Bräuche und Streiche rings ums Heiraten

3. Oktober 2026

Bräuche und Streiche rings ums Heiraten

Eine Heirat ist heute eine weitgehend private Angelegenheit, die über den Familien- und Freundeskreis hinaus kaum Aufmerksamkeit erweckt. Noch vor wenigen Jahrzehnten nahm das ganze Dorf davon Kenntnis, wenn ein Paar sich nach dem Gang zum Standesamt dann auch noch in feierlicher Form in der Kirche das Jawort gab.

Öffentliche Aufgebote

Wer heiraten wollte, musste rechtzeitig vorher das Aufgebot bestellen, sein Vorhaben also im Pfarramt und seit 1876, als in Bayern die Standesämter eingerichtet wurden, auch bei der Gemeinde anmelden. Beide machten das Aufgebot öffentlich bekannt, als Aufforderung an jedermann, etwaige ihm bekannte Ehehindernisse mitzuteilen.

Das kirchliche Aufgebot verlas der Pfarrer an drei einander folgenden Sonntagen vor der versammelten Gemeinde beim Gottesdienst. Herkömmlich geschah das mit folgendem Wortlaut: „Zum hl. Sakrament der Ehe haben sich versprochen der ehr- und tugendsame Jüngling NN und die ehr- und tugendsame Jungfrau NN“. Nachdem der voreheliche Umgang der Brautleute nicht immer dem entsprach, was nach kirchlichen Moralvorstellungen unter den zugedachten Eigenschaften geboten war, wurde die Formel später verkürzt auf: „Zum hl. Sakrament der Ehe haben sich versprochen der ledige NN und die ledige NN.“ Bei der dreimaligen „Ausrufung“ von der Kanzel, wie man das hier nannte, blieb es noch bis in die 1960er Jahre.

Die Gemeindeverwaltung gab das Aufgebot durch Aushang an der Amtstafel bekannt. Das war ein schwarzer, nach vorne mit einem Gitter verschlossener Kasten, der im Durchgang unter dem (Alten) Rathaus, dem sogenannten Schwibbogen, hing. Spätestens nachdem am Sonntag die Kirchgänger daran vorbeigegangen waren, machte dann im Dorf die Runde: „Sie hängen schon im Kasten.“

Der Kasten konnte hin und wieder auch das Objekt eines derben Streiches werden. Wenn bekannt wurde, dass die Brautleute „heiraten mussten“, weil sich schon Nachwuchs angekündigt hatte, konnte es passieren, dass am Sonntagmorgen „der Kasten gestützelt“ war. Im Schutz der Dunkelheit hatten (meist) Unbekannte große Holzscheite so unter den Bekanntmachungskasten gestellt, dass sie diesen scheinbar abstützten. Wenn die Betroffenen Glück hatten, bekamen sie rechtzeitig Wind davon und konnten den Vorbau entfernen lassen. Ansonsten ließ sich nicht länger verheimlichen, dass es mit dem Heiraten Eile hatte.

Auch nicht immer lustig fanden es Jungverliebte, wenn ihre Beziehung allzu früh öffentlich gemacht wurde, weil nicht so wohlmeinende Freunde zwischen ihren Elternhäusern eine Spur mit kleingehäckseltem Stroh gezogen hatten. Wenn „Sühd gestreut“ war, wusste man, dass sich zwischen den beiden Häusern etwas anbahnte. Auch das konnte man hin und wieder noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erleben.

Wenn es mit der Aufnahme einer Beziehung nicht so recht klappen wollte, trat manchmal ein Schmuser in Aktion. So nannte man früher die zumeist schon etwas erfahreneren Männer, die es als Heiratsvermittler auch im Dorf gab. Bestellt von Heiratswilligen, die sich selbst nicht so recht trauten, oder von deren Eltern, die des langen Wartens leid waren, fädelten sie diskret die ersten Kontakte ein. Sie handelten dabei nicht ganz selbstlos, sondern ließen sich im Erfolgsfall ihre Dienste honorieren. Auf die Spendierfreudigkeit ihrer dankbaren Klienten konnten sie dabei zählen. Der letzte Vorgang dieser Art ist aus dem Jahr 1962 überliefert. Eine ortsbekannte Persönlichkeit erbot sich, einem Witwer bei der Suche nach einer neuen Gefährtin für sein darniederliegendes Hauswesen als Schmuser behilflich zu sein. Als Lohn für seine erfolgreichen Bemühungen soll er ein Schwein bekommen haben.

Polterabende vor der Hochzeit haben keine weiter zurückreichende Tradition in Güntersleben. Populär wurden sie wohl durch Zugezogene, vor allem aus dem Rheinland, die infolge der Kriegsereignisse hier ansässig wurden. Solange noch an allem Mangel herrschte, hatten die Familien auch kaum entbehrliches Porzellan, das bei dieser Gelegenheit in Scherben gehen konnte. In den Jahren um 1970 nahmen aber die Polterabende solche Ausmaße an, dass die Gemeinde wiederholt Anlass sah, in ihrem Mitteilungsblatt zur Mäßigung aufzurufen und vorsorglich anzukündigen, dass Verunreinigungen und etwaige Schäden an den öffentlichen Straßen in Rechnung gestellt würden. Durchgreifenden Erfolg hatte sie damit nicht. Erst mit dem Aufkommen der Junggesellenabschiede war die große Zeit der Polterabende vorbei.

Glocken und Gewehrsalut

Bevor sich in den 1950er Jahren allmählich der arbeitsfreie Samstag durchsetzte, wurden Hochzeiten in Güntersleben meistens am Sonntag gefeiert. Die großen Bauernhochzeiten am Dienstag gehörten schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts der Vergangenheit an.

Wenn am Sonntag früh um 6 Uhr das Ave Maria mit der großen Glocke geläutet wurde, dann wussten alle im Dorf, dass heute eine Hochzeit mit der feierlichen Trauung in der 7-Uhr-Frühmesse gefeiert wurde. War aber bekannt geworden, dass die Braut schwanger war, fand die Trauung schon um 6 Uhr unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Wer das so nicht wollte, der ließ sich in Würzburg auf dem Käppele, in der Augustinerkirche oder bei den Franziskanern trauen. Da wusste dann auch jeder, dass es höchste Zeit für die werdenden Eltern war.

Bei einer regulären Trauung formierte sich vor dem Gottesdienst ein Hochzeitszug nach fester Ordnung, inmitten das Brautpaar und dahinter die Verwandten und geladenen Gäste. Er führte vom Elternhaus der Braut hinauf zur Kirche. Der hier übliche Brauch, dass das Brautpaar mit seinen Festgästen von einer Abordnung von Gewehrschützen mit Salutschüssen begrüßt wurde, ging mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zu Ende.

Nach dem Gottesdienst formierte sich erneut der Hochzeitszug. Doch bevor er sich in Bewegung setzen konnte, musste der Bräutigam erst eine Art Wegzoll entrichten. Vorsorglich hatte er sich dazu mit reichlich Kleingeld ausgerüstet, das er den ungeduldig wartenden Schulkindern zuwarf, die sich um die Münzen am Boden balgten. War der Bräutigam beim ersten Wurf zu knausrig, musste er noch einmal nachlegen, damit der Weg freigegeben wurde.

Das Spiel wiederholte sich in ähnlicher Form meist noch mehrmals auf dem Weg, den der Hochzeitszug durch die Straßen nahm. Mit einem Seil quer über die Straße „hemmten“ die Jugendlichen den Zug, wie man das damals nannte. Der Bräutigam musste erst wieder Münzen auswerfen. Die jungen Wegelagerer stürzten sich auf ihre Beute, um dann gnädigst wieder Durchlass zu gewähren. Inflationsbedingt stiegen auch die Tarife für den Freikauf. Nach 5- und 10-Pfennig-Münzen wurde in den 1960er Jahren auch das eine oder andere Silberstück in Form von 50-Pfennig-Münzen erwartet.

Bis der Alltag wieder einkehrt

Der Hochzeitszug führte die Festgesellschaft zum Elternhaus der Braut, denn dort fand, wenn es sich ermöglichen ließ, die Feier statt. Ermöglichen ließ sich das meist in der Weise, dass einige Zimmer, oft auch das Schlafzimmer, ausgeräumt und mit Tischen und Stühlen hergerichtet wurden. Eng war es trotzdem allemal, weil die Wohnräume durchwegs kleiner waren als heute.

Zu den besonderen Gästen gehörte der Pfarrer, der zumindest für einen Kurzbesuch vorbeischaute. Geht man etwas weiter zurück, war oft auch der Lehrer dabei. Ja es gab sogar Lehrer, die es übelnahmen, wenn sie nicht eingeladen waren. Aus dem Jahr 1923 ist verbürgt, dass ein Lehrer, der nicht eingeladen war, am Tag darauf die jüngere Schwester der Braut aus nichtigem Anlass im Unterricht verhaute. Wer wollte da an einen Zufall glauben.

Am Nachmittag oder am frühen Abend gab es das nächste Wiedersehen mit der Schuljugend. Die Halbwüchsigen, wie sie genannt wurden, strömten zum Festlokal und riefen schon von Weitem: „Hochzeitshaus, schmeiß Bratwürscht raus!“ Die bekamen sie freilich nicht, dafür aber eine dicke Scheibe Weißbrot. Das war auch in den 1950er Jahren noch ein begehrter Leckerbissen, weil es das bei den meisten, wenn überhaupt, nur selten im Jahr gab.

Nachdem sich die Gäste an den Köstlichkeiten aus der Küche wohlgetan hatten, wurde ein Schuh der Braut versteigert. Wenn eine ordentliche Summe beisammen war, bekam die Braut den Schuh zurück und das Geld ging an die Küche. Das Kochen übernahm bei solchen Anlässen kein Mitglied der Familie, sondern man stellte eine der Frauen aus dem Dorf an, die dafür bekannt waren, dass sie sich das Küchengeschäft für große Hochzeitsgesellschaften zutrauten.

Egal, wie sehr die Gäste durch reichlich Wein und Bier in Stimmung waren, um Mitternacht wurde Ruhe geboten und es wurde noch einmal besinnlich. Der Braut wurden Kranz und Schleier abgenommen und stattdessen ein Kopftuch umgebunden, dem Bräutigam eine Arbeitsmütze aufgesetzt. Damit sollte symbolisiert werden, dass nach dem Feiern der Alltag einkehrt. Das traditionelle 12-Uhr-Gedicht wurde aufgesagt, in dem vom Ende der Jugendzeit die Rede ist. Und wenn dann im gemeinsamen Lied die Tränen besungen wurden, die schon das Kind bei den ersten Schritten begleiten und der Braut besonders gut anstehen, dann bekamen zartbesaitete Gäste auch glasige Augen.

Die Unterbrechung war aber nur von kurzer Dauer, dann ging die ausgelassene Stimmung weiter. Und wer zum engeren Familienkreis gehörte, durfte sich schon auf das „Brockenfest“ am nächsten Tag freuen, wenn die Reste vom Festmahl aufgetischt wurden.

10/2025