Wer kennt noch die alten Flurnamen?

24. September 2026

Wer kennt noch die alten Flurnamen?

Sucht man im Dorf nach einer bestimmten Straße, wird es meist nicht schwer sein, eine Auskunftsperson zu finden. Wer schon etwas länger hier wohnt, der kennt die meisten der knapp 80 Ortsstraßen mit Namen und weiß auch, wie man dorthin gelangt. Anders sieht es bei den Flurnamen aus. Will jemand wissen, wie er zur Dunk, in die Horb oder auf den Volkenschlag kommen kann, darf er sich über ein erstauntes Kopfschütteln nicht wundern, weil sein Gegenüber „nur Bahnhof versteht.“ Als die meisten Familien in Güntersleben für den Eigenbedarf auch ein paar Äcker hatten, was bis zur Flurbereinigung der 1960er Jahre noch der Fall war, war man im Dorf mit den Flurnamen gleichermaßen vertraut wie mit den Straßennamen.

Warum man Flurnamen brauchte und wie sie entstanden

Im Dorf brauchte es bis in die jüngere Vergangenheit kaum Straßennamen, um sich zurechtzufinden. Daher wurden den meisten unserer heutigen Straßen erst 1963 und später eigene Namen zugewiesen. Früher wie heute geschieht das durch eine förmliche Entscheidung der Gemeindeverwaltung bzw. des Gemeinderats.

In der freien Feldflur und in den Wäldern rings um das Dorf gab und gibt es dagegen für Straßen und Wege keine amtlichen Namen und nur in einigen wenigen Fällen hat sich ein Name im alltäglichen Sprachgebrauch herausgebildet. Flurnummern, unter denen jedes Grundstück nach Lage und Größe erfasst ist, gibt es erst seit 1832. Wer mehrere, oft Dutzende oder auch Hunderte über die ganze Gemarkung verstreute Grundstücke besaß, brauchte zumindest eine grobe Lagebeschreibung, um den Überblick über seinen Besitz zu behalten. Auch bei Besitzübertragungen, Käufen oder Verkäufen mussten die Beteiligten wissen, wo die betroffenen Grundstücke zu finden sind. Ohne nähere Bezeichnungen für die verschiedenen Flurbereiche wäre das schwierig gewesen.

Flurnamen sind Lagebezeichnungen, die unterschiedlich große Bereiche mit mehr oder weniger vielen einzelnen Grundstücken umfassen können. Sie sind nicht exakt abgegrenzt und wurden über Jahrhunderte auch nicht amtlich festgelegt. Dem praktischen Bedürfnis folgend, haben sie in den dörflichen Sprachgebrauch Eingang gefunden. Auf diese Weise haben sich für die etwa 1500 Hektar große Flur mit Äckern, Weinbergen und Wäldern und – bis zur Flurbereinigung der 1960er Jahre – über 12.000 Einzelparzellen im Laufe vieler Jahrhunderte nahezu 200 Flurnamen herausgebildet.

Wann die ersten Flurnamen in Gebrauch kamen, kann man nur mutmaßen. Es spricht aber wohl einiges dafür, dass dies im Zusammenhang der Landnahme und Besiedlung eines Gebietes geschah. Auf Güntersleben bezogen würde das bedeuten, dass es schon lange vor der ersten urkundlichen Erwähnung des Dorfes im Jahr 1113 Flurnamen gab. In schriftlicher Form begegnet uns zum ersten Mal ein Flurname in einer Urkunde von 1280 im Zusammenhang mit der Schenkung eines Weinbergs „im Stubengrund“. Heute ist diese frühere Weinlage Teil des Steinbruchs der Firma Benkert. Wenige Jahre später lesen wir von einem „Wald im Stöckach“, der bis heute unter diesem Namen bekannt ist.

Flurnamen als Abbilder von Natur und Landschaft

Bei den abwechslungsreichen Geländeformationen der Günterslebener Gemarkung war es naheliegend, dass viele Flurnamen daran anknüpften. Beispiele dafür sind Altenberg, Deisenberg, Fahrenberg, Hainberg, Heulenberg, Triebleinsberg oder – fränkisch verkleinert – Höhberglein. Der Höhfeldsberg führt hinauf auf die höheren Lagen des Höhfeld. Zu diesen gehören auch Breitfeldhöhe, Hohe Buchen, Hochäcker, Retzstadter Höhe und als höchste Lage die Steinhöhe. Ganz unten fließt der Bach durch den Grund, nach Rimpar kommt man durch das Tal, die Felder davor nannte man Zwischen Berg und Tal. Auf steilere Anstiege oder sehr hängige Lagen weisen die Namen Hundsrück, Meudelsrück, Grundrain, Aurain, Saurain, Rother Rain oder Breitensteig und Buchlohsteig, Eichenleiten oder einfach Leiten hin. Ganz steil und tief hinab gelangte man in den Teufelskeller neben dem bereits erwähnten Stubengrund. Nicht gar so unheimlich klingt Rothenloch und geradezu harmlos im Vergleich dazu das Löchlein, eine Flurlage in einer sanften Senke.

Eine Reihe von Flurnamen erinnert noch daran, dass die Äcker dort durch die Rodung von Waldarealen gewonnen wurden. Dazu gehören das eben genannte Rothenloch, Rothenberg, Sandgereuth, Gräfenroth oder Rother Rain.

Auf frühere oder noch vorhandene Wasserstellen und Feuchtflächen weisen Flurnamen wie Hungerbrunnen, Gänsbrünnlein, Pfützenbrünnle, Tränk oder Leitensee hin.

Aus manchen Flurnamen spricht auch die Bodenbeschaffenheit des betreffenden Bereichs. So beim Sandgraben, Sandhügel, Sändlein (heute Sennlein), den Kiesäckern und dem Gries, der auch auf kiesigen Boden hinweist. Auf dem Klappergehäng ist der Boden so von Steinen durchsetzt, dass diese bei der Bearbeitung aneinander klappern. Auf der Platte findet sich unter einer dünnen Bodenauflage eine durchgängige Steinschicht, die der Flurlage und dem heutigen Baugebiet den Namen gab.

Ein weiterer Anknüpfungspunkt für Flurnamen war die Nutzung der Flächen. Kuhhaug, Saurain, Sauecke bezeichnen frühere Weideflächen, mit einer Einfriedung auch Heegäcker genannt. In der Reisgrube wurde nicht etwa Reis angebaut, vielmehr ist der Begriff gleichbedeutend mit Zweig oder Ast und bezeichnet ein Areal mit Gebüsch oder Niederwald, für die es an anderer Stelle auch die Flurlage Büschäcker gibt. Hochwald mit lichtdurchfluteten Laubgehölzen bezeichnete man als Loh, fortlebend in den Walddistrikten Eichenloh und Buchenloh.

Besonders originelle und anschauliche Namen fand man für Flurbereiche mit auffälligen Acker- oder Geländeformen. An einer Stelle heißen sie einfach Gerade Äcker, an anderer Stelle Krumme Läng, Spitzäcker oder Strigelesäcker, weil man die schmalen Grundstücksstreifen mit den Zinken eines Pferdestriegels verglich. Die Felder an einem nicht ganz geradlinig verlaufenden Graben lagen in der Bieg.

Schließlich sagen Flurlagen auch etwas darüber aus, wer dort ehemals die wichtigsten Besitzer oder Nutzer waren. Pfaffenäcker, Heiligenäcker und Heiligenholz deuten auf kirchliche Besitzrechte hin, Gemeindeäcker auf solche der Gemeinde und bei den Hirtenäckern lagen die Flächen, die dem jährlich neu gedingten Hirten für die Dauer seines Aufenthalts zur Nutzung überlassen waren.

Flurnamen als Zeugen der Geschichte

Von den Flurnamen, die uns zurückführen in die Vergangenheit des Bauerndorfes Güntersleben ist zuerst der Trieb zu nennen. Es handelte sich dabei um einen 10 bis 15 Meter breiten und über drei Kilometer langen Grundstücksstreifen im Eigentum der Gemeinde. Er durchquerte die gesamte Gemarkung, beginnend im Süden am Stöckach und endend im Norden vor dem Gramschatzer Wald. Wie der Name sagt, wurden auf ihm die Kühe, Ziegen und Schweine der Bauern zur Fütterung in die Wälder getrieben, was noch bis etwa 1850 geschah.

Die Flurlage Judenpfad, die hoch über dem Wiesengrund den Bachlauf begleitet, erinnert daran, dass hier ein Fußweg zwischen Güntersleben und Würzburg entlangführte, den auch die jüdischen Händler benutzten.

Schelm war, bevor es die heutige Bedeutung als Spaßvogel bekam, eine aus dem Althochdeutschen abgeleitete Bezeichnung für Pest, Seuche oder Kadaver. Im Schelmsgraben, der erst im letzten Jahrhundert bebaut wurde, wurden demnach vermutlich die verendeten Tiere vergraben. Eine ähnliche Bestimmung könnte auch die Flurlage Aasig Richtung Thüngersheim gehabt haben.

Abgewandelt, manchmal sinnentstellt oder nicht mehr erklärbar

Die Flurnamen wurden über Jahrhunderte nur mündlich weitergegeben. Wo sie in schriftliche Zeugnisse eingingen, wurde ihre Schreibweise dem jeweiligen Sprachgebrauch angelehnt, der sich immer wieder auch einmal änderte. Amtlichen Charakter bekamen die Flurnamen erst durch die Übernahme in die Grundstückskataster der Steuerbehörden im 19. Jahrhundert. Bei dem Versuch, die Flurnamen aus der Dorfsprache in Schriftdeutsch zu übernehmen, konnte es auch vorkommen, dass die damit nicht vertrauten Amtsschreiber den ursprünglichen Sinn eines Flurnamens verfälschten. So wurde aus dem Grätenberg, Kretenberg oder Krötenberg der Kräuterberg. Das Gräbenroth oder Grebenroth wurde zum Gräfenroth. Das Heeßloch oder Heßlich wurde zum Haslach.

Der Name der heutigen Roßstraße hat von seiner Herleitung nichts mit Pferden zu tun. Der Rößweg, wie er ursprünglich hieß, führte zu den Rößen. Das waren flache, mit Wasser gefüllte Gruben in Bachnähe, in denen Hanf und Flachs durch die Sonneneinstrahlung „geröstet“ wurden, damit sich die Fasern von den Holzteilen lösten, bevor sie zu Stoffen verarbeitet werden konnten.

Bei manchen Flurnamen muss man schließlich hinnehmen, dass sie nicht mehr erklärbar sind oder man nur noch mit viel Fantasie einen Sinn herauslesen kann. Dazu gehören etwa Thunk oder Dunk, Deisenberg, Maidel oder Meudel, Göbig, Heinig oder eine geradezu kurios anmutende Flurlage wie Rettersgestell oder Rädersgestell, was immer man sich darunter vorstellen mag.

Verschwunden oder in Straßennamen fortlebend

Durch die Flurbereinigung der 1960er Jahre bekam die bis dahin sehr kleinteilig gegliederte Flur von Güntersleben ein neues Gesicht. Für die wirtschaftlichere Nutzung wurden große Ackerflächen geschaffen, die sich oft über mehrere frühere Flurlagen erstreckten. Außerdem wurden durch die Ausdehnung der Ortschaft ortsnahe Flurlagen überbaut. Auch dadurch verschwanden viele der herkömmlichen Flurnamen.

Schaut man sich aber die Straßennamen in den neueren Baugebieten an, dann begegnet einem in diesen doch eine ganze Anzahl der alten Flurnamen. Die Mehlenstraße, die Fahrentalstraße, die Reisgrube, die Straßenbezeichnungen Am Kerlach, Am Grubig, Am Kuhhaug, An der Tränk und andere haben ihre Namen nach früheren Flurlagen in ihrer Nähe. Dazu gehören auch der Äußere und der Innere Hunnenbrunnen, auch wenn sie richtigerweise Hungerbrunnen heißen müssten.

09/2026