zeit kein zweites Mal gab. Für viele, die sie miterleben und erleiden mussten, blieb sie ein lebenslanges Trauma. Die Angst um den Bestand ihrer Ersparnisse und das Misstrauen gegen jegliche Formen der Geldanlage ließen sie nicht mehr los.

Auslöser der Geldentwertung war der Erste Weltkrieg, der das Deutsche Reich neben allen anderen Lasten für das Land und die Bevölkerung Unsummen von Geld kostete, das der Staat nicht hatte. Der Krieg wurde daher nahezu vollständig mit Krediten und Kriegsanleihen finanziert, zu deren Zeichnung die Bevölkerung immer wieder aufgerufen wurde.

Nach dem Ende des Krieges musste der Staat diese Kredite zurückzahlen. Dazu kamen die erdrückenden Wiedergutmachungsleistungen, die Deutschland durch die Siegermächte im Versailler Vertrag auferlegt wurden. Um ihren Zahlungsverpflichtungen nachzukommen, brachte die Regierung immer mehr Geld in Umlauf, das immer weniger durch materielle Werte gedeckt war und damit beständig an Kaufkraft verlor. Je schneller die Notenpressen Geldscheine mit immer höherem Nennwert druckten, desto weniger bekam man dafür. Löhne und Preise stiegen unaufhaltsam, bis sie im Laufe des Jahres 1923 geradezu explodierten und der Heizwert der Geldbündel am Ende höher war als ihr Zahlungswert.

Nutznießer der Inflation waren der Staat und alle, die auch Schulden angehäuft hatten. Bei gleichbleibendem Nennwert fiel die Tilgung immer leichter. Auch als Besitzer von Immobilien und anderen Sachanlagen kam man gut durch die Inflation. Verlierer waren alle, die Geld gespart hatten, das am Ende so gut wie wertlos war, und diejenigen, die vom Lohn ihrer Arbeit lebten, den man am Ende gar nicht so schnell ausgeben konnte, wie sein Wert verfiel.

Die Wende brachte die Einführung der Rentenmark im November 1923. Das neue Zahlungsmittel war durch Immobilien und andere Sachwerte von Großgrundbesitzern und Industriellen gedeckt. Es wurde nur so viel davon gedruckt, wie durch diese Sachwerte gedeckt war. Wer jetzt wertbeständiges Geld zum Investieren oder für Lohnzahlungen brauchte, konnte sich damit gegen übliche Zinsen versorgen. Wer Arbeit hatte, bekam wieder Geld in die Lohntüte, mit dem er etwas anfangen konnte. Bis es so weit war, blieb aber manchen auch nichts anderes übrig, als die Leere im Geldbeutel erst einmal dadurch zu bekämpfen, dass sie mehr oder auch weniger Entbehrliches veräußerten. So kam allmählich wieder ein kontrollierter Zahlungsverkehr in Gang. Altes Geld konnte man sogar noch umtauschen, machte damit aber ein denkbar schlechtes Geschäft. Für eine Billion alter Papiermark gab es eine Rentenmark. Einfach war nur die Rechnung: Man musste lediglich 12 Nullen streichen und wusste, was man durch den radikalen Schnitt nach dem Zusammenbruch der alten Währung noch hatte. Zur Jahresmitte 1924 wurde die Rentenmark durch die Goldmark abgelöst. Damit war das Gespenst der Inflation, die zu Recht unter dem Namen Hyperinflation in die Geschichtsbücher einging, endgültig verscheucht. An den Folgen hatten aber viele noch lange zu tragen.

Güntersleben 1923

1300 Einwohner, 300 Haushalte, 230 Anwesen. Das war Güntersleben in den beginnenden 1920er Jahren. Jedes dritte Anwesen war ein Bauernhof. Auch die Besitzer der anderen Wohnhäuser – Handwerker und Händler, Beschäftigte im Baugewerbe, bei der Bahn, in der Fabrik, im Wald oder in den Weingütern – betrieben in aller Regel im Nebenerwerb eine kleine Landwirtschaft und hielten Nutztiere für den Eigenbedarf auf ihren Höfen. Es waren nicht sehr viele Familien, die ihren Lebensunterhalt ausschließlich mit dem Verdienst aus einem Beschäftigungsverhältnis bestritten.

Wohl hatten der Krieg und seine Folgen auch die Menschen in Güntersleben schwer getroffen. 60 Männer waren von den Fronten nicht mehr zurückgekommen und fehlten in ihren Familien. Abgabepflichten und Lebensmittelrationierungen galten auch noch über das Kriegsende hinaus. Gleichwohl schienen sich die Verhältnisse im Dorf erstaunlich schnell zu normalisieren. Im Februar 1920 stellte der Gemeinderat fest, „dass zur Fortführung der Erwerbslosenfürsorge kein Bedürfnis besteht. Sogenannte Saisonarbeiter wie Maurer und Tüncher können im Winter im Walde beschäftigt werden.“ Und einem weiteren Beschluss vom November 1921 kann man entnehmen, „dass der Wohnungsmangel durch die bisherigen 6 Neubauten behoben“ sei. Einen großen Schritt zu mehr Lebensqualität bedeutete es sicher auch, dass die Gemeinde „und ihre Eingesessenen“, wie es im entsprechenden Vertrag heißt, seit Mitte 1921 mit elektrischem Strom versorgt wurden.

Politisch hatte sich nach den unruhigen Nachkriegsjahren auch in Güntersleben die Lage wieder beruhigt. Zwar mussten sich alle Seiten erst daran gewöhnen, dass im Gemeinderat seit 1919 unterschiedliche politische Parteien vertreten waren. Die Zusammenarbeit gestaltete sich aber im Allgemeinen ziemlich reibungslos. Gelegentliche Störversuche kamen meist von außen, durch politische Akteure, die bei der Wahl nicht zum Zug gekommen waren.

Die Auswirkungen der Inflation für Güntersleben

Die Geldentwertung, die noch während des Krieges einsetzte, traf die Menschen im Dorf zwar auch schmerzlich, aber – wie die Landbevölkerung insgesamt – nicht mit der gleichen Wucht wie die Menschen in den Städten.

Das eigene Haus und der Grundbesitz, den die meisten Familien hatten, blieb von einem dauerhaften Wertverlust verschont. Wo man sich noch weitgehend mit Erzeugnissen vom eigenen Hof versorgte, waren zumindest die elementaren Grundbedürfnisse gesichert. Wo dies nicht ausreichend der Fall war, stand man zwar auch vor dem Problem, dass das Tempo der Lohnerhöhungen mit den exorbitant steigenden Preisen für Lebensmittel und anderes oft nicht Schritt hielt. Wenn es ums Überleben ging, konnte man aber im Dorf noch eher auf die Solidarität der Mitbewohner zählen als in den Städten, wo auch die Nachbarn nichts abgeben konnten. Größere Ersparnisse hatten bei der bescheidenen Lebensführung und unter den schwierigen Verhältnissen der vorangehenden Kriegsjahre ohnehin die wenigsten Familien ansammeln können, so dass sich auch da die Verluste in Grenzen hielten. Wer Schulden hatte, und das waren nicht nur die Bauherren der sechs Wohnhausneubauten seit dem Kriegsende, war diese durch den Zerfall der Währung buchstäblich über Nacht los.

Leider gibt es so gut wie keine Aufzeichnungen und auch keine Zeitzeugen mehr, die aus eigenem Erleben schildern könnten, wie ihre Familien durch die Inflationszeit kamen. Immerhin können aber die Sitzungsprotokolle des Gemeinderats und die Gemeinderechnungen dieser Jahre doch einen Eindruck über den Verlauf und die konkreten Auswirkungen der Geldentwertung vor Ort vermitteln.

Bereits im Juni 1918, also noch vor Kriegsende, musste die Gemeinde auf Weisung der Aufsichtsbehörde ihren Bediensteten eine satte Teuerungszulage bewilligen. Die jährlichen Bezüge des Straßenwärters und des Waldhüters wurden von 60 auf 120 Mark verdoppelt, der Polizeidiener erhielt statt bisher 120 Mark sogar 300 Mark und auch der Bürgermeister und der Gemeindeschreiber kamen in den Genuss eines ordentlichen Zuschlags. Weitere Nachbesserungen ließen nicht lange auf sich warten. So war man beim Polizeidiener und beim Waldaufseher schon im September 1919 bei 1.920 Mark Jahreslohn angelangt. Allerdings nur „für die Zeit, bis der allgemeine Weltmarkt bzw. Geldmarkt sich bessert“ – wie sich schnell zeigen sollte, eine vergebliche Hoffnung des Gemeinderats. Denn nur ein dreiviertel Jahr später musste man zur Jahresmitte 1920 die Bezüge erneut fast verdoppeln, auf jetzt 3.360 Mark jährlich.

Die Abstände zwischen den nächsten Gehaltszuschlägen, auch für die weiteren Beschäftigten der Gemeinde wie den Wegmacher oder den Wasserwart, wurden immer kürzer. Im April 1921 kam man nicht umhin, auch der Musikkapelle höhere Beträge für ihre verschiedenen Dienstleistungen zuzugestehen.

Derweil passte die Gemeinde auch die Steuern und Gebühren für ihre Leistungen fortwährend an, wie man das heute gerne beschönigend umschreibt. Die Hundesteuer, im Januar 1922 noch bei 20 Mark, wurde ein Jahr später auf 400 Mark erhöht. Der Pachtpreis für die Gemeindeäcker wurde zur gleichen Zeit auf das fünfzehnfache erhöht. Im Dezember 1922 setzte der Gemeinderat die Vergnügungssteuer für Tanzveranstaltungen auf 1.000 Mark je Tag fest. Der Wasserpreis wurde für das erste Halbjahr 1923 gleich auf das Hundertfache des Betrages angehoben, den man für das ganze Vorjahr zu zahlen hatte.

Um nicht fortwährend neuen Forderungen nach Lohnerhöhungen ausgesetzt zu sein, koppelte der Gemeinderat im Dezember 1922 die Bezüge des Gemeindepersonals an den Brotpreis. Der Tagesverdienst des Polizeidieners sollte fortan dem Preis von einem Laib Brot entsprechen.

Als der Polizeidiener dann im Januar 1923 für den Wachdienst zusätzlich 100 Mark für jede Nacht, die er unterwegs war, forderte, beschloss der Gemeinderat kurzerhand, wie früher wieder alle Bürger im Wechsel zum nächtlichen Wachdienst zu verpflichten. Ein Vorhaben, das man allerdings nach kurzer Zeit wieder aufgab, weil die Bürger keine rechte Lust verspürten und den Dienst nur nachlässig versahen.

Am 14. Oktober 1923 musste man bei den Bäckern in Güntersleben für einen Laib Brot 300 Millionen Mark über den Ladentisch reichen. Da war der Gemeinderat schon längst wieder dazu übergegangen, die Löhne unabhängig vom Brotpreis von Zeit zu Zeit neu festzusetzen. Das letzte Mal geschah das am 22. September 1923, als er den Wochenlohn für den Polizeidiener auf 200 Millionen Mark und für den Gemeindeschreiber auf 120 Millionen Mark anhob. In den Monaten danach mussten die Löhne bei den horrend steigenden Preisen in so kurzer Folge immer wieder angepasst werden, dass keine Zeit blieb, den Gemeinderat erst damit zu befassen. Auf dem Höhepunkt der Inflation im November 1923 holte sich der Polizeidiener im Wochenabstand beim Gemeindekassier seinen Lohn ab: Am 5. November 395 Milliarden Mark, am 10. November 1 Billion 260 Milliarden Mark, am 20. November 1 Billion 890 Milliarden Mark und am 25. November 9 Billionen Mark.

Da hatte es sich der Gemeindekassier längst abgewöhnt, in seinem Kassenbuch zu den einzelnen Beträgen noch alle Nullen anzufügen. Bei der Erstellung der Jahresrechnung blieb ihm aber das nicht erspart. Nach vielen schier endlos erscheinenden Einzelbeträgen bilanzierte er für das Haushaltsjahr die Gesamteinnahmen der Gemeinde mit 9.151.108.139.656.018 Mark und die Gesamtausgaben mit 8.642.512.487.402.453 Mark. Einfacher ausgedrückt sind das über 9 Trillionen Einnahmen und gut 8 ½ Trillionen Ausgaben. Größter Einnahmeposten war auch in diesem verrückten Jahr der Holzverkauf aus dem Gemeindewald, aus dem mehr als 2 Trillionen Mark in die Gemeindekasse flossen.

Nach Einführung der neuen Zahlungsmittel mit der Rentenmark und dann der Goldmark lag das Volumen des Gemeindehaushalts wie vor dem Ersten Weltkrieg wieder bei etwa 40.000 Mark. Der Polizeidiener erhielt ab Januar 1924 einen Monatslohn von 50 Mark und der frühere Waldhüter Michael Beetz ein Ruhegehalt von 15 Mark im Monat.

01/2023

Wasser für die Menschen und das Vieh aus den Dorfbrunnen

Zur Jahresmitte 2020 kehrte der Kettenbrunnen wieder an seinen historischen Standort in der Ortsmitte zurück, nachdem er 50 Jahre vorher als vermeintliches Hindernis für den modernen Straßenverkehr entfernt worden war. Mit der Neugestaltung der Straßen in diesem Bereich fand sich auch wieder ein Plätzchen für den Kettenbrunnen und man kann mit einem erneuerten Pumpwerk sogar wieder Quellwasser aus der Tiefe fördern. Als einziger von ehedem sieben öffentlichen Trinkwasserbrunnen erinnert er damit an die Zeit, als die Dorfbewohnerinnen den täglichen Wasserbedarf für sich, für ihr Vieh und andere Zwecke noch mit Butten und Eimern von den Brunnen nach Hause tragen mussten.

Der Kettenbrunnen

Zum ersten Mal begegnet uns der Kettenbrunnen in einem Schatzungsbuch von 1698. In diesem Band, in dem das Vermögen aller Familien in Güntersleben für die Steuerveranlagung erfasst wurde, steht als Lagebeschreibung mehrerer Anwesen in der Ortsmitte „beim Brunn“ oder „beim Brunnen“ und in einem Fall sogar „beim Kettenbrunn“. Wie lange der da schon stand, wissen wir nicht. Zumindest zu der Zeit war der hoch aufragende Aufbau aus heimischem Kalkstein – abgesehen von den nachgebildeten Schöpftrögen – der gleiche wie heute, denn in den nachfolgenden Gemeinderechnungen findet sich kein Hinweis, dass er irgendwann neu geschaffen worden wäre.

Seinen Namen hat er von der angewandten Schöpftechnik. Im Brunnengehäuse war ein Rad, über das eine Kette lief, die nach unten bis zum Wasser reichte. In die wurde der Schöpfeimer eingehängt und beim Drehen des Rades durch die umlaufende Kette nach unten und oben befördert. Es muss schon arg zeitraubend und mühsam gewesen sein, bis man auf diese Weise eine Butte oder ein größeres Tragegefäß gefüllt hatte. Es war auch eine störungsanfällige Technik. Immer wieder einmal hängte sich der Eimer aus. Dann musste der Gemeindediener mit einer Leiter in den – nicht sehr tiefen – Brunnenschacht steigen und den Eimer wieder heraufholen. Dafür bekam er aber auch eine Extravergütung, wie in den Gemeinderechnungen nachzulesen ist.

Damit diese Misshelligkeiten ein Ende hatten, wurde 1841 die Kettenmechanik durch eine Saugpumpe ersetzt, die mittels eines Handschwengels bedient wurde. Später wurde dieser durch einen Zughebel ersetzt, „weil die bis­her bestehende Pumpe durch das gewaltsame Hin- und Herwerfen zu oft beschädigt und der Ge­meinde zu viele Kosten verursacht werden“, wie es in einem Gemeinderatsprotokoll von 1873 heißt. Ungeachtet aller Umbauten behielt der Kettenbrunnen jedoch sein äußeres Erscheinungsbild und seinen Namen bis in unsere Tage. Auch der Platz, an dem er steht, hat seinen – bis heute inoffiziellen – Namen von ihm, nur kurz unterbrochen während des Dritten Reiches, als ihn die damaligen Machthaber mit dem Schild „Hindenburgplatz“ verunzierten.

Noch zwei Brunnen aus alter Zeit

Auf dem ersten Ortsplan von Güntersleben, den Pfarrer Gerard Molitor 1740 handschriftlich zeichnete, sind neben dem Kettenbrunnen zwei weitere Brunnen eingetragen. Einer an der Gramschatzer Straße, den man später den Seebrunnen nannte, und der andere oben an der Langgasse. Beide gab es wahrscheinlich schon lange vorher. Möglicherweise waren sie noch älter als der Kettenbrunnen. Der Seebrunnen lag nämlich beim frühesten uns bekannten Siedlungskern von Güntersleben mit der ebenfalls ältesten Günterslebener Kirche, der Laurentiuskapelle. Sie stand ausweislich der Gründungsurkunde der Pfarrei schon vor 1345. Es spricht viel dafür, dass es da auch schon den Seebrunnen gab, denn eine Siedlung konnte sich nur dort entwickeln, wo man Wasser zum menschlichen Gebrauch vorfand. Bei dem seit jeher hohen Grundwasserstand in diesem Bereich dürfte es nicht schwierig gewesen sein, einen Brunnen auszuheben.

Der Brunnen an der Langgasse stand unmittelbar am Fuß der Kirchenburg, die seit der Mitte des 12. Jahrhunderts aufgebaut und auch einige Zeit als Herrschaftssitz genutzt wurde. Gut möglich, dass man im Vorfeld der Kirchenburg nach Wasser grub und auf diese Wiese der Brunnen entstand.

Abgesehen von kleineren Privatbrunnen, die es auch noch gegeben haben mag, mussten die drei von der Gemeinde vorgehaltenen Brunnen für lange Zeit für den Wasserbedarf von schließlich mehr als 800 Dorfbewohnern reichen. Wie lange mögen da manchmal die Warteschlangen an den Brunnen gewesen sein.

Mehr Einwohner brauchen mehr Wasser

Bald nach dem Eintritt in das 19. Jahrhundert erlebte Güntersleben nach vielen Jahren des Stillstands oder gar Rückschritts einen stetigen Zuwachs an Einwohnern. Damit wurde auch immer mehr Wasser gebraucht. Zunächst versuchte die Gemeinde, das Problem in den Griff zu bekommen, indem sie um 1830 die vorhandenen drei Brunnen ausbauen und erneuern ließ. Mit weiter ansteigender Einwohnerzahl wurde aber dann doch ein vierter Brunnen nötig, den die Gemeinde 1863 beim Schulgarten graben ließ; auf den Schulgarten wurde Ende des Jahrhunderts das Lagerhaus gebaut. Nach einer Bauzeit von nur vier Monaten konnte der neue Brunnen genutzt werden. Allzu tief hatte man auch da nicht graben müssen. Möglicherweise hatte man aber damit dem Kettenbrunnen einen Teil seines Zuflusses genommen, so dass man diesen zehn Jahre später nochmals tiefer ausgraben musste, um wieder an genügend Wasser zu kommen.

Seit Ende der 1890er Jahre befasste sich die Gemeinde mit dem Bau einer Wasserleitung, verfolgte diese Pläne dann aber erst einmal nicht weiter und sicherte sich stattdessen 1900 den Zugriff auf drei privat errichtete Brunnen, die dann auch öffentlich genutzt werden konnten. Es waren der sogenannte Spohr-Brunnen in der Thüngersheimer Straße am heutigen Parkplatz, ein Brunnen in der Schönbrunnenstraße und schließlich noch ein Brunnen in der Neubergstraße, den eben erst dortige Anwohner gegraben hatten.

Mit jetzt sieben öffentlichen und mehreren privaten Brunnen glaubte die Gemeindeverwaltung, die Wasserversorgung für die inzwischen knapp 1200 Einwohner weiter gewährleisten zu können. Am 1. März 1903 beschloss der Gemeinderat daher, immerhin erst nach längerer Beratung, „das Wasserleitungsprojekt in Anbetracht der großen, namentlich der jährlich wiederkehren Kosten, vorerst fallen zu lassen.“

Nach dem Bau der Wasserleitung noch Notreserve

Es dauerte aber nur vier Jahre, dann stand seit Mitte 1907 das Dauerthema Wasserleitung wieder auf der Tagesordnung. Inwieweit die Frauen im Dorf, die das Wasser für Haus und Hof heranschleppen mussten, zum Sinneswandel der Herren Gemeinderäte beitrugen, oder ob diese doch eher dem Drängen der Aufsichtsbehörde nachgaben, ist nicht überliefert. Jedenfalls ging es jetzt auf einmal ganz schnell mit der Planung und der Vergabe der Bauaufträge, so dass schon zur Jahresmitte 1909  nahezu alle Häuser an die neu gebaute Wasserleitung angeschlossen waren.

Noch vor der Inbetriebnahme beschloss der Gemeinderat am 30. Juni 1909, von den nunmehr „voraussichtlich entbehrlich“ werdenden Ortsbrunnen „für event. eintretende Notfälle“ den oberen Brunnen bei der Kirche, den Kettenbrunnen und den Seebrunnen im hinteren Dorf „in ihrem jetzigen Stand bestehen zu lassen“. Die anderen vier öffentlichen Brunnen sollten aber auch nicht verfüllt, sondern „der Pumpen entkleidet und mit einer massiven Wölbung überdeckt“ werden.

Die Vorsicht erwies sich als sehr vorausschauend. Die befürchteten Notfälle traten in beiden Weltkriegen ein, als zeitweise kein Treibstoff für die Pumpen zu bekommen war und damit der Hochbehälter leer blieb. Neben den funktionsfähig erhaltenen Brunnen wurden auch die aufgelassenen teilweise wieder geöffnet, um daraus mit Eimern Wasser zu schöpfen.

Der Kettenbrunnen – ehemals Treffpunkt der Dorfjugend, heute ortsgeschichtliches Denkmal

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde keiner der Brunnen nochmals in Betrieb genommen. Der Seebrunnen an der Gramschatzer Straße und der obere Brunnen an der Langgasse wurden in den 1950er Jahren beseitigt. Von ihnen sind keine Spuren mehr erkennbar.

Der Gang zum Brunnen – in aller Regel Frauensache – war vor unserer Zeit, in der wir über die Medien tagtäglich mit Informationen reichlich versorgt werden, eine gerne wahrge­nommene Gelegenheit, in der Begegnung mit anderen Menschen Neues zu erfahren. Wenn ge­sagt wird, der Brunnen sei für die Frauen das gewesen, was das Wirtshaus für die Männer war, so mag das etwas verkürzt und plakativ erscheinen. In der Kernaussage wird damit aber die soziale Komponente angesprochen, die Brunnen im dörflichen Leben der Vergan­gen­heit ohne Zweifel auch hatten. Das idyllische Bild vom Plausch am Brunnen beschreibt aber nur die eine Seite. Bis zu 150 bis 200 Meter betrug in Güntersleben der Weg von den ferner liegen­den Anwesen zum nächsten Brunnen. Diese Strecke mit der gefüllten Wasserbutte auf dem Rücken zurück­zule­gen, war zunächst einmal ein beschwerliches Stück Arbeit.

Den Kettenbrunnen als dörflichen Treffpunkt markierte seit unbekannten Zeiten auch die mächtige Dorflinde, die seit unvordenklicher Zeit gleich nebenan gleichfalls inmitten der Straßenkreuzung stand. Vervollständigt wurde das Ensemble zwischen den Straßen 1899 durch den Einbau einer Gemeindewaage für Fuhrwerke und Schlachtvieh mit dem zugehörigen Waaghäuschen. Nicht nur das trug dazu bei, dass am Kettenbrunnen auch nach seiner Stilllegung immer rege Betriebsamkeit herrschte. Hier verabredete man sich für gemeinsame Unternehmungen und die Jugend nutzte gerne die Bank unter dem Lindenbaum für ihre abendlichen Treffen.

Mit dem zunehmenden Straßenverkehr verlor der vertraute Platz immer mehr von seinem Reiz und galt schließlich nur noch als Verkehrshindernis, so dass all das, was dem Platz ehemals sein Gesicht gab, 1970 weichen musste. Der Kettenbrunnen wurde zunächst an den Spielplatz hinter dem Lagerhaus versetzt und dann nach einer kurzen Zwischenstation wieder in der Ortsmitte vor dem Gasthaus zum Hirschen 1987 in der Grünanlage gegenüber dem Lagerhaus aufgestellt. Mittlerweile bildet der motorisierte Verkehr nicht mehr allein den Maßstab für die Gestaltung des öffentlichen Straßenraums. So sah man 2020 schließlich auch wieder die Möglichkeit, dem Kettenbrunnen bei der Neugestaltung der Ortsmitte wieder einen Platz einzuräumen, nur wenige Meter von der Stelle entfernt, an der er jahrhundertelang gestanden hat. Als Denkmal hält er die Erinnerung an längst vergangene Zeiten lebendig.

01/2023