Patchworkfamilien

5. September 2021

Patchworkfamilien

Familien mit Kindern aus unterschiedlichen Beziehungen gibt es nicht erst in unserer Zeit. Neu ist nur ihre Bezeichnung als Patchworkfamilien. Der Begriff hat erst seit etwa 1990 Eingang in unseren Sprachgebrauch gefunden. Früher sprach man von Stiefkindern und Stiefeltern und verband damit allzu schnell – und oft zu Unrecht – die Vorstellung von einer schwierigen Eltern-Kind-Beziehung. Patchwork, abgeleitet von einer Arbeitstechnik mit Textilien, bei der man verschiedene Stoffe oder auch Stoffreste zu einem harmonischen Ganzen zusammengefügt, klingt da wesentlich freundlicher. Schätzungen gehen davon aus, dass heute etwa jede zehnte Familie eine Patchworkfamilie ist.

Neu ist aber nicht nur die Bezeichnung, auch die Ursachen für die Entstehung von Patchworkfamilien sind andere. Heute kommen sie meist dadurch zustande, dass Beziehungen zerbrechen und neue Verbindungen eingegangen werden, in die ein Partner oder beide Partner Kinder aus früheren Beziehungen mitbringen. Wenn dann in der neuen Partnerschaft weitere Kinder geboren werden, dann gibt es in dieser Familie, was etwas salopp gelegentlich so beschrieben wird: Meine Kinder, deine Kinder, unsere Kinder.

In früheren Jahrhunderten waren es in der Regel der frühe Tod eines Partners und die nachfolgende Wiederverheiratung des überlebenden Elternteils, der Familien mit Kindern unterschiedlicher Herkunft zur Folge hatte. Diese Familiensituation war keineswegs selten, ja es gab es viel häufiger als heute, wie sich an den Verhältnissen in Güntersleben aufzeigen lässt.

Bis 1900 konnte in Güntersleben nicht einmal die Hälfte aller Ehepaare ihre Silberhochzeit feiern, weil einer der Partner – in der Mehrzahl der Fälle die Frau – bereits vorher verstorben war. Das Fest einer Goldenen Hochzeit, also 50 gemeinsame Ehejahre, war ein äußerst seltenes Ereignis, das in Güntersleben in den 200 Jahren zwischen 1700 und 1900 nur 21 Mal vorkam, im Schnitt also alle zehn Jahre einmal. Nur drei Ehepaare erlebten in diesem Zeitraum ihre Diamantene Hochzeit nach 60 bzw. 61 gemeinsamen Ehejahren. Nimmt man zum Vergleich die letzten fünf Jahre des 20. Jahrhunderts mit 42 Goldenen und fünf Diamantenen Hochzeiten, dann lässt sich dieser exorbitante Anstieg nur zum geringsten Teil mit der größeren Einwohnerzahl erklären, sondern ist das Ergebnis der höheren Lebenserwartung.

Schömig Johann Und Magdalena Um 1896 A

Der Hirschenwirt Johann Schömig mit seiner zweiten Ehefrau Madgalena und Kindern aus seinen beiden Ehen. 1896.

Wenn in vergangenen Jahrhunderten ein Ehepartner früh starb, dann hatte der Witwer oder die Witwe kaum eine andere Wahl, als möglichst bald wieder zu heiraten. Waren, wie so oft, nach dem Tod der Mutter noch kleine Kinder da, brauchte der Vater jemanden, der diese versorgte, weil er sich neben der Feldarbeit und bei der damaligen Rollenverteilung in der Familie dazu außerstande sah. Bei der niedrigen Lebenserwartung waren auch nicht immer rüstige Eltern oder Schwiegereltern da, die diesen Part übernehmen konnten. Fast noch schwieriger war es für die Frau, wenn der Ehemann und Vater ihrer Kinder allzu früh starb. Ohne die Aussicht auf eine Witwen- oder Waisenrente und die heute üblichen sozialen Leistungen war für sie ohne einen neuen Partner, der den Hof versorgte und den Unterhalt für sie und ihre Kinder sicherte, ein Weiterleben kaum vorstellbar und der Weg in den wirtschaftlichen Ruin vorgezeichnet. In den Aufzeichnungen über die Bewohner des Armenhauses, das die Gemeinde bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts vorhielt, findet man neben Alleinstehenden immer wieder auch Witwen mit ihren Kindern.

Zweit- oder weitere Ehen gab es daher früher viel häufiger als in jüngerer Zeit. Bei jeder dritten Hochzeit vor 1900 in Güntersleben war ein Partner dabei, für den das nicht der erste Gang zum Traualtar war. Gerade wenn noch kleinere Kinder da waren und, wie meist, ein Hof zu versorgen war, musste man sich beizeiten umschauen, dass wieder ein Mann oder eine Frau ins Haus kam. Nicht immer konnte man sich die Zeit für ein Trauerjahr nehmen, das Leben musste weitergehen. Die Frage, ob die Wiederverehelichung die Folge einer neuen großen Liebe oder der Sorge um die wirtschaftliche Existenz geschuldet war, stellt man besser nicht.

09/2021