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Wer einen Garten sein Eigen nennt oder das Familiengrab auf dem Friedhof pflegt, kann ein Lied davon singen. Wo es gerade noch üppig grünte und blühte, sieht man eines Morgens nur noch kahle Gerippe vor sich. Wieder einmal hatte des Nachts ein Reh einen Ausflug aus seinem angestammten Revier im Wald unternommen und sich an den jungen Trieben von Gemüsepflanzen und Blumen gütlich getan. Wenn ein Dorf wie Güntersleben ringsum von Wäldern umgeben ist, braucht man sich nicht wundern, wenn sich Rehe wie auch Wildschweine hin und wieder eine Abwechslung auf ihrem Speiseplan gönnen wollen. Auch wenn es scheint, dass die Klagen zunehmen, gab es das eigentlich schon immer. Aber anders als heute war es für unsere Vorfahren oft nicht nur ärgerlich.
Dank an den Fürstbischof
Am 25. August 1792 schickte der Pfarrer von Güntersleben – damals noch Gündersleben – eine nach seinen Worten „warme und gefühlvolle Dankschrift“ an seine Hochfürstliche Gnaden, den Fürstbischof von Würzburg, damals nicht nur geistliches Oberhaupt, sondern auch Inhaber der weltlichen Herrschaft über Franken.
Der Dank, den Pfarrer Maurus Stüttlein für die „treu gehorsamsten Untertanen von Gündersleben“ übermittelte, hatte seinen guten Grund. Fürstbischof Franz Ludwig von Erthal, der als großer Sozialreformer in die Geschichte einging, hatte bald nach seinem Amtsantritt 1779 den Wildbestand im Gramschatzer Wald drastisch reduzieren lassen. Unter seinen Vorgängern war dieser unerträglich hoch, damit die adligen Herrschaften ausgiebig ihrer Jagdleidenschaft frönen konnten. Mangels ausreichender Nahrungsquellen im Wald bedienten sich vor allem Wildschweine und Rehe auf den Feldern der Bauern und zertrampelten die Saat und den Aufwuchs.
Die hohen Herren hatten ihr Vergnügen und die Bauern den Schaden, wie Pfarrer Stüttlein in seinem Brief anschaulich schildert: „Wir und unsere Vorfahren waren arme und bedrängte Leute und sahen uns genötiget, mit dem Bettelstab einher zu gehen; indem wir wegen allzu großen Wildschaden unser Brod im Schweise unseres Angesichtes, der weitschweifigen Markung unserer Felder ohngeachtet, nicht verdienen konnten.“ Ebenso anschaulich schildert er, wie sich die Lage der Bauern durch die Anordnung des „weisen und gutherzigen Landesvaters“ zum Guten verändert hat: „So viel wir vorher in unserer Gemeinde Arme zählten, so viele und noch mehrere Bemittelte, welche sich durch Fleiß und Arbeit nähren können, finden sich dahier ein.“
Die Erleichterung der Menschen darüber, dass die Heimsuchungen aus dem Wald ein Ende hatten, muss riesig gewesen sein, wie man dem feierlichen Versprechen entnehmen kann, mit dem Pfarrer Stüttlein seinen Brief beschließt: „Wir wollen aber auch diese rührende Guttaten in dem Buche unsers Herzens nicht nur unvergeßlich aufbewahren, sondern auch unsere Kinder und Kindeskinder sollen noch mit dankbarsten Gefühle ausrufen: Franz Ludwig hat uns aus dem Staub der Armut gezogen und zu nahrhaften Bürgern gemacht… Seine Wohltaten sollen in unseren Gemütern nicht erlöschen und der Höchste Herr Franz Ludwig soll auch unseren Nachkömmlingen bekannt werden.“
Was Pfarrer Stüttlein „mit einem jubelvollen Vivat“ am Ende seines Briefes für die Günterslebener versprochen hat, wurde auf höherer Ebene realisiert. Der Name des Erthal-Sozialwerks des Caritasverbandes der Diözese Würzburg hält die Erinnerung an den großen Sozialreformer lebendig.
Gänse in Gemüsegärten
Nicht immer waren die Günterslebener auf die Hilfe des Fürstbischofs angewiesen, manchmal genügte auch schon das Eingreifen ihres Polizeidieners, um Schaden abzuwenden. Ungemach drohte nämlich auch von den Gänsen, die seit jeher frei auf der Straße herumlaufen und die Straßengräben abgrasen durften. Besser mundete ihnen freilich das, was in den Gärten angebaut wurde. Im 19. Jahrhundert, wenn im Rathaus vierteljährlich bei den sogenannten Rugsitzungen die Anzeigen über Vergehen im Dorf und in der Flur verhandelt wurden, legte der Polizeidiener regelmäßig eine längere Liste darüber vor, wie viele Gänse er wieder in Gärten „ergriffen“ hatte. Er konnte dazu auch die Namen der Halter nennen, was bei der großen Zahl von Gänsen im Dorf schon eine bemerkenswerte Leistung war. Die Halter mussten für jede aufgegriffene Gans drei Kreuzer Strafe zahlen. Davon erhielt der Polizeidiener die Hälfte, womit er seinen kärglichen Sold etwas aufbessern konnte.
Von mehr als 250 Gänsen, die man 1950 in Güntersleben noch zählte, sank deren Zahl bis 1960 auf weniger als 100 Tiere. Spätestens seit 1970 sieht man in den Höfen und auf den Straßen von Güntersleben keine Gänse mehr. Damit haben auch die Gartenfreunde eine Sorge weniger.
Kirschen- und Traubendiebe
Zahlreiche Obstbäume standen ehedem in den ortsnahen Flurbereichen von Güntersleben, darunter auch viele Kirschbäume. Gerade sie wurden jedes Jahr von neuem, wenn die Früchte reiften, nicht nur für Jugendliche zum Ort ihrer Begierde. Weil die süßesten Früchte bekanntlich oben hängen, erprobte mancher seine Kletterkünste am Baum. Pech nur, wenn gerade dann der Eigentümer bei einem seiner Kontrollgänge vorbeikam. Dann saß der Dieb in der Falle und konnte sich gleich nach dem Abstieg seine Abreibung abholen. Mit der Flurbereinigung der 1960er Jahre und der nachfolgenden Ausdehnung der Bebauung verschwanden die Bäume und seitdem ist es auch mit dem einst so beliebten Kirschenklauen vorbei.
Trauben galten hierzulande seit jeher als besonders edle Frucht und daher ließ man ihnen auch besonderen Schutz vor unbefugtem Zugriff angedeihen. Wenn der Herbst nahte, konnte man in vielen Weinbergen mehr oder weniger fantasievoll gestaltete Vogelscheuchen bewundern. Großflächige Netze sollten gegen Stare schützen, die in der Lage waren, mit einem großen Schwarm den Winzer in einer einzigen Nacht um den Ertrag seiner Arbeit eines ganzen Jahres zu bringen. Auch Schreckschussautomaten wurden eingesetzt, um die Räuber aus der Luft zu vertreiben.
Weil es nicht nur tierische Eindringliche fernzuhalten galt, wurden viele Weinberge noch vor wenigen Jahrzehnten im Herbst mit Zäunen umgeben. Von der Gemeinde wurde für die Wochen vor der Lese eine Weinbergsperre angeordnet, während der kein Unbefugter sich innerhalb der Weinbergslagen aufhalten durfte. Zudem wurden aus den Reihen der Winzer Wächter bestellt, die im täglichen Wechsel zwischen den Weinbergen Kontrollgänge machten.
In den letzten Jahren gerieten alle diese Vorkehrungen zunehmend in Vergessenheit. Ob es daran liegt, dass die Weinberge, auch bedingt durch den Klimawandel, zuverlässiger regelmäßige Erträge bringen, dabei auch manchmal im Übermaß? Auch wenn heute niemand mehr gehindert wird, auch bei beginnender Traubenreife auf den Weinbergswegen spazieren zu gehen, sollte der Respekt vor fremdem Eigentum trotzdem eine Selbstverständlichkeit sein.
07/2026
