Das Werben um Stimmen und Sitze

18. März 2026

Das Werben um Stimmen und Sitze

Bunte Vielfalt in den Gemeinderäten

Auch nach der Wahl vom März 2026 gibt es im Gemeinderat von Güntersleben unverändert drei politische Gruppierungen. Keine von ihnen hat alleine die Mehrheit. Das erfordert die Bereitschaft zu Kompromissen und zur Zusammenarbeit. Und das ist auch gut so. In vielen Gemeinderäten auch unserer Nachbargemeinden gibt es inzwischen bereits vier und mehr Fraktionen. Da kann es mitunter schon mühsam werden, eine Mehrheit zu organisieren.

Generell ist zu beobachten, dass gegenüber früher immer mehr neue Gruppen in die Gemeinderäte einziehen und sich dort etablieren. Das hat auch damit zu tun, dass die Wählerinnen und Wähler beweglicher geworden sind und Bereitschaft zeigen, die gewohnten Gleise zu verlassen, wenn ein neuer politischer Akteur sie überzeugt. Gemeinderäte mit nur zwei Fraktionen, wie sie auch Güntersleben bis 1990 die meiste Zeit hatte, findet man im Landkreis Würzburg nur noch wenige.

Schwarz oder rot – was sonst?

Als 1919 in Deutschland zum ersten Mal nach demokratischen Regeln gewählt wurde, bildeten sich in Güntersleben sehr schnell zwei politische Grundströmungen heraus, die im Kern – abgesehen von der Unterbrechung durch die NS-Zeit – im Wesentlichen unverändert über viele Jahrzehnte bis 1990 Bestand hatten. Alle Versuche, daneben andere politische Initiativen zu etablieren, hatten auf längere Dauer keinen Bestand.

Die politische Orientierung gaben die soziologischen Verhältnisse und die beruflichen Milieus im Dorf vor. Die Bauern sahen ihre politische Heimat bei der konservativen Bayerischen Volkspartei (BVP) und nach dem Zweiten Weltkrieg bei der CSU. Die Arbeiter orientierten sich nach links, zur SPD und – bis diese verboten wurde – zur KPD. Noch bei der Gemeinderatswahl 1960 zeigen die Wahlvorschläge in dieser Hinsicht ein eindeutiges Bild. Von den 20 Bewerbern der CSU waren 15 Landwirte und von den 20 Bewerbern der SPD ebenfalls 15 Arbeiter.

Von Jugendlichen, die ins Wahlalter kamen, wurde selbstverständlich erwartet, dass sie der Familientradition folgten. Wer es wagte, davon auszuscheren, der musste sich, für uns heute kaum noch vorstellbar, auf unangenehme Diskussionen im Familienkreis einstellen. Auch die kirchliche Bindung bildete für viele eine Hemmschwelle, eine andere als die Partei zu wählen, die sich als christlich bezeichnet. Der Begriff des Wechselwählers kam erst zum Ausgang des 20. Jahrhunderts auf und hatte bis dahin durchaus einen leicht unseriösen Beigeschmack.

Solange nur zwei Parteien im Gemeinderat vertreten waren, wie das in Güntersleben bis 1990 im Wesentlichen der Fall war, war es vordergründig einfacher, zu Entscheidungen zu kommen. Zwangsläufig hatte eine der beiden Parteien, die Stimme des Bürgermeisters einbezogen, die Mehrheit und konnte ihre Vorstellungen ohne Abstriche durchsetzen. Die jeweilige Minderheitspartei war weitgehend auf eine Statistenrolle beschränkt und fand mit ihren Vorschlägen nur schwer Gehör. Die Blockbildung im Gemeinderat, verbunden mit heftigen Kontroversen, strahlte auch auf das gesellschaftliche Leben im Dorf aus. Das ging so weit, dass auch Vereine, die eigentlich keine politischen Ziele verfolgten, in der verbreiteten Wahrnehmung und befördert durch die jeweilige Gemeindeführung, dem linken oder rechten Spektrum zugeordnet wurden.

Raue Wahlkämpfe

Weil die beiden Parteilager mit einigen Schwankungen die meiste Zeit nahezu gleich stark waren, waren Gemeindewahlen in Güntersleben besonders spannend und es wurde mit hohem Einsatz gekämpft. Denn ein politischer Wechsel war immer im Bereich des Möglichen. Wie sehr es dabei buchstäblich auf jede Stimme ankommen konnte, zeigt zum Beispiel das Ergebnis von 1978. Da lag am Ende die SPD mit 50,9 % der Stimmen nur hauchdünn vor der CSU, die auf 49,1 % kam.

Man muss auch sehen, dass es in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg noch manches in der Gemeinde, was für uns heute selbstverständlich ist, fehlte. Zum Beispiel genügend Kinderbetreuungsplätze oder Anlagen für Sport und Freizeit. Wie schnell und in welcher Weise dieser Nachholbedarf befriedigt werden konnte, darüber konnte man trefflich streiten. Selbst eine aus der Distanz eher nachrangige Frage, ob ein weiterer Zugang zum Friedhof geschaffen werden sollte, beschäftige die Wahlkämpfer gleich vor mehreren Wahlen.

Es herrschte jedenfalls kein Mangel an Themen, die in Flugblättern vor den Wahlen ausgiebig diskutiert wurden oder über die sich die Teilnehmer der immer gut besuchten Wahlversammlungen oft bis Mitternacht die Köpfe heißredeten, persönliche Angriffe nicht ausgeschlossen. Die Wortwechsel waren oft heftig, manchmal auch derb. Was sich die Akteure im Vorfeld der Wahlen einfallen ließen, war dabei nicht immer lustig und überschritt gelegentlich auch die Grenzen des guten Geschmacks.

1948 trat der Anführer der Kommunisten auf einer Wahlversammlung mit einem Maulkorb auf, wie er Kühen umgebunden wurde, um zu zeigen, was die Gemeinderäte noch zu sagen hätten, wenn ein Konkurrent um das Bürgermeisteramt gewählt würde: nämlich nichts. Das hinderte ihn aber dann nicht, in der Stichwahl den so Geschmähten seinen Anhängern zur Wahl zu empfehlen, die dieser als CSU-Bewerber dann auch gewann. Der Lohn für die Wahlempfehlung des Kommunisten: Er wurde 2. Bürgermeister.

Im wahrsten Sinne des Wortes übel erging es einem Parteiaktivisten vor der Wahl vier Jahre später. Er wollte die Strategiegespräche politischer Gegner belauschen und stellte sich daher im Schutze der Dunkelheit unter das Fenster, in dem diese tagten. Doch der Horchposten blieb nicht unentdeckt. Plötzlich öffnete sich das Fenster über ihm und ehe er wusste, wie ihm geschah, ergoss sich ein Eimer mit stinkender Jauche über ihn.

In den 1950er Jahren wurden die Haushalte vor der Wahl noch nicht mit Werbeprospekten geflutet. Denn die waren noch nicht so einfach herzustellen und im Zweifel teuer. Stattdessen schickte man Lautsprecherwagen durch die Straßen, um die Wahlbotschaften unter die Leute zu bringen. Am Wahlsonntag 1956 war in der Langgasse an einem Scheunengiebel ein Lautsprecher installiert, aus dem stundenlang die letzten Wahlparolen geplärrt wurden, denen vor allem die – damals noch zahlreicheren – Kirchgänger nicht ausweichen konnten.

Die ersten Wahlplakate zu Beginn der 1960er Jahre wurden meist erst nach Einbruch der Dunkelheit an Hoftore und Zäune gekleistert. Wenn es am Morgen hell wurde, waren sie oft schon von der Konkurrenz wieder abgerissen oder überklebt. Nicht viel anders ging es den Flugblättern, die in die Briefkästen gesteckt wurden. In einigem Abstand zu den Verteilern folgten oft die Abgesandten der Gegenseite, um die eingeworfenen Blätter wieder aus den Briefkästen herauszufingern. Im besonders aufgeheizten Wahlkampf 1966, dem hitzigsten wohl in der Geschichte Günterslebens, fuhren Parteigänger beider Seiten die Nacht hindurch mit ihren Autos Streifen, was mitunter zu regelrechten Verfolgungsjagden ausartete. Sie konnten allerdings nicht verhindern, dass bei dieser wie auch schon bei vorangegangenen Wahlen Gebäude mit übelsten Parolen, in einem Fall sogar ergänzt durch einen Galgen, verschmiert wurden.

Ebenfalls bei der Wahl von 1966 ging eine Wahlversammlung mit dem Landrat im Tumult unter. Auf der Toilette wollte jemand einen Stapel anonymer Flugschriften entdeckt haben mit unflätigen Beleidigungen eines der beiden Bürgermeisterkandidaten. Beide Seiten warfen einander vor, für das Pamphlet verantwortlich zu sein. Wer es verfasst und in Umlauf gebracht hat, wurde niemals geklärt.

Beim Kampf um jede Stimme nahm man es auch hin und wieder mit dem Wahlgeheimnis nicht so genau. Als 1972 die Briefwahl auch bei Gemeindewahlen ermöglicht wurde, strömten die Helfer der Parteien aus, ließen sich von älteren Wahlberechtigten eine Vollmacht geben und holten für sie die Wahlunterlagen vom Rathaus. Bereitwillig erklärten sie auch das Wahlverfahren und gar nicht so selten füllten die Wählerinnen und Wähler in ihrem Beisein die Stimmzettel gleich aus oder ließen sie von dem freundlichen Helfer ausfüllen, damit dieser die Unterlagen gleich wieder mitnehmen konnte. Auch bis in die 1970er Jahre wurden rechtzeitig vor dem Ende der Abstimmungszeit im Wahllokal die Abstimmungslisten auf säumige Wahlberechtigte durchforstet. Die Parteien schickten dann ihre bereitstehenden Kuriere zu den Personen, die sie zu ihrer Klientel zählten, um diese noch kurz vor Schluss ins Wahllokal zu befördern. Ob die dann auch in der Wahlkabine immer dort ihre Kreuzchen setzten, wo es erwartet wurde, darüber konnte man sich nicht immer ganz so sicher sein.

Wahlwerbung statt Wahlkampf

Vergleicht man diese Vorkommnisse mit dem Ablauf der jüngsten Wahlen im vergangenen März, dann hat sich doch vieles geändert. Wobei man auf die unschönen Begleiterscheinungen rund um die Gemeindewahlen früherer Zeit getrost verzichten kann.

Die Wählerinnen und Wähler fühlen sich nicht mehr in gleicher Weise auf eine politische Richtung festgelegt. Sie sind „wählerischer“ geworden. Stimmzettel, auf denen nur eine Liste angekreuzt und damit unverändert angenommen wird, gibt es sehr viele weniger als in der Vergangenheit.

Abgesehen davon, dass die Wahlbeteiligung nicht mehr bei 90 % und darüber liegt, wie noch bis 1990, sondern gerade noch über 60 % wählen gehen, lassen sich mit Wahlversammlungen herkömmlicher Art kaum noch Säle füllen. Wo diese in der Vergangenheit von Anfang bis Ende mit ortspolitischen Fragestellungen bestritten wurden, haben diese heute eher Eventcharakter auch für Altersgruppen, die noch weit vom Wahlalter entfernt sind. Die Diskussion von Sachthemen spielt dabei allenfalls eine Nebenrolle. In erster Linie geht es darum, dass sich die Bewerberinnen und Bewerber vorstellen und bekanntmachen können.

Kontroverse Vorstellungen über Zielsetzungen und Vorhaben für die neue Wahlperiode sucht man in den Verlautbarungen quer über alle politischen Gruppierungen vergeblich. Es scheint, dass sich alle mit dem, was an Ideen angesprochen wird, mehr oder weniger anfreunden können. Den Versuch, sich durch pointierte Positionen von konkurrierenden Personen oder Gruppen abzugrenzen, unternimmt niemand mehr. Auch aus dem, was die Bewerberinnen und Bewerber zu ihrer Person, ihrem Werdegang und ihrer aktuellen Situation sagen, erkennt man nicht, wie das früher weitaus mehr der Fall war, dass diese typische Lebensentwürfe eines bestimmten politischen Milieus wären. Viele Namen einer bestimmten Liste hätte man sich ohne weiteres auch auf einer der anderen konkurrierenden Liste vorstellen können.

Wo so wenig Unterschiede in den programmatischen Aussagen zu erkennen sind und die Zugehörigkeit zu der einen oder einer anderen politischen Richtung nur noch „plakativ“ an der Farbe und am Logo der Werbematerialien zu erkennen ist, provoziert das zwangsläufig die Frage, ob die Aufstellung von Wahlvorschlägen nach parteipolitischen Kategorien in Gemeinden überschaubarer Größe wie Güntersleben nicht eher gekünstelt erscheint und ob sie der Lebenswirklichkeit tatsächlich noch gerecht wird.

03/2026