Wasser für die Menschen und das Vieh aus den Dorfbrunnen

9. Januar 2023

Wasser für die Menschen und das Vieh aus den Dorfbrunnen

Zur Jahresmitte 2020 kehrte der Kettenbrunnen wieder an seinen historischen Standort in der Ortsmitte zurück, nachdem er 50 Jahre vorher als vermeintliches Hindernis für den modernen Straßenverkehr entfernt worden war. Mit der Neugestaltung der Straßen in diesem Bereich fand sich auch wieder ein Plätzchen für den Kettenbrunnen und man kann mit einem erneuerten Pumpwerk sogar wieder Quellwasser aus der Tiefe fördern. Als einziger von ehedem sieben öffentlichen Trinkwasserbrunnen erinnert er damit an die Zeit, als die Dorfbewohnerinnen den täglichen Wasserbedarf für sich, für ihr Vieh und andere Zwecke noch mit Butten und Eimern von den Brunnen nach Hause tragen mussten.

Der Kettenbrunnen

Zum ersten Mal begegnet uns der Kettenbrunnen in einem Schatzungsbuch von 1698. In diesem Band, in dem das Vermögen aller Familien in Güntersleben für die Steuerveranlagung erfasst wurde, steht als Lagebeschreibung mehrerer Anwesen in der Ortsmitte „beim Brunn“ oder „beim Brunnen“ und in einem Fall sogar „beim Kettenbrunn“. Wie lange der da schon stand, wissen wir nicht. Zumindest zu der Zeit war der hoch aufragende Aufbau aus heimischem Kalkstein – abgesehen von den nachgebildeten Schöpftrögen – der gleiche wie heute, denn in den nachfolgenden Gemeinderechnungen findet sich kein Hinweis, dass er irgendwann neu geschaffen worden wäre.

Seinen Namen hat er von der angewandten Schöpftechnik. Im Brunnengehäuse war ein Rad, über das eine Kette lief, die nach unten bis zum Wasser reichte. In die wurde der Schöpfeimer eingehängt und beim Drehen des Rades durch die umlaufende Kette nach unten und oben befördert. Es muss schon arg zeitraubend und mühsam gewesen sein, bis man auf diese Weise eine Butte oder ein größeres Tragegefäß gefüllt hatte. Es war auch eine störungsanfällige Technik. Immer wieder einmal hängte sich der Eimer aus. Dann musste der Gemeindediener mit einer Leiter in den – nicht sehr tiefen – Brunnenschacht steigen und den Eimer wieder heraufholen. Dafür bekam er aber auch eine Extravergütung, wie in den Gemeinderechnungen nachzulesen ist.

Damit diese Misshelligkeiten ein Ende hatten, wurde 1841 die Kettenmechanik durch eine Saugpumpe ersetzt, die mittels eines Handschwengels bedient wurde. Später wurde dieser durch einen Zughebel ersetzt, „weil die bis­her bestehende Pumpe durch das gewaltsame Hin- und Herwerfen zu oft beschädigt und der Ge­meinde zu viele Kosten verursacht werden“, wie es in einem Gemeinderatsprotokoll von 1873 heißt. Ungeachtet aller Umbauten behielt der Kettenbrunnen jedoch sein äußeres Erscheinungsbild und seinen Namen bis in unsere Tage. Auch der Platz, an dem er steht, hat seinen – bis heute inoffiziellen – Namen von ihm, nur kurz unterbrochen während des Dritten Reiches, als ihn die damaligen Machthaber mit dem Schild „Hindenburgplatz“ verunzierten.

Noch zwei Brunnen aus alter Zeit

Auf dem ersten Ortsplan von Güntersleben, den Pfarrer Gerard Molitor 1740 handschriftlich zeichnete, sind neben dem Kettenbrunnen zwei weitere Brunnen eingetragen. Einer an der Gramschatzer Straße, den man später den Seebrunnen nannte, und der andere oben an der Langgasse. Beide gab es wahrscheinlich schon lange vorher. Möglicherweise waren sie noch älter als der Kettenbrunnen. Der Seebrunnen lag nämlich beim frühesten uns bekannte Siedlungskern von Güntersleben mit der ebenfalls ältesten Günterslebener Kirche, der Laurentiuskapelle. Sie stand ausweislich der Gründungsurkunde der Pfarrei schon vor 1345. Es spricht viel dafür, dass es da auch schon den Seebrunnen gab, denn eine Siedlung konnte sich nur dort entwickeln, wo man Wasser zum menschlichen Gebrauch vorfand. Bei dem seit jeher hohen Grundwasserstand in diesem Bereich dürfte es nicht schwierig gewesen sein, einen Brunnen auszuheben.

Der Brunnen an der Langgasse stand unmittelbar am Fuß der Kirchenburg, die seit der Mitte des 12. Jahrhunderts aufgebaut und auch einige Zeit als Herrschaftssitz genutzt wurde. Gut möglich, dass man im Vorfeld der Kirchenburg nach Wasser grub und auf diese Wiese der Brunnen entstand.

Abgesehen von kleineren Privatbrunnen, die es auch noch gegeben haben mag, mussten die drei von der Gemeinde vorgehaltenen Brunnen für lange Zeit für den Wasserbedarf von schließlich mehr als 800 Dorfbewohnern reichen. Wie lange mögen da manchmal die Warteschlangen an den Brunnen gewesen sein.

Mehr Einwohner brauchen mehr Wasser

Bald nach dem Eintritt in das 19. Jahrhundert erlebte Güntersleben nach vielen Jahren des Stillstands oder gar Rückschritts einen stetigen Zuwachs an Einwohnern. Damit wurde auch immer mehr Wasser gebraucht. Zunächst versuchte die Gemeinde, das Problem in den Griff zu bekommen, indem sie um 1830 die vorhandenen drei Brunnen ausbauen und erneuern ließ. Mit weiter ansteigender Einwohnerzahl wurde aber dann doch ein vierter Brunnen nötig, den die Gemeinde 1863 beim Schulgarten graben ließ; auf den Schulgarten wurde Ende des Jahrhunderts das Lagerhaus gebaut. Nach einer Bauzeit von nur vier Monaten konnte der neue Brunnen genutzt werden. Allzu tief hatte man auch da nicht graben müssen. Möglicherweise hatte man aber damit dem Kettenbrunnen einen Teil seines Zuflusses genommen, so dass man diesen zehn Jahre später nochmals tiefer ausgraben musste, um wieder an genügend Wasser zu kommen.

Seit Ende der 1890er Jahre befasste sich die Gemeinde mit dem Bau einer Wasserleitung, verfolgte diese Pläne dann aber erst einmal nicht weiter und sicherte sich stattdessen 1900 den Zugriff auf drei privat errichtete Brunnen, die dann auch öffentlich genutzt werden konnten. Es waren der sogenannte Spohr-Brunnen in der Thüngersheimer Straße am heutigen Parkplatz, ein Brunnen in der Schönbrunnenstraße und schließlich noch ein Brunnen in der Neubergstraße, den eben erst dortige Anwohner gegraben hatten.

Mit jetzt sieben öffentlichen und mehreren privaten Brunnen glaubte die Gemeindeverwaltung, die Wasserversorgung für die inzwischen knapp 1200 Einwohner weiter gewährleisten zu können. Am 1. März 1903 beschloss der Gemeinderat daher, immerhin erst nach längerer Beratung, „das Wasserleitungsprojekt in Anbetracht der großen, namentlich der jährlich wiederkehren Kosten, vorerst fallen zu lassen.“

Nach dem Bau der Wasserleitung noch Notreserve

Es dauerte aber nur vier Jahre, dann stand seit Mitte 1907 das Dauerthema Wasserleitung wieder auf der Tagesordnung. Inwieweit die Frauen im Dorf, die das Wasser für Haus und Hof heranschleppen mussten, zum Sinneswandel der Herren Gemeinderäte beitrugen, oder ob diese doch eher dem Drängen der Aufsichtsbehörde nachgaben, ist nicht überliefert. Jedenfalls ging es jetzt auf einmal ganz schnell mit der Planung und der Vergabe der Bauaufträge, so dass schon zur Jahresmitte 1909  nahezu alle Häuser an die neu gebaute Wasserleitung angeschlossen waren.

Noch vor der Inbetriebnahme beschloss der Gemeinderat am 30. Juni 1909, von den nunmehr „voraussichtlich entbehrlich“ werdenden Ortsbrunnen „für event. eintretende Notfälle“ den oberen Brunnen bei der Kirche, den Kettenbrunnen und den Seebrunnen im hinteren Dorf „in ihrem jetzigen Stand bestehen zu lassen“. Die anderen vier öffentlichen Brunnen sollten aber auch nicht verfüllt, sondern „der Pumpen entkleidet und mit einer massiven Wölbung überdeckt“ werden.

Die Vorsicht erwies sich als sehr vorausschauend. Die befürchteten Notfälle traten in beiden Weltkriegen ein, als zeitweise kein Treibstoff für die Pumpen zu bekommen war und damit der Hochbehälter leer blieb. Neben den funktionsfähig erhaltenen Brunnen wurden auch die aufgelassenen teilweise wieder geöffnet, um daraus mit Eimern Wasser zu schöpfen.

Der Kettenbrunnen – ehemals Treffpunkt der Dorfjugend, heute ortsgeschichtliches Denkmal

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde keiner der Brunnen nochmals in Betrieb genommen. Der Seebrunnen an der Gramschatzer Straße und der obere Brunnen an der Langgasse wurden in den 1950er Jahren beseitigt. Von ihnen sind keine Spuren mehr erkennbar.

Der Gang zum Brunnen – in aller Regel Frauensache – war vor unserer Zeit, in der wir über die Medien tagtäglich mit Informationen reichlich versorgt werden, eine gerne wahrge­nommene Gelegenheit, in der Begegnung mit anderen Menschen Neues zu erfahren. Wenn ge­sagt wird, der Brunnen sei für die Frauen das gewesen, was das Wirtshaus für die Männer war, so mag das etwas verkürzte und plakativ erscheinen. In der Kernaussage wird damit aber die soziale Komponente angesprochen, die Brunnen im dörflichen Leben der Vergan­gen­heit ohne Zweifel auch hatten. Das idyllische Bild vom Plausch am Brunnen beschreibt aber nur die eine Seite. Bis zu 150 bis 200 Meter betrug in Güntersleben der Weg von den ferner liegen­den Anwesen zum nächsten Brunnen. Diese Strecke mit der gefüllten Wasserbutte auf dem Rücken zurück­zule­gen, war zunächst einmal ein beschwerliches Stück Arbeit.

Den Kettenbrunnen als dörflichen Treffpunkt markierte seit unbekannten Zeiten auch die mächtige Dorflinde, die seit unvordenklicher Zeit gleich nebenan gleichfalls inmitten der Straßenkreuzung stand. Vervollständigt wurde das Ensemble zwischen den Straßen 1899 durch den Einbau einer Gemeindewaage für Fuhrwerke und Schlachtvieh mit dem zugehörigen Waaghäuschen. Nicht nur das trug dazu bei, dass am Kettenbrunnen auch nach seiner Stilllegung immer rege Betriebsamkeit herrschte. Hier verabredete man sich für gemeinsame Unternehmungen und die Jugend nutzte gerne die Bank unter dem Lindenbaum für ihre abendlichen Treffen.

Mit dem zunehmenden Straßenverkehr verlor der vertraute Platz immer mehr von seinem Reiz und galt schließlich nur noch als Verkehrshindernis, so dass all das, was dem Platz ehemals sein Gesicht gab, 1970 weichen musste. Der Kettenbrunnen wurde zunächst an den Spielplatz hinter dem Lagerhaus versetzt und dann nach einer kurzen Zwischenstation wieder in der Ortsmitte vor dem Gasthaus zum Hirschen 1987 in der Grünanlage gegenüber dem Lagerhaus aufgestellt. Mittlerweile bildet der motorisierte Verkehr nicht mehr allein den Maßstab für die Gestaltung des öffentlichen Straßenraums. So sah man 2020 schließlich auch wieder die Möglichkeit, dem Kettenbrunnen bei der Neugestaltung der Ortsmitte wieder einen Platz einzuräumen, nur wenige Meter von der Stelle entfernt, an der er jahrhundertelang gestanden hat. Als Denkmal hält er die Erinnerung an längst vergangene Zeiten lebendig.

01/2023