Würzgärten, Krautäcker, Koppesland
„Voraussichtlich rentiert sich diese sehr schlecht.“ Mit dieser Begründung lehnte im August 1913 die Gemeindeverwaltung Güntersleben den Antrag eines Ortsbürgers ab, der bei der früheren Mühle am südlichen Ortsausgang zusammen mit einem Wohnhaus auch eine Gärtnerei anlegen wollte. Aus der Gärtnerei wurde dann auch nichts. Erfolgreicher war Josef Klos, der 1921 am Deisenberg die erste Gärtnerei in Güntersleben aufbaute, die von seinen Nachkommen bis vor wenigen Jahren betrieben wurde. Aber auch er hatte anfangs einige Mühe, Abnehmer für seine Erzeugnisse im Dorf zu finden.
Dabei gab es zu dieser Zeit noch keine Einkaufsmärkte am Ort, bei denen man Gemüse, Salat und alles andere einkaufen konnte, was für die Essenszubereitung in der häuslichen Küche gebraucht wurde. Dafür hatten aber fast alle Familien einen eigenen Garten und viele deren sogar mehrere.
Die Küchengärtlein
Älteren Ortsplänen und Besitzbeschreibungen kann man entnehmen, dass man trotz der beengten Verhältnisse im alten Dorf auf den Hofstellen oft auch noch ein Plätzchen für einen kleinen Nutzgarten fand. Sie werden als Küchen- oder Würzgärtlein bezeichnet. Sie waren nicht sehr groß, wurden manchmal im Laufe der Zeit noch kleiner oder verschwanden ganz, wenn auf dem Anwesen noch ein Stall oder eine Lagerhalle gebaut wurde. Auf engstem Raum wurden, wie der Name besagt, Gewürze und anderes angebaut, was man als Zutat für die tägliche Essensbereitung brauchte und schnell zur Hand haben wollte, ohne erst weite Wege zurückzulegen.
Es war nur das Allernotwendigste, das dort wuchs und natürlich nicht ausreichend, um den ganzen Haushaltsbedarf zu decken. Musste es auch nicht, denn dafür hatte nahezu jede Familie im Dorf einen oder mehrere Krautgärten.
Die Krautäcker im Koppesland
Auf diesen größeren Gartengrundstücken mit 100 oder ein paar Hundert Quadratmetern pflanzte man nicht nur Kraut, wie der Name nahelegt, sondern auch andere Gemüsepflanzen. Namentlich „Bohnen, Zuckererbsen, weiße, gelbe, rothe Rüben, mehrere Kohlarten, Rettige, Zwiebel, Petersilie etc. welche den häuslichen Bedarf zu decken bestimmt sind“, wie der königliche Gerichtsrat Hermann Josef Sinner 1861 in seinem Bericht nach einer Besichtigung der hiesigen Dörfer schreibt. Eben alles, was im Küchengärtlein am Haus keinen Platz fand. Teilweise wurden dort auch Runkelrüben vorgezogen, die man dann, wenn Regen zu erwarten war, auf den Feldern auspflanzte. Später kamen Salate dazu. Tomaten fanden in Europa erst im 20. Jahrhundert größere Verbreitung.
Weil die jungen Kulturen regelmäßig Wasser brauchten, das man vor 1909 bei uns noch nicht bequem aus der Leitung nehmen konnte, waren die Krautäcker in Bachnähe. Die meisten am südlichen Ortseingang zwischen der Roßstraße und der früheren Mühle beim heutigen Bauhof der Gemeinde, teilweise auch auf der anderen Seite der Würzburger Straße. Mit dem Schwemmland beiderseits des Dürrbachs hatte man auch einen besseren Pflanzboden als sonst in unserer steinreichen Flur.
Den Flurbereich mit den Krautäckern nannte man auch Koppesland. Die Bezeichnung leitet sich ab von Koppes oder Kappes, der mundartlichen Bezeichnung für den Weißkohl, die bevorzugt in Nord- und Westdeutschland gebräuchlich ist. Bis zur Flurbereinigung in den 1960er Jahren wusste jeder in Güntersleben, wo die Krautäcker oder das Koppesland waren. In Veitshöchheim hat sich der Begriff noch in einer Straßenbezeichnung erhalten. Es gibt dort einen Koppeslandweg.
Das Interesse am eigenen Garten schwindet
Gärten standen hoch im Kurs, solange die Dorfbewohner auf die selbst produzierten Erzeugnisse angewiesen waren, weil es die uns heute vertrauten Einkaufsmöglichkeiten noch nicht gab. Im Dritten Reich, wo die Selbstversorgung besonders gefördert wurde, weil man unabhängig von Importen aus dem Ausland sein wollte, mussten die Gemeinden den vorgesetzten Behörden Bericht erstatten, wie es mit der Gartenkultur stand. 1940 meldete die Gemeinde Güntersleben mit damals 375 Haushalten einen Bestand von 300 Nutzgärten.
In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war die Ausweisung weiterer Kleingärten ein Thema, das den Gemeinderat sehr beschäftigte. Vor allem die Flüchtlingsvertreter machten sich dafür stark, denn anders als die alteingesessenen Familien hatten die Vertriebenen keine Basis für die damals lebensnotwendige Eigenversorgung. Schließlich stellte die Gemeinde ein bis dahin landwirtschaftlich genutztes Grundstück am Dürrbach beim heutigen Heimgartenweg zur Verfügung und teilte es in kleinere Parzellen, die sie an Interessenten als Gartengrundstücke verpachtete. 1948 tauschte die Gemeinde das Gelände gegen den Dreschplatz, auf dem heute die Festhalle steht. Als Standort der früheren Lorenzkapelle gehörte dieser bis dahin noch der Kirchengemeinde. Für die Überlassung des Dreschplatzes erhielt die Pfarrei die Gärten am Bach, die seitdem als Kirchengärten bekannt sind und nach wie vor immer wieder verpachtet werden.
Das Interesse, sein eigenes Obst zu produzieren und Gemüse und Salat im eigenen Garten anzubauen, hat drastisch abgenommen, seit es das alles viel bequemer und in größerer Vielfalt im Supermarkt zu kaufen gibt. Das eine oder andere sieht dann vielleicht auch noch schöner aus als das, was man selbst erntet. Aber auch die schönste Tomate aus dem Laden kann im Geschmack nicht mit der Tomate mithalten, die man frisch aus dem eigenen Garten erntet.
Als es 1965 bei der Flurbereinigung um die Neuparzellierung der Grundstücke für künftige Baugebiete ging, konnten die Bauplätze gar nicht groß genug sein. 800 oder besser 1000 qm sollten sie schon haben, auch mit 1200 qm wurden welche zugeteilt. Man wollte ja nicht nur ein Haus darauf bauen, sondern auch einen größeren Nutzgarten anlegen.
Im jüngsten Neubaugebiet auf der Platte sind die Bauplätze gerade einmal halb so groß oder noch kleiner. Dahinter steht zum einen das löbliche Ziel, den Landverbrauch bei neuen Baugebieten zu minimieren. Kleinere Bauplätze sind aber auch im Sinne der meisten Bauinteressenten, die sich bei den hohen Baulandpreisen keine größeren Bauplätze leisten können oder wollen. Der Platz muss reichen für das Haus, die Garage und eine kleine Rasenfläche, auf der man seinen Liegestuhl und hin und wieder auch den Grill aufstellen kann. An einem größeren Nutzgarten haben die Wenigsten heute noch Interesse und in vielen Fällen für dessen Pflege auch nicht die Zeit.
07/2026

