Güntersleben im Ersten Weltkrieg 1914-1918

15. Januar 2026

Güntersleben im Ersten Weltkrieg 1914-1918

Mit dem zunehmenden zeitlichen Abstand schwindet im öffentlichen Bewusstsein auch die Erinnerung daran, was die beiden großen Kriege im vergangenen Jahrhundert, die als Weltkriege in die Geschichte eingingen, an unvorstellbarem Leid für die Menschen der beteiligten Völker und auch für Dörfer wie Güntersleben mit sich brachten. Allenfalls noch eine ungefähre Vorstellung von der Anzahl der gefallenen Soldaten ist bei vielen noch vorhanden. Was diejenigen, die zu Hause im Dorf die Kriege durchhalten mussten, an Not und Entbehrungen zu ertragen hatten, gerät darüber mit dem Dahinscheiden der letzten Zeitzeugen weitgehend in Vergessenheit.

Güntersleben am Vorabend des Ersten Weltkriegs

1914 zählte Güntersleben 1250 Einwohner. Die 220 Wohnanwesen standen dicht beieinander überwiegend in den Tallagen. Nur zur Kirche hoch und ein Stück den Kuhhaug (heute Neubergstraße) hinauf waren auch die Hänge bebaut. Heute leben hier knapp viermal so viele Menschen. Die Zahl der Wohnhäuser und damit auch die Ausdehnung des Dorfes beläuft sich auf mehr als das Sechsfache von damals.

Die größte und das Leben im Dorf dominierende Berufsgruppe waren die Bauern mit einem Anteil von knapp der Hälfte an der Gesamtbevölkerung. Auch nach damaligen Maßstäben waren die meisten von ihnen eher Kleinbauern, die auf den überwiegend wenig ertragreichen Böden der hiesigen Gemarkung kaum mehr erwirtschafteten als das, was sie für den eigenen Bedarf benötigten. Vor der erst viel später aufkommenden Motorisierung in der Landwirtschaft war es zudem recht mühsam, die Hanglagen in der weitläufigen Flur mit Kühen oder Pferden als Zugtieren zu bewirtschaften. Auch die übrigen Familien – Bauhandwerker, Fabrik- oder Bahnarbeiter, ungelernte Tagelöhner – hatten meist ein paar Äcker, einen Garten und Kleinvieh wie Ziegen, Hühner, Gänse und Schweine, um sich einen halbwegs auskömmlichen Lebensstandard zu sichern.

Elektrischen Strom gab es den ganzen Krieg über noch nicht. Erst 1922 wurde Güntersleben an das regionale Netz angeschlossen. Wenn es abends dunkel wurde, musste man sich mit Petroleumfunzeln, Karbidleuchten oder Stearinkerzen behelfen. Geheizt wurden die Wohnungen mit Holz aus dem Gemeindewald. Immerhin gab es aber seit 1909 eine zentrale Wasserversorgung, an die alle Anwesen angeschlossen werden konnten. Damit war zumindest die Mühsal des täglichen Gangs zu einem der Dorfbrunnen, weitestgehend Frauensache, Vergangenheit.

Der Kriegsausbruch, euphorisch begrüßt

Als Ende Juli 1914 im gesamten Deutschen Reich die allgemeine Mobilmachung verkündet wurde, läuteten auch in Güntersleben die Glocken. Die Dorfbewohner strömten auf den Kirchplatz, um dort feurige Reden zu hören und vaterländische Lieder zu singen. Anders als zum Beginn des Zweiten Weltkriegs handelte es sich nicht um eine von oben verordnete Kundgebung, sondern war Ausdruck der Stimmungslage in der Bevölkerung, der man seit Generationen schon in der Schule den Hass auf den „Erbfeind“ Frankreich eingetrichtert hatte. Nach wenigen Wochen würden die siegreichen Soldaten wieder in der Heimat zurück sein. So die allgemeine Einschätzung. Es sollten daraus mehr als vier Jahre werden mit der schrecklichen Bilanz von 58 Gefallenen aus Güntersleben.

In Erwartung einer schnellen Erreichung der Kriegsziele ging das Leben im Dorf – abgesehen von der Abwesenheit der Soldaten – vorerst weiter seinen gewohnten Gang. Diesen Eindruck erwecken zumindest die Niederschriften über die Sitzungen der Gemeindeverwaltung und die dort verhandelten Gegenstände. Wie auch in den Jahren vor dem Krieg üblich, tagte der Bürgermeister mit den Gemeinderäten mindestens einmal im Monat, bei Bedarf auch öfter, um über die anstehenden Angelegenheiten der Gemeinde zu beraten und zu entscheiden. Die Tagesordnungen unterschieden sich lange kaum von denen der Vorkriegsjahre. Anders als im Zweiten Weltkrieg, als unter der NS-Herrschaft die – nicht gewählten, sondern von der herrschenden Partei eingesetzten – Bürgermeister und Gemeinderäte nicht mehr waren als Befehlsempfänger und umzusetzen hatten, was von oben vorgegeben wurde, konnten im Ersten Weltkrieg die Gemeindevertreter als gewählte Mandatsträger auch während der gesamten Kriegsjahre die Gemeinde eigenverantwortlich verwalten. Auch die Vereine im Dorf blieben unbehelligt und konnten weiter ihren Interessen nachgehen, soweit diese unter den kriegsbedingten Verhältnissen noch gefragt waren.

Die Soldaten fehlen als Arbeitskräfte

Nachdem sich die Er­wartung auf ein schnelles Ende des Krieges als trü­gerisch erweisen sollte, wurden zur Verstärkung der Front und zur Auffüllung der Lücken immer neue Soldaten gebraucht. Aus Güntersleben wurden im Verlauf des Krieges etwa 250 Männer einberufen. Das waren alle kriegstauglichen Männer bis zum 40. Lebensjahr, in den letzten Kriegsjahren schon ab dem 18. Lebensjahr. Auf die familiären Verhältnisse wurde keine Rücksicht genommen, so dass sich unter den Soldaten auch junge Familienväter mit kleinen Kindern befanden. Auf den Bauernhöfen fehlten derweil mit den jahrelang abwe­senden Ehemännern und Söhnen die wich­tigsten Arbeitskräfte. Französische Kriegsgefangene, die seit spä­­­testens Ende 1916 zuge­wie­sen und auch für andere Arbeiten im Dorf eingesetzt wur­den, sollten die schlimm­sten Arbeits­eng­pässe überbrücken helfen. Die Gefangenen wurden vermutlich aus dem Lager auf dem Würzburger Galgenberg abgestellt, wo im Ersten Weltkrieg zeitweise bis zu 3000 französische Kriegsgefangene interniert waren. Wie viele Gefangene insgesamt auf den Bauernhöfen in Güntersleben mitarbeiten mussten und wie lange diese blieben, ist nicht mehr feststellbar. Man kann aber annehmen, dass sie sich wesentlich freier im Dorf bewegen konnten als die ausländischen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg.

Allein auf die zwangsverpflichteten Arbeitskräfte konnte oder wollte man aber nicht bauen. So setzte die Gemeinde vor der Aussaat im Frühjahr 1916 und dann erneut im Frühjahr 1917 einen eigenen „Feldbestellungs-Ausschuss“ zur Sicherung der „Feldbestellung“ ein, der darüber wachen sollte, dass die Ackerflächen auch tatsächlich zum Anbau genutzt wurden. Wenn dies ohne behördlichen Nachdruck nicht gewährleistet war, so mag dies nicht nur an fehlenden Arbeitskräften gelegen haben. Es könnte auch eine Folge der mittlerweile greifenden Abgaberegelungen gewesen sein. Wenn ein immer größerer Teil des Ernteertrags zur Versorgung der einheimischen Bevölkerung und der Truppen an der Front abgeliefert werden muss, fördert das nicht unbedingt die Bereitschaft, alle Anbauflächen auch wirklich zu nutzen.

Nichts ist mehr sicher

Den Niederschriften der Gemeinderatssitzungen zufolge verschärfte sich nach dem Eintritt in das dritte Kriegsjahr um die Jahreswende 1917 die Versorgungslage im Dorf drastisch. Es blieb nicht dabei, dass ein Teil der Ernteerträge abgeliefert werden musste. Soweit irgendwie entbehrlich, mussten die Bauern ihre Pferde für den Militäreinsatz abstellen und dafür auch ein Anteil am geernteten Heu abgegeben werden. Bei Hausschlachtungen mussten zwei Fünftel des Gewichts verkauft werden, zu amtlich festgesetzten niedrigen Preisen. Bestimmte Kontingente von der Milch, den Eiern und anderem, was auf den Höfen produziert wurde, waren ohne gesonderte Vergütung abzugeben. Die Gemeinde hatte die Abgaben zu organisieren und dafür Zählkommissäre und Sammler zu bestimmen. Freiwillige waren wegen des unvermeidlich damit verbundenen Ärgers dafür kaum zu gewinnen. So mussten diese ungeliebten Dienste weitgehend der Bürgermeister, der Gemeindeschreiber, der Gemeindediener und die weiteren Mitglieder des Gemeindeausschusses übernehmen, was auch nicht jeder widerspruchslos akzeptieren wollte.

Umgekehrt waren mittlerweile immer mehr Dinge des täglichen Bedarfs nur noch in begrenztem Umfang oder gegen entsprechende Bezugsscheine zu bekommen. Das betraf neben Lebensmitteln wie Fleisch, Eier, Brot und Käse zum Beispiel auch Beleuchtungsmaterial wie Karbid und Kerzen. Es wurde im Dorf buchstäblich immer dunkler. Wo die Kartoffeln für die Mahlzeiten nicht reichten, mischte man Runkelrüben bei, die in normalen Zeiten nur als Viehfutter verwendet wurden. Dass in einer waldreichen Gemeinde wie Güntersleben zuletzt auch das Brennholz knapp wurde, mag auf den ersten Blick verwundern. Es war nicht so, dass die Vorräte im Wald erschöpft gewesen wären. Vielmehr fehlten durch den Kriegsdienst die Männer für die Fällarbeiten im Winter. Ein Gesuch der Gemeinde vom November 1917, dafür Soldaten freizustellen, fand kein Gehör. Zu dringend erschien um diese Zeit der Militärführung jeder Mann an der Front, auch wenn eigentlich schon absehbar war, dass nichts mehr zu gewinnen war.

Bei der großen Bedeutung, die das Holz für die Beheizung der Wohnungen hatte, kann es nicht überraschen, dass die Verteilung der knappen Vorräte nicht immer reibungslos vor sich ging. Als die Gemeindeverwaltung im Frühjahr 1918 nach einer Zuweisung von 65 Ster Brennholz aus dem Staatswald „zur Linderung der Holz“ entschied, dass jede bedürftige Familie nur einen Ster bekommen sollte, protokollierte der Lehrer als Gemeindeschreiber „allgemeines Murren“. Und „als Stimmungsbild der Zeit“ glaubte er festhalten zu müssen, dass eine Frau, erbost über das geringe Kontingent, ihrem Ärger mit der Äußerung Luft machte: „Ich trete meinen Ster ab, wenn die Gemeindeverwaltung darauf gesetzt und mit verbrannt wird.“

Was nicht lebensnotwendig im Dorf, aber für die Front tauglich war, musste für den Kriegsbedarf zur Verfügung gestellt werden. Das galt für Pferde ebenso wie für Gegenstände aus Metall, Leder oder andere Wertstoffe. Besondere Betroffenheit hat es bei den Dorfbewohnern sicher ausgelöst, als im vorletzten Kriegsjahr 1917 mit dem Hauptregister der Orgel die großen Metallpfeifen aus der Kirche und dann auch die größte Glocke vom Turm als Material für die Munitionsproduktion geholt wurden. Beide kamen nicht wieder und mussten nach dem Krieg von der Gemeinde ersetzt werden, was mit Hilfe großzügiger Spenden aus der Bevölkerung auch gelang. Welch eine Symbolik für den Weg in den Abgrund: Die Glocke, dazu bestimmt, die Menschen zum Gottesdienst zu laden und vor Unwetter, Feuersbrunst und anderen Gefahren zu warnen, brachte nach ihrer Umwandlung in Kanonenkugeln Tod und Verderben über Menschen auf der anderen Seite der Front.

Der Krieg ist vorbei, die Not bleibt

Im November 1918 endete der Erste Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht und dem danach folgenden Friedensdiktat von Versailles, mit dem der Keim für den nächsten großen Weltbrand gelegt wurde. Die Versorgungslage blieb angespannt. Die Bauern mussten weiterhin einen Teil ihrer Erzeugnisse abliefern. Vieles, was man für den täglichen Bedarf benötigte, gab es nur streng rationiert und auf Bezugschein. Dazu beschleunigte sich die allgemeine Teuerung, die schon in den letzten Kriegsjahren eingesetzt hatte, bis hin zur totalen Geldentwertung durch die Inflation von 1923.

Unmittelbare Kriegseinwirkungen im Dorf gab es keine. Die Fronten waren bis zum Ende weit weg. Es kamen auch keine Flüchtlinge oder Vertriebene, wie sie am Ende des Zweiten Weltkriegs in großer Zahl aufzunehmen und zu versorgen waren. Trotzdem war der Wohnraum in den ersten Nachkriegsjahren knapp. Das lag zum einen daran, dass in den Kriegsjahren, soweit bekannt, nicht ein einziges neues Haus gebaut wurde. Zum anderen holten in den ersten Nachkriegsjahren viele Paare ihre aufgeschobene Eheschließung nach. Allein 1919 wurden in Güntersleben 28 Ehen und damit dreimal so viele wie im Durchschnitt der Vorkriegsjahre geschlossen und für die vielen jungen Familien wurden natürlich auch Wohnungen gebraucht.

„Gefallen auf dem Feld der Ehre“

Nachgerade zynisch muten die pathetischen Überhöhungen an, mit denen man in den amtlichen Todesmeldungen und Gedenkreden die Angehörigen mit dem „Heldentod“ eines Familienangehörigen versöhnen wollte. Die betroffenen Eltern, Ehefrauen und die weiteren Nahestehenden der 58 Gefallenen aus Güntersleben dürften andere Empfindungen bewegt haben. 30 von ihnen waren noch nicht älter als 25 Jahre. Am schwersten getroffenen hat es den Jahrgang 1892. Von den 13 jungen Männern, die dieser bei Kriegsbeginn zählte, überlebten sechs den Fronteinsatz nicht. Sechzehn gefallene Soldaten waren verheiratet, fast alle noch keine zehn Jahre, und hinterließen junge Witwen mit zusammen 40 unmündigen Kindern, die ihren Vater nicht oder kaum kennengelernt hatten. Von den Witwen der Gefallenen heiratete jede dritte nicht mehr, wohl auch, weil es nicht mehr genügend Männer im heiratsfähigen Alter im Dorf gab.

Weltweit verloren nach vorsichtigen Schätzungen durch den Ersten Weltkrieg etwa 17 Millionen Menschen ihr Leben.

01/2026