Von Geheimnissen umrankt: Der Kirchenpatron Maternus

2. September 2021

Von Geheimnissen umrankt: Der Kirchenpatron Maternus

Wenn man sich auf die Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal für Güntersleben begibt, kommt man an Maternus nicht vorbei. Als Kirchenpatron ist er hier einzig in der Diözese Würzburg. Auch sonst war und ist er in unserer Gegend außerhalb Günterslebens so gut wie unbekannt.

Und in Güntersleben selbst, wo er bereits 1345 in der Gründungsurkunde der Pfarrei als Schirmherr der damals schon vorhandenen Kirche genannt wird? Auch hier gibt es um seine Person und seine Herkunft mehr Fragen als gesicherte Antworten.

Maternusstatue

Seit jeher geht man in Güntersleben davon aus, dass es sich bei dem hier als Kirchenpatron verehrten Maternus um den ersten Kölner Bischof handelt, der in den Jahren 313 und 314 an Kirchenversammlungen in Rom und im französischen Arles teilnahm. Das ist aber auch schon alles, was es über ihn an belegbaren Lebensdaten gibt. Der Legende nach soll er auch Bischof von Trier und im belgischen Tongern gewesen sein. Die neuere Forschung hält das mittlerweile für unwahrscheinlich und nimmt an, dass es sich bei dem Maternus von Trier, der dort als dritter Bischof geführt wird, um eine andere Person handelte. Der Name Maternus soll damals in der dortigen Gegend sehr verbreitet gewesen sein. Immerhin gibt es in Trier ein Maternusgrab. Daraus besitzt die Günterslebener Kirche seit 1722 Reliquien des Bischofs. Folgt man der Annahme, dass es sich bei dem Kölner und dem Trierer Maternus um verschiedene Bischöfe handelt, führt das unweigerlich zu der Frage, welcher von beiden dann eigentlich der Kirchenpatron von Güntersleben ist.

Ob man nun von dem einen oder dem anderen oder doch von der gleichen Person ausgeht, bleibt die nicht minder spannende und gleichermaßen ungeklärte Frage, wie die Kunde von einem im 4. Jahrhundert im fernen Köln oder Trier lebenden Bischof nach Güntersleben kam. Nachdem darüber, wie es scheint, nirgendwo etwas in schriftlicher oder anderer Form dokumentiert wurde, hat die Suche nach einer Antwort die Phantasie der Günterslebener über die Jahrhunderte hinweg immer wieder von neuem beschäftigt. Dass Einheimische bei der jedenfalls vor 1345 erfolgten Bestimmung des Kirchenpatrons schon einmal den Namen Maternus gehört haben könnten, wird man ausschließen können. Mutmaßungen wie die von Pilgern aus Köln oder Trier, die ausgerechnet das abseitig gelegene Güntersleben zum Ziel gehabt haben sollen oder auf der Durchreise nach Rom das Andenken an ihren Stadtheiligen hinterlassen haben könnten, sind allzu kühne Theorien, als dass man ihnen folgen möchte. Vielleicht kam der entscheidende Anstoß ja aus dem Kloster St. Stephan zu Würzburg, das schon vor der Pfarreierhebung die Seelsorge in Güntersleben innehatte und auch die Grundlegung der späteren Pfarrkirche gegen 1150 direkt oder durch seinen örtlichen Verwalter begleitete. Angehörigen des Klosterkonvents könnte man am ehesten zutrauen, dass sie Verbindungen nach Köln oder Trier hatten. Oder noch einfacher: Sie kannten sicher nicht nur diejenigen Heiligen der katholischen Kirche, die in unserer Gegend bekannt und vertraut waren, und könnten bei der Suche nach einem Kirchenpatron für die neue Günterslebener Kirche, gezielt oder zufällig, auf Maternus gestoßen sein. Auch das bleibt aber wie alle anderen Versuche einer Antwort reine Spekulation.

Ungeachtet aller offenen Fragen sind die Günterslebener „ihrem“ Maternus, wer auch immer er tatsächlich war, seit jetzt schon 700 und mehr Jahren treu geblieben. Man begegnet ihm nicht nur in der Pfarrkirche. Von den 24 Bildstöcken in Dorf und Flur sind allein sechs Maternus gewidmet. Seit Jahrhunderten wird jedes Jahr im September das Maternusfest gefeiert, traditionell schon immer nicht nur in der Kirche, und nicht nur von den Winzern, als deren Schirmherr er gilt, sondern auch mit einem begleitenden Dorffest für alle. Maternus war in Güntersleben auch ein gebräuchlicher Vorname – allerdings nur bis zum 2. Weltkrieg. Seitdem ist er aus der Mode gekommen.

08/2021