Die Rathäuser von Güntersleben

8. November 2021

Die Rathäuser von Güntersleben

Nicht nur alle sechs Jahre, wenn mit Spannung erwartet wird, wer zum Bürgermeister oder zur Bürgermeisterin gewählt wurde, steht das Rathaus im Blickpunkt des örtlichen Interesses. Es ist auch außerhalb der Wahlzeiten die wichtigste öffentliche Einrichtung der Gemeinde. Im Rathaus wird über die aktuellen Aufgaben und die künftigen Planungen für Güntersleben beraten und entschieden. Vom Rathaus werden die übrigen Einrichtungen der Gemeinde betreut und wird der laufende Geschäftsgang abgewickelt. Zum Rathaus kommen die Bürgerinnen und Bürger mit Anliegen jeglicher Art, nicht nur solchen, die die Gemeinde betreffen. Eine Gemeinde ohne Rathaus ist für uns heute daher kaum vorstellbar. Doch das war nicht immer so.

2012 Rathaus 1a

Rathäuser, meist in Verbindung mit einem Ratskeller, gab es zuerst nur in größeren Städten. In einem Dorf wie Güntersleben sah man andere Einrichtungen als wichtiger an. Vor allen anderen natürlich die Kirche. Dann aber auch das Wirtshaus, die Schmiede, die Mühle, ein Hirtenhaus und auch die Schule. Allesamt Einrichtungen, die schon lange bestanden, ehe die Gemeinde an den Bau eines Rathauses dachte.

Wozu auch ein Rathaus? Verwaltungspersonal, das einen Arbeitsplatz gebraucht hätte, gab es bis nach dem Ersten Weltkrieg nicht. Beschlüsse und Entscheidungen wurden alter Tradition gemäß unter freiem Himmel gefasst, vom Schultheiß und den Männern des Dorfgerichts oder bei Zusammenkünften der Gemeindebürger. Wann man in Güntersleben dazu überging, sich dabei in geschlossenen Räumen zu treffen, wissen wir nicht. Als geeignete Versammlungsstätte ist wohl nur die Gemeindeschenke in der Dorfmitte, später die Hirschenwirtschaft, denkbar. Andere größere Räumlichkeiten gab es nicht.

Das erste Rathaus über der Gemeindeschmiede

„Zur größeren Ehr Gottes für die gemeine Wohlfart erbaut 1731.“ So steht es noch immer über der Eingangstüre des heute so genannten Frühmessnerhauses am Aufgang zur Kirche und kündet davon, welchem Zweck das Gebäude ursprünglich diente. Es war das erste Rathaus von Güntersleben, erbaut über der Gemeindeschmiede, die schon 1594 an dieser Stelle erwähnt wird und noch bis 1903 in Betrieb war.

Trotz späterer Umbauten unter wechselnden Besitzern hatte das Haus über der Schmiede schon bei seiner Erbauung etwa die gleichen Ausmaße wie heute. Es war damit für damalige Verhältnisse ein ungewöhnlich großes Bauwerk. Man darf vermuten, dass die Gemeinde sich dabei am 50 Jahre vorher gebauten Pfarrhaus auf der anderen Seite der Treppe orientierte. Das Rathaus sollte ein sichtbares Gegengewicht zur damals noch klösterlichen Verwaltung der Pfarrei setzen, um zu zeigen, wer im Dorf das Sagen hatte. Denn zwischen Kloster und Pfarrherren auf der einen und dem Schultheiß mit dem Dorfgericht auf der anderen Seite herrschte keineswegs immer eitel Sonnenschein.

Wie das Pfarrhaus überragte auch das neu gebaute mehrgeschossige Rathaus die damals durchwegs noch eingeschossigen und damit recht niedrigen Bauernhäuser ringsum. Die einstige Kirchenburg mit der Kirche, dem Schulhaus, dem Pfarrhaus und jetzt auch mit dem Rathaus beherrschte weithin sichtbar noch bis in die jüngste Zeit die Silhouette des Dorfes.

Für ihre Verwaltungsgeschäfte brauchte die Gemeinde ein Rathaus dieser Größe, wie sie es 1731 baute, fürwahr nicht. Ohne hauptberufliches Personal mit festen Arbeitsplätzen reichte der Gemeinde ein Amtszimmer, in dem Sitzungen, Versammlungen und Verhandlungen stattfinden konnten. Und so konnte im Rathaus auch noch der Schmied mit seiner Familie wohnen und zeitweise auch ein Leineweber sein Handwerk ausüben. Als 1820 eine zweite Schulstelle notwendig wurde, nutzte man das Amtszimmer jetzt gleichzeitig auch als Unterrichtsraum. Und auch für den zweiten Lehrer, den die Gemeinde seitdem beschäftigte, fand sich noch eine Wohnung im Rathaus. Die bestand zwar nur aus einem Zimmerchen mit gerade siebeneinhalb Quadratmetern; da aber der zweite Lehrer üblicherweise noch jung und unverheiratet war, erschien der Gemeinde das ausreichend und angemessen. Die vorgesetzte Schulbehörde fand dann aber, es sei doch etwas viel, was alles im Rathaus untergebracht war. Sie beanstandete 1836 daher „das Ungereimte, dass in dem Gemeindezimmer die Schule gehalten, und der Unterricht durch den im nämlichen Hause wohnenden Gemeindeschmied und einen Leinen-Weber gestört werde.“

Umzug in die alte Schule am Kirchplatz: das zweite Rathaus

Nicht nur im Rathaus, sondern auch im älteren und – soweit uns bekannt – ersten Schulhaus Günterslebens über dem Zugangstor zum Kirchplatz wurde der Platz mit zunehmender Schülerzahl immer enger. Und so baute die Gemeinde 1838 neben die Kirche ein neues Schulgebäude, das heutige Kolpinghaus. Im Erdgeschoss wurden die Wohnungen für die beiden Lehrer eingerichtet, eine größere für den ersten Lehrer mit seiner Familie und eine kleinere für den zweiten Lehrer. Darüber waren zwei geräumige Klassenzimmer, in denen jetzt alle Schüler aus dem Dorf unterrichtet werden konnten.

Obwohl damit das Sitzungszimmer im Rathaus jetzt nicht mehr für die Schule zweckentfremdet war, verlegte die Gemeinde 1840 ihren Verwaltungssitz in das frei gewordene alte Schulhaus, das damit zum Rathaus wurde und heute unter dem Namen Altes Rathaus bekannt ist. Das bisherige Rathaus über der Schmiede diente der Gemeinde für einige Jahre als Armenhaus, ehe sie das Gebäude 1853 an den Schmied verkaufte, der im Untergeschoss weiter seinem Handwerk nachging.

So wirklich glücklich war man mit dem Umzug an den Kirchplatz dann anscheinend doch nicht. Die alte Schule war nicht nur kleiner, auch ihr Bauzustand war schon länger nicht mehr der beste. Doch für einen Umbau hätten nach damaligem Recht die Bürger ihre Zustimmung geben müssen – und die verweigerten sie. Obwohl nach einem ersten vergeblichen Versuch vom Ortsvorsteher, wie es im Beschlussbuch der Gemeindeverwaltung heißt, „die besten Vorstellungen gemacht und zu Zustimmung des notwen­digen und guten Werkes aufge­fordert wurde“, lehnten auch in einer zweiten Abstimmung am 27. Februar 1940 wieder 102 von 168 stimmberechtigten Bürgern das Vorhaben ab. Die eben­falls protokollierte Begründung: „Es mag sein und gehen wie es will; wir können den fragli­chen Bau, da wir keinen Fond zur Be­strei­tung der Kosten haben, nicht unternehmen.“

Die alte Schule, jetzt das Rathaus, blieb wie es war. Der Gemeindevorstand – so die damalige Bezeichnung für den Gemeinderat – musste für seine Sitzungen mit den Räumen vorliebnehmen, wie sie der Lehrer mit seinen Schülern verlassen hatte. Seit 1845 kennen wir auch so etwas wie regelmäßige Sprechstunden für die Bevölkerung im Rathaus. Der neu gewählte Orts­vorsteher Michael Christ bestimmte nämlich: „Um den Einwohnern regelmäßigen Zutritt ihrer Vorträge und Angelegen­heiten wegen zu verschaffen, wird hiermit angeordnet, daß …. auf dem Gemeindehause dahier, nämlich in dem Rathzimmer allda täglich eine Stunde bestimmt, näm­lich Vormittags von 10 bis 11, während welcher Zeit daselbst jedem Einwohner hierorts freier und anständiger Zutritt ge­stattet ist. Im Hause des Vorstehers wie im Gasthaus wird sonach im allgemeinen einem Vor­bringen kein Gehör geschehen.“

Das Rathaus am Kirchplatz entsprach offenbar auch nachfolgend nicht den Erwartungen der Gemeindevorsteher. Es gab Überlegungen, die Gemeindever­wal­tung in eine der beiden Lehrerwohnungen im Schulhaus – dem heutigen Kolpinghaus – zu ver­legen. 1904 wollte die Gemeinde ihr früheres Rathaus über der Schmiede wieder zurückkaufen, doch die Verhandlungen zerschlugen sich.

Eigentlich war die Rückkehr in das frühere Rathaus auch nur ein Wunsch des Pfarrers gewesen. Ihn störte das Rathaus am Kirchplatz, das er gerne beseitigt wissen wollte. Aus heutiger Sicht dürfen wir ganz froh sein, dass daraus nichts wurde.

Wirklich eng wurde es dann im Rathaus aber 1920. Wegen der weiter gestiegenen Schülerzahl musste eine vierte Schulstelle eingerichtet werden. Weil dafür im ganzen Dorf kein geeigneter Raum zu finden war, musste wieder das Sitzungszimmer, jetzt im Rathaus am Kirchplatz, dafür herhalten. Als dann die Gemeinde 1921 ihren ersten hauptberuflichen Verwaltungsangestellten einstellte, weil der Schulleiter nach der Übernahme der Lehrer in den Staatsdienst nicht mehr als Gemeindeschreiber tätig sein konnte, war für den vorerst kein Platz im Rathaus. Er musste daher seinen Schreibtisch in seiner Wohnung aufstellen und erhielt dafür eine extra Entschädigung von der Gemeinde. Dass es derweil im Rathaus immer wieder zu Reibereien zwischen dem Bürgermeister und der Lehrkraft kam, war geradezu unvermeidlich, wenn zum Beispiel in den Unterrichtpausen Verhandlungen über die Verpachtung der Gemeindejagd im gemeinsam genutzten Schul- und Sitzungszimmer stattfanden und die sich länger als geplant hinzogen. Erst 1926 hatte es damit ein Ende, als die Schulklasse einen Raum in einer der beiden Lehrerwohnungen in der benachbarten Schule erhielt, und der Gemeindeschreiber endlich seine Arbeiten im Rathaus erledigen konnte.

Pläne für ein neues Rathaus im Dritten Reich

Es waren weder der Bedarf an größeren Büroflächen noch der bauliche Zustand des alten Gebäudes, die 1938 den Anstoß gaben, an den Bau eines neuen Rathauses zu denken. Vielmehr passte es wohl nicht zum Geist der Zeit, dass die Gemeindeverwaltung im Schatten der Kirche ihren Sitz hatte, wie das herkömmlich auch in anderen Dörfern oft der Fall war. Man wollte ein repräsentatives neues Rathaus in der Dorfmitte beim Kettenbrunnen, die seit 1933 Hindenburgplatz hieß und Schauplatz der großen Parteikundgebungen war.

Die Kaufverhandlungen des Bürgermeisters mit den Eigentümern der angrenzenden Hofstellen zwischen der Langgasse und der Rimparer Straße – damals Adolf-Hitler-Straße – waren schon weitgehend abgeschlossen. Doch dann schweigen die Akten. Die vorbereitenden Maßnahmen auf den näher rückenden Krieg hatten Vorrang, so dass die Planung eines neuen Rathauses wie auch andere Vorhaben in Güntersleben zurückgestellt wurden. Der Zweite Weltkrieg und die Nachkriegszeit setzten dann endgültig andere Prioritäten als den Bau eines neuen Rathauses.

Das heutige Rathaus an der Würzburger Straße

Spätestens seit Mitte der 1960er Jahre zeichnete sich ab, dass über kurz oder lang ein größeres Rathaus gebraucht würde. Die Einwohnerzahl von Güntersleben wuchs stetig. Statt bisher 10 mussten jetzt 14 Gemeinderäte am Ratstisch Platz finden, so dass man für die Sitzungen in die Schule ausweichen musste. Für das zusätzliche Personal, das zur Bewältigung der immer umfangreicher und anspruchsvoller werdenden Verwaltungsaufgaben benötigt wurde, waren die räumliche Enge und die Arbeitsbedingungen im historischen Gemäuer des Rathauses am Kirchplatz immer weniger zumutbar.

Erste Überlegungen, die jedoch nicht sehr konkret wurden, gingen dahin, die frühere Kinderbewahranstalt an der Langgasse zu einem Rathaus umzubauen oder das gegenüberliegende Gasthaus zum Hirschen für diesen Zweck zu kaufen. Als sich dann 1974 die Gelegenheit bot, ein größeres Wohnhaus in der unteren Gartenstraße zu erwerben, sah die Gemeinde das als Chance, damit ihre Raumprobleme zu lösen. Im Verlauf der Planungen stellte sich dann aber heraus, dass das Gebäude für einen Umbau zum Rathaus nicht sehr geeignet war, und so verfolgte man schließlich auch diese Lösung nicht mehr weiter.

Da erinnerte man sich daran, dass die Gemeinde bereits seit 1963 Eigentümerin des ehemaligen Forsthauses an der Würzburger Straße war und zwischenzeitlich auch benachbarte Freiflächen erworben hatte. Als dann die Raiffeisenbank auch noch ein früheres landwirtschaftliches Anwesen an der Sterngasse kaufen konnte, hatte man damit einen geradezu idealen Standort für eine große gemeinsame Lösung gefunden.

Nach einer relativ kurzen Planungsphase begannen im Herbst 1976 die Bauarbeiten. Nach gut einem Jahr Bauzeit wurden das Rathaus und die örtliche Geschäftsstelle der Raiffeisenbank mit der feierlichen Einweihung am 15. Januar 1978 ihrer Bestimmung übergeben. Die Baukosten für das Rathaus lagen bei etwa einer Million DM.

Das Alte Rathaus am Kirchplatz wurde nach dem Auszug der Gemeindeverwaltung der Arbeiterwohlfahrt überlassen, die es nach einer von der Gemeinde finanzierten und mit vielen freiwilligen Arbeitsleistungen vorgenommenen Renovierung seit 1980 als ihr Vereinsheim nutzt.

So lange wie in früherer Zeit werden heute Gebäude und Einrichtungen nicht mehr genutzt, bevor Erneuerungsbedarf gesehen wird. So stand fast 40 Jahre nach der Inbetriebnahme des Rathauses an der Würzburger Straße eine Generalsanierung an, die im Sommer 2016 begonnen wurde. Neben vielem anderen wurden die haustechnischen Anlagen erneuert, der Brandschutz verbessert, der Zugang durch einen Aufzug barrierefrei gestaltet und neue Büroräume durch den Ausbau des Dachgeschosses geschaffen. Die Kosten für die Ertüchtigung betrugen mit 2,8 Mio Euro ein Mehrfaches der ursprünglichen Baukosten.

Mit einem Tag der offenen Tür wurde das Rathaus im Januar 2020 offiziell wieder seiner Bestimmung übergeben und sollte damit für die nächsten Jahrzehnte allen Anforderungen genügen.

11/2021