Das Dorf, umgeben von Obstwiesen
Wie in der Mitte eines großen Gartens
„Der Obstgarten befindet sich gewöhnlich an der Kehrseite der Gebäude, umgibt vermöge dieser Anlage die Ortschaften und gewährt dadurch denselben ein freundliches Ansehen; es erscheint aus der Ferne ein solcher Ort als in der Mitte eines großen Gartens gelegen.“ So beschrieb 1861 der königliche Gerichtsarzt Hermann Josef Sinner das Bild der Dörfer im Amtsbezirk Würzburg rechts des Mains, zu dem auch Güntersleben gehörte.
Der Eindruck, dass der Ort „in der Mitte eines großen Gartens gelegen sei“, traf offenbar auch auf Güntersleben zu. Auf Flurkarten aus dieser Zeit sieht man hinter den Anwesen am Ortsrand einen nahezu durchgehenden Gürtel von Obstbäumen.
Wie kam es zu diesem Reichtum an Obstbäumen?
Obstbäume als Kulturpflanzen kennt man in Franken – wie den Weinbau – seit mindestens Karl dem Großen, also seit der Zeit um 800 n. Chr. Der Weinbau hatte aber lange Zeit Vorrang. Wie in ganz Franken war auch in Güntersleben ein Vielfaches der heutigen Fläche mit Reben bestockt. Obstbäume standen dagegen wohl immer nur im ortsnahen Bereich.
So richtig in Schwung kam der Obstbau gegen 1800, als sich die Fürstbischöfe, also die damalige staatliche Obrigkeit, der Sache annahmen. Es ging darum, zusätzliche Nahrungsquellen zu erschließen, denn nach langer Stagnation war wieder ein Bevölkerungswachstum zu verzeichnen. Handel mit Lebensmitteln gab es in einem Dorf wie Güntersleben noch nicht. Missernten, wie zwischen 1814 und 1817, lösten daher auch hierorts noch Hungersnöte aus. Da war es wichtig, nicht nur von wenigen Fruchtarten, wie Getreide und Wein, abhängig zu sein. Je größer die Vielfalt, desto geringer die Gefahr, dass alle Früchte gleichzeitig durch Frost, Unwetter oder Trockenzeiten ausblieben.
Es war vor allem der sozial eingestellte Fürstbischof Franz Ludwig von Erthal, der um 1790 Baumschulen gründete und verlangte, dass namentlich entlang der Straßen Bäume gepflanzt wurden. Dort störten sie nicht die Feldbestellung. Und für den Straßenverkehr waren Baumalleen auch noch keine Gefahr.
Am 21. September 1818 stellte die Gemeinde Güntersleben einem Adam Lauer aus Retzstadt „auf geziemendes Nachsuchen“ ein Zeugnis aus, wonach „dieser die ganze hiesige Markung, sowohl auf dem Feld als in den Gärten nicht nur mit Obstbäumen angepflanzt, sondern auch von wild wachsenden seit 8 – 10 Jahren circa 1000 veredelt, und zwar mit dem besten Erfolge, worunter alle Obstarten begriffen, als Apfel, Birne, Kirschen, Aprikosen u.a.m.“
Der Industriegarten – Obstbau als Schulfach
Wenn die Günterslebener jemand aus Retzstadt brauchten, der ihnen die Bäume pflanzte und veredelte, dann weil hier – wie in vielen anderen Dörfern – die Fachleute fehlten, die etwas vom Obstbau verstanden. Daher hatte der Fürstbischof schon 1789 angeordnet, dass der Obstbau Schulfach wurde. Und zwar sollte „die männliche Schuljugend … in Baumkenntnissen, in der Wissenschaft, Bäume zu setzen, zu schneiden und zu pflegen …. durch die Schullehrer oder, wo diese darunter nicht bewandert wären, durch andere unterrichtet und geübt werden.“ Dazu war jede Gemeinde gehalten, einen sogenannten Industriegarten bereitzustellen, wie man im damaligen Amtsdeutsch das bezeichnete, was man heute einen Lehrgarten nennen würde.
In Güntersleben hatte man es damit nicht sehr eilig. Es brauchte mehrere Anläufe, bis man endlich 1813 ein geeignetes Grundstück am damaligen Ortsrand fand: Heute steht dort das Lagerhaus. Sehr groß war es nicht. Mit etwa 180 qm nicht einmal ein kleiner Bauplatz.
Der Industriegarten wurde eingezäunt, damit nicht mehr wie vorher „die Hühner einfallen konnten“. Er wurde mit „Wildstämmen und Bäumen zum Bälzen und Ockulieren“ – also zum Veredeln – bepflanzt. Wie das ging, sollte der Lehrer den Schülern beibringen, obwohl auch er darin nicht ausgebildet war. Trotzdem funktionierte das zunächst ganz gut. Schließlich hatte der Lehrer auch ein eigenes Interesse, nachdem ihm die Gemeinde seit 1823 die Obsternte überließ.
So konnte der Schulinspektor des Distrikts Jahr 1831 feststellen, „daß aus der vorgenommenen Prüfung der Eifer des Lehrers und der Fleiß der Kinder sehr rühmlich sich geoffenbart“ habe. Allerdings mahnte er auch, dass „der Industriegarten dem Zwecke entsprechender genützt und besonders die Kinder im Pflanzen und Veredeln der Bäume darin erforderlichen Unterricht erhalten.“ Er sah wohl auch, dass es dem Lehrer mehr um den schnellen Ertrag ging. Als dann 1856 ein Lehrer kam, der es mit seinen Pflichten insgesamt nicht so ernst nahm, verkam der Schulgarten mehr und mehr.
Nun gab es allerdings zu dieser Zeit auch noch einen tüchtigen Junglehrer für die unteren Schulklassen, der aber im Schulgarten nichts zu bestellen hatte. Kurzerhand pflanzte er seine eigene Obstanlage. Wie er 1860 in einem Bewerbungsschreiben ausführte, hat er dieses Grundstück „mit 1300 Baumwildlingen besetzt, um die Schuljugend in der Obstbaumzucht gründlich zu unterrichten und edle Obstsorten in hiesiger Gemeinde zu verbreiten.“ Allerdings machte er den Fehler, die Anlage „oberhalb des Dorfes anzusiedeln“, wo sie in einem trockenen Jahr verdorrten. Er gab aber nicht auf, sondern kaufte im kommenden Jahr zwei Grundstücke am Bach „und legte eine Baumschule mit 2500 Wildlingen an, in welcher die Jugend sowohl als auch viele Erwachsene mit bestem Erfolge Unterricht in der Obstbaumzucht erhielten, und die jetzt – 1860 – über 3500 Stämmchen enthält.“
Als kluger Pädagoge hatte er sich noch etwas ausgedacht, und zwar für die Sonntagsschüler, die er auch unterrichtete. Die Sonntagsschule war eine frühe Form der Berufsschule, die sich an die Volksschulzeit anschloss. Er schreibt: „Jeder meiner Sonntagsschüler muß beim Eintritte in meine Schule 6 Stücke Baumwildlinge auf die elterlichen Güter setzen und selbst veredeln.“ So war das, als die Lehrer noch selbst die Lehrpläne machen konnten.
Ulsamer – so hieß der Junglehrer, der später auch Schulleiter wurde und maßgeblich an der Gründung unserer Feuerwehr beteiligt war – lag mit seinen Bestrebungen ganz auf der Linie der Regierungsbehörden. Die förderten zu dieser Zeit unverändert nachdrücklich den Obstbau. Vor allem auch, weil der Weinbau durch die Reblaus und andere Misshelligkeiten seit dem späten 19. Jahrhundert dramatisch zurückging. So ist es wesentlich Ulsamers, dass der Baumwart des Distrikts 1871 bescheinigen konnte: „Die Einsicht der Bäume auf der Gemeindeflur erweist einen sehr günstigen Stand und soll unter den Ortseinwohnern ein reges Interesse für die Obstbaumzucht bestehen, was durch eigene Überzeugung bestätigt wird.“
Als der Lehrer Ulsamer 1888 in Ruhestand gegangen war, ging der Ärger mit dem Schulgarten von neuem los. Die Lehrer stritten sich, wer eigentlich zuständig sei. Der Pfarrer, der damals noch die Aufsicht über die Schule und die Lehrer hatte, stand ziemlich allein und erfolglos auf weiter Flur bei seinen Bemühungen, die Lehrer für den Schulgarten zu begeistern.
1898 beendete die Gemeinde das Trauerspiel mit dem Industriegarten und verkaufte das Grundstück an den Darlehenskassenverein. Der baute darauf das Lagerhaus. Dabei drängten die Behörden nach wie vor darauf, einen Schulgarten für das Erlernen der Obstbaukultur vorzuhalten. Nach einem letzten Versuch im Dezember 1913 bekamen sie vom Bürgermeister die lapidare Antwort: „Seit Errichtung des Lagerhauses ist kein Grundstück vorhanden, das sich als Schulgarten verwenden läßt.“ Man darf wohl annehmen, dass man schon ein Grundstück gefunden hätte – wenn man gewollt hätte.
1902 wurde in Veitshöchheim die „Königliche Wein-, Obst- und Gartenbauschule“ gegründet, seit 1913 nannte sie sich Lehranstalt. Der Name hat sich im Volksmund bis heute gehalten, auch wenn sie schon 1952 in Landesanstalt umbenannt wurde, seit 1974 ohne den Obstbau im Namen. Für uns in Güntersleben hatte und hat diese Einrichtung in vielerlei Hinsicht eine besondere Bedeutung: Die neuen Arbeitsplätze in Veitshöchheim und Gadheim wurden auch von Günterslebenern gerne angenommen. Von dort konnten sie einiges an Fachwissen für ihre eigenen Obstbäume mitnehmen. Es gab Lehrgänge und Kurse. Der eine oder andere absolvierte dort auch eine Fachausbildung.
Obst- und Gartenbau im Dritten Reich
Im Dritten Reich wurde der Obst- und Gartenbau mit Nachdruck gefördert und gefordert. Unabhängig zu sein von Importen aus dem Ausland, gehörte zur Kriegsvorbereitung. Begonnen wurde mit einer Bestandserhebung. Und so wissen wir, dass 1933 auf der Günterslebener Flur 2520 Apfelbäume, 359 Birnbäume, 333 Zwetschgen-, 545 Süßkirschen- und 23 Sauerkirschenbäume standen.
In der Folgezeit gab es Rundschreiben und Informationsveranstaltungen. Vorschriften mit strikten Anweisungen und Verpflichtungen zur Pflege der Obstbäume wurden erlassen. Die Gemeinden wurden mit Spritzgeräten und Pflanzenschutzmitteln versorgt. Nicht alles war gesundheitsverträglich.
Es gab neuerdings wieder Baumschulen in Güntersleben und es wurden jede Menge Bäume gepflanzt. Eine Zählung von 1938 weist mit 4395 Apfelbäumen, 1022 Birnbäumen, 1934 Zwetschgen-, 1029 Süßkirschen- und 23 Sauerkirschenbäumen einen Zuwachs aus, den man kaum glauben mag. Von den damals 350 Haushalten hatten 204, also rund 60 % aller Familien, eigene Obstbäume.
Bemerkenswert ist, dass man auch damals schon Obstbäume als prägend für das Landschaftsbild erkannte. Man durfte nicht mehr so ohne weiteres ältere Bäume entfernen. Im Februar 1938 verfügte der Gauheimatpfleger mit „Parteibefehl“, die Schönheit der Kulturlandschaft durch den Schutz der alten Obstbäume zu erhalten. Er geißelte die „Baumschlächtereien der letzten 5 Jahre, wo Obstbäume zwecklos weggehackt wurden, weil der Bauer absichtlich alt mit überalt verwechselt oder weil er gerade Brennholz braucht oder Beschäftigung sucht“. Daher war ihm fortan erst Meldung zu erstatten, wenn ein alter Obstbaum abgesägt werden sollte.
Als 1939 der Krieg begann und sich die Versorgungslage verschärfte, wurde die Bevölkerung an der sogenannten Heimatfront zu nochmals verstärkten Anstrengungen bei der Nahrungsmittelproduktion angehalten. Dazu gehörte auch die Weisung, in allen Gemeinden Obst- und Gartenbauvereine zu gründen. In Güntersleben kam man dieser Anordnung mit einiger Verzögerung erst 1944 nach. Der Zuspruch hielt sich in Grenzen, so dass der Verein nach dem Krieg neu gegründet werden musste.
Obstbäume zur Eigenversorgung in den Nachkriegsjahren
Während des Kriegs war die Zahl der Obstbäume, wohl auch mangels Pflege, wieder stark zurückgegangen. 1946 wurden nur noch 2415 Apfelbäume, 374 Birnbäume und 634 Zwetschgenbäume gezählt. Mancher alte Baum war vielleicht doch allen Weisungen zum Trotz angesichts des Mangels an Heizmaterial im Ofen gelandet.
In der Nachkriegszeit wurde der Obstbau von den Behörden wieder intensiv propagiert, obwohl es das vermutlich gar nicht gebraucht hätte. Wer ein passendes Grundstück hatte, schaute, wie er an junge Bäume kam. Und man pflegte wieder seine Bäume. Die Jungbäume wurden überwiegend für den Eigenbedarf gepflanzt, aber es wurden auch kleine Obstplantagen angelegt. Der Verkauf an Händler oder vom Hof direkt an die Verbraucher brachte bis in die 1970er Jahre gute Erlöse.
Kaum noch Obstbäume
Die Bebauung hat sich inzwischen ausgedehnt. Um das alte Dorf herum sind, verstärkt seit Mitte der 1960er Jahre, neue Baugebiete entstanden. Die früheren Obstwiesen an diesen Stellen sind überbaut worden. Neue wurden in nennenswertem Umfang nicht mehr angelegt. Im Gegenteil: Bei der Flurbereinigung um 1960 sind viele Restbestände wie auch die mächtigen Solitärbäume in der Flur als Hindernisse für die Landwirtschaft beseitigt worden. Die freistehenden Säubirlesbäume, ehemals Orientierungspunkte in der Flur, sind verschwunden.
Heute sieht man auf der Günterslebener Flur nur noch wenige Obstbäume und die sind meist in einem schlechten Pflegestand. Seinen Bedarf an Obst deckt man nicht mehr aus eigener Produktion, sondern versorgt sich vom Händler oder aus dem Einkaufsmarkt.
05/2026


