Große Schritte, kleine Schritte, manchmal auch zurück: Wie Güntersleben zu dem wurde, was es heute ist.

25. September 2021

Große Schritte, kleine Schritte, manchmal auch zurück: Wie Güntersleben zu dem wurde, was es heute ist.

Wechselvoller Weg mit vielen unbeschriebenen Seiten

Nur Städte und Dörfer, die erst in neuerer Zeit gegründet wurden, werden zu einer lückenlosen Darstellung ihrer Geschichte in der Lage sein. Bei den anderen beginnt der Weg meist in einem unerforschten Tunnel, dessen Länge man oft nur ahnen kann, und auch wenn es heller wird, lassen sich nicht immer alle Etappen genau nachverfolgen.

Der erste urkundliche Nachweis von Güntersleben aus dem Jahr 1113 bestätigt uns zwar, dass es das Dorf zu dieser Zeit gab, sagt aber nichts darüber, wie lange es da schon bestand. Auch für die Zeit danach gleicht unser Bild von Güntersleben erst einmal einem weitgehend leeren Rahmen, der sich erst im Lauf der Jahrhunderte ganz allmählich füllt.

Dabei sehen wir, dass die Entwicklung von Güntersleben aus kleinen Anfängen bis zu seiner heutigen Größe und Ausdehnung alles andere als gleichmäßig und geradlinig verlief. Selten waren die Verhältnisse über längere Zeit stabil. Abhängig von vielerlei Faktoren, wie den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen, klimatischen Veränderungen und Naturereignissen, Kriegen, Seuchen, Epidemien und anderem mehr, war es ein steter Wechsel zwischen Aufschwung, Stillstand und Niedergang.

Hilfe von außen war dabei eher weniger zu erwarten. Das Dorf musste seinen Weg selbst finden und aus eigenen Kräften bewältigen.

Im Dunkel der Geschichte

Bodenfunde deuten darauf hin, dass schon seit der beginnenden Jungsteinzeit um 5000 v. Chr. immer wieder einmal für kürzere oder längere Zeit Siedlungen auf Günterslebener Gemarkung bestanden. Der Ortsname lässt vermuten, dass Güntersleben – oder Gundresleibi in der frühesten bekannten Schreibweise –als dauerhafte Siedlung von den Thüringern gegründet sein könnte, deren Herrschaftsgebiet sich zwischen 400 und 531 n. Chr. bis in den hiesigen Raum im Maindreieck erstreckte. Ortsnamen mit der Endung -leben sind im heutigen Thüringen in der Gegend um Erfurt sehr verbreitet. Von da führt über Unsleben in der Rhön, Eßleben, Zeuzleben und Ettleben bei Schweinfurt gewissermaßen eine Spur bis nach Güntersleben, dem südlichsten Ort mit diesem Namensbestandteil.

Während die leben-Orte bei Schweinfurt schon im 8. und 9. Jahrhundert auch in schriftlichen Quellen erscheinen, gibt es für Güntersleben noch lange keinerlei Nachweise irgendwelcher Art. Es bleibt allein beim Ortsnamen als zwar plausiblen Hinweis, aber letztlich doch nicht zwingender Beleg dafür, wann Güntersleben als Siedlung entstanden sein könnte.

Gundresleibi und der erste namentlich bekannte Günterslebener

1113 Erste Urkundliche Erwähnung Kopie

1113 Erste Urkundliche Erwähnung

Gewissheit schafft erst eine Urkunde von 1113, in der „Gundresleibi“ zum ersten Mal erwähnt wird. Es geht darin um die Schenkung einer Hofstelle an das Würzburger Kloster St. Stephan. Man wird daraus schließen können, dass das Kloster schon damals wie die nachfolgenden fast 700 Jahre Güntersleben seelsorglich betreute. Vermutlich gab es zu der Zeit auch schon die kleine Kapelle, dem hl. Laurentius geweiht, die sich nach späteren schriftlichen Zeugnissen genau dort befand, wo heute die Festhalle steht. Wo sonst als bei dieser Kapelle, den Dürrbach gleich nebenan, werden sich auch die Häuser und Höfe der Bauern angesiedelt haben, wie es spätere Generationen aus der mündlichen Überlieferung wissen wollten. Schließlich wird in der erwähnten Urkunde auch der Besitzer der übertragenen Hofstelle genannt. Gundram, damaliger Gepflogenheit folgend nur mit dem Vornamen bezeichnet, ist damit der erste Günterslebener, dessen Name uns überliefert ist.

Eine frühe Blütezeit?

Wieviele Einwohner oder Familien in Güntersleben ansässig waren, bleibt uns für damals wie auch für die folgenden Jahrhunderte noch verschlossen.

Wir wissen, dass gegen 1150 ein vom Kloster eingesetzter Dorfverwalter namens Lutold daran ging, sich einen Herrschaftssitz in Güntersleben einzurichten. Nicht unten im Dorf bei den Bauern, sondern des besseren Überblicks halber auf dem Berg. Es entstand daraus die Kirchenburg um die heutige Maternuskirche. Die unteren Geschosse des Kirchturms stammen aus dieser Zeit.

Lutolds Nachkommen aus seinem Geschlecht schafften es nicht, ihre Herrschaft auf Dauer zu festigen. Das Dorf aber entwickelte sich weiter, so dass 1345 die Grundlagen für die Errichtung einer eigenständigen Pfarrei gegeben waren. Wie aus der Gründungsurkunde hervorgeht, war die Kirchenverwaltung in der Lage, einen ansehnlichen Ablösebetrag für die Trennung von der bisherigen Mutterkirche in Veitshöchheim zu bezahlen. Auch ist von Spenden und Opfergaben von Pilgern und Fremden die Rede, die zu St. Maternus nach Güntersleben wallten.

Ein Drittel der Pilgerspenden sollte dem Gotteshaus zu dessen Erhaltung zugutekommen. Es war wohl nicht zu wenig, denn sonst hätte man sich um 1400 nicht an den Bau einer größeren Kirche wagen können. Fertiggestellt wurde davon aber nur der gotische Chor. Als – nach den unteren Turmgeschossen – ältester Teil der heutigen Kirche zeigt er, in welchen ungewöhnlichen Dimensionen für eine Dorfkirche und in welchen finanziellen Größenordnungen man plante. Das alles legt den Schluss nahe, dass Güntersleben, wie groß es auch gewesen sein mag, zu dieser Zeit eine Blütezeit erlebte.

Wenn 1490 ausweislich der Ratschronik der Stadt Würzburg an einer Wallfahrt nach Güntersleben tatsächlich an die 2500 Personen teilgenommen haben sollen, so könnte das ein später Höhepunkt gewesen sein. Jedenfalls blieben dann die Pilger irgendwann aus, die Geldströme ins Dorf versiegten und die Kirche konnte in den geplanten Ausmaßen nicht vollendet werden.

Ob die Ursache oder einer der Gründe dafür der große Dorfbrand von 1510 war, durch den Güntersleben, wie es in einer Bittschrift des Schultheißen an das Kloster heißt, „zu merglichem und verderblichem Schaden kommen“, oder ob der Niedergang auf ein anderes Ereignis zurückzuführen war? Wir wissen es nicht.

Der Schleier über dem Dorf lichtet sich

In den Urkunden, die aus der Zeit bis dahin erhalten sind, werden immer wieder einmal vereinzelt Namen von Personen genannt, wie ein Kirchenpfleger Engelhard, ein Schultheiß Gotze Nithard und andere. Dann aber werden in einem Dokument von 1574 alle Männer und Frauen mit eigenem Hausstand namentlich aufgeführt. Entstanden ist das Schriftstück, als der kurz vorher gewählte Fürstbischof Julius Echter nach Arnstein kam und bei dieser Gelegenheit seine Untertanen aus den Orten des Amtsbezirks zur Erbhuldigung antreten und einen Treueeid auf ihren neuen Landesherrn ablegen mussten. Aus Güntersleben sind „71 Mannschaften und 7 Wittfrauen“ erfasst. Gemeint sind damit die Männer mit Bürgerrecht, in der Regel Familienväter, und die Witwen, die das Bürgerrecht ihrer verstorbenen Ehemänner weiterführten. Da das Erscheinen Pflicht war und nur die fehlen durften, die den Weg nach Arnstein nicht bewältigen konnten, darf man von näherungsweise 90 bis 100 Familien oder 400 bis 500 Einwohnern ausgehen, die Güntersleben damals zählte.

Bestätigt werden diese Annahmen durch das Salbuch von 1594, einer Ortsbeschreibung, die eben dieses Amt Arnstein anfertigte. Dort wird exakt die Zahl von „106 Mannschaften“, also Familien, und „81 Herdstätten und Häuser“ genannt.

1594

Fast zur gleichen Zeit begannen 1592 die Pfarrer damit, einer Anweisung ihrer kirchlichen Obrigkeit folgend, alle Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle in Güntersleben in sogenannten Matrikelbüchern namentlich zu erfassen. Seitdem kennen wir die Dorfbewohner auch mit ihren Namen und ihren wichtigsten Lebensdaten und können mit etwas Glück unsere Vorfahren bis dahin zurückverfolgen.

Zurückgeworfen durch Pest und Krieg

Ohne die gerade erst angelegten Matrikelbücher wüssten wir nicht, dass Güntersleben vor 400 Jahren in kurzer Folge gleich mehrere seine Existenz bedrohende Katastrophen zu überstehen hatte.

1608 wurde das Dorf, vermutlich nicht zum ersten Mal, von der Pest heimgesucht. 38 Menschen starben binnen weniger Monate. Drei Jahre später kehrte die Pest wieder mit noch verheerenderen Folgen und 141 Toten unter den kaum mehr als 500 Einwohnern.

1618 begann der Dreißigjährige Krieg. Dass Güntersleben Schauplatz unmittelbarer kriegerischer Auseinandersetzungen gewesen wäre, ist nicht überliefert. Dass das Dorf gleichwohl nicht von den schlimmen Begleiterscheinungen des Krieges verschont blieb, lässt sich aber auch aus den Matrikelbüchern nachvollziehen. Nachdem die Zahl der Sterbefälle schon in den vorangehenden Jahren deutlich angestiegen war, starben 1632 binnen eines Jahres 132 Menschen, die meisten vermutlich am Hungertyphus. Statt über 100 Familien wie zu Beginn dieses unseligen Jahrhunderts zählte Güntersleben 1640 nur noch 61 Familien. Statt jährlich 25 bis 30 Kinder wurden zwischen 1635 und 1650 in den meisten Jahren weniger als 10 Kinder geboren.

Die Einwohnerzahl dürfte auf kaum mehr als die Hälfte gegenüber früher geschrumpft sein. Das Dorf wurde in seiner Entwicklung praktisch um ein Jahrhundert zurückgeworfen.

1640

Erst nach 100 Jahren wieder erholt

Nach dem Friedensschluss von 1648 ging es auch in Güntersleben wieder aufwärts. Um 1690 war mit rund 100 Familien der Stand vom Beginn des Jahrhunderts wieder erreicht. Als 1698 das Vermögen aller Günterslebener mit Haus- und Grundbesitz in einem sogenannten Schatzungsbuch für Steuerzwecke erfasst und bewertet wurde, zählte man 106 Wohnanwesen. Seit der ersten uns überlieferten Zählung von 1594 waren demnach 25 Anwesen dazugekommen.

1698

Anders als vordem sind die Häuser auch nicht nur summarisch genannt, sondern einzeln mit den Namen der Besitzer aufgeführt. Zur Lagebeschreibung sind jeweils die Besitzer der Nachbaranwesen und dazu in einzelnen Fällen uns noch bekannte Straßennamen wie Westert, Lange Gasse, Kühehaug, Stiegelein, Bachgasse und der Kettenbrunnen angeführt.

Mit diesen Angaben lassen sich für das Jahr 1698 zum ersten Mal die Lage des Dorfes und seine Ausdehnung bestimmen. Nachdem der mutmaßlich anfängliche Standort am Dürrbach spätestens nach dem Dorfbrand von 1510 aufgegeben worden war, findet man die Häuser jetzt fast nur noch in den höher gelegenen Arealen, die wir heute als inneren Kern des Altorts kennen. Das sind die eng bebauten Viertel, die von der inneren Rimparer Straße, der Gramschatzer Straße, der Schönbrunnenstraße und der Zehntgasse umgrenzt werden, sowie zwischen der unteren Neubergstraße und der Würzburger Straße, endend kurz nach der Engelsgasse. Vom Dürrbach hielt man wegen der immer einmal drohenden Überflutungen respektvollen Abstand. So waren die Würzburger und die Rimparer Straße auf der bachzugewandten östlichen Seite nur in der Ortsmitte mit einigen wenigen Häusern bebaut.

Erster Ortsplan und erstes Einwohnerverzeichnis

1740 erstellte Pfarrer P. Gerard Molitor, gemäß einer allgemeinen obrigkeitlichen Anweisung, ein Häuserbuch, dem er einen handgezeichneten Ortsplan voranstellte. Darauf sind, fortlaufend nummeriert, alle bebauten Grundstücke mit ihrem durch Augenschein grob ermittelten Umgriff eingetragen. Auf den folgenden Seiten des Buches sind für jedes Anwesen die darin lebenden Familien mit den einzelnen Familienmitgliedern namentlich aufgelistet.

Aus dem Häuserbuch von Molitor, heute im Diözesanarchiv Würzburg verwahrt, lässt sich ent­nehmen, dass Güntersleben damals 137 Wohnhäuser und 146 Familien zählte. Rechnet man zu den namentlich erfassten Familienmitgliedern die nicht angeführten alleinstehenden Personen hinzu, kommt man auf die Summe von etwa 680 Einwohnern.

1740

Der Vergleich mit den vorangehenden Zahlen zeigt, dass Güntersleben einen außergewöhnlichen Entwicklungsschub erlebt haben muss, der um 1700 eingesetzt hatte. Wo man bis dahin die Hanglagen zum Bauen bevorzugt hatte, wurden jetzt auch die tieferen Lagen entlang der Würzburger und der Rimparer Straße und in der Thüngersheimer Straße für Neubauten genutzt. Das Dorf dehnte sich in alle Richtungen aus. Nur an der Gramschatzer Straße mied man weiter die Nähe des Baches. Verständlich, wenn man sich erinnert, dass dort auch noch in neuerer Zeit das meist so träge Gewässer immer wieder einmal über die Ufer trat.

Nach der Expansion wieder Stagnation

Der Aufwärtstrend war aber nicht von Dauer. Nach dem regelrechten Bauboom im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts kamen in dessen weiteren Verlauf nur noch sechs weitere Häuser hinzu. Die Einwohnerzahl stagnierte und war dazwischen zeitweise wohl sogar rückläufig.

1800

Über die Ursachen dieses Stillstands haben wir keine gesicherten Erkenntnisse. Bekannt ist, dass damals im Gefolge der sogenannten kleinen Eiszeit merklich ungünstigere Witterungsbedingungen für Landwirtschaft und Weinbau herrschten, was in einem Bauerndorf nicht ohne Folgen bleiben konnte. Es gab während dieser Zeit auch immer wieder Jahre mit einer ungewöhnlichen hohen Anzahl von Sterbefällen. 1758 starben in dem kleinen Dorf 58 Menschen jeden Alters, davon 36 binnen drei Monaten. Auch wenn wir weder hier noch in anderen Fällen die Todesursachen kennen, deutet doch alles darauf hin, dass das Dorf in dieser Phase besonders unter wiederkehrenden Epidemien und Seuchen zu leiden hatte. Unabhängig davon, ob zusätzlicher Wohnraum überhaupt gebraucht wurde, fehlten den Menschen jetzt anscheinend über Jahrzehnte auch die Kraft und die Mittel, um neue Häuser zu bauen. 1798 bezeichnet ein zeitgenössischer Autor Güntersleben in der Rückschau als „ein dürftiges Nest“, will aber aktuell doch Anzeichen eines steigenden Wohlstandes gesehen haben.

Mehr Einwohner, aber wenig neuer Wohnraum

Erst nach 1800 kam die Bautätigkeit allmählich wieder in Gang, wenn auch sehr langsam. 1832 wurden im Zuge der bayerischen Landvermessung die Grundstücke und Gebäude zum ersten Mal geometrisch eingemessen und damit der erste maßstabsgetreue Ortsplan erstellt. 154 Wohnhäuser sind darauf eingetragen. Seit Beginn des Jahrhunderts waren demnach nur 11 Neubauten erstellt worden.

Wie sollte man auch bauen, wo das Dorf während der jahrelangen Kriegshändel mit Frankreich immer wieder unter Truppendurchzügen, Einquartierungen, Plünderungen und Kriegstributen zu leiden hatte? Als dann 1815 Napoleon endgültig besiegt war und Frieden einkehrte, schlossen sich nahtlos gleich mehrere Jahre mit Missernten und einer extrem schwierigen Versorgungslage auch in Güntersleben an. Die Menschen hatten andere Sorgen als zu bauen.

Die Bautätigkeit konnte demnach nicht annähernd Schritt halten mit der Entwicklung der Einwohnerzahl, die bis 1832 auf über 900 anstieg. Für die Menschen im Dorf bedeutete das, dass sie enger zusammenrücken mussten.

1832

Es wird wieder gebaut und die Einwohnerzahl steigt weiter

Nachdem die Folgen der Kriegs- und Hungerjahre überwunden waren und die wirtschaftliche Lage sich gebessert hatte, ging man entschlossen daran, den Wohnungsmangel zu beseitigen. Bis 1860 kamen 25 und bis 1914 nochmals knapp 40 neue Wohnhäuser hinzu. Seit etwa 1850 wurden in Güntersleben häufiger auch zweigeschossige Häuser gebaut, die Platz für mehrere Familien boten. Die Bebauung drängte vor allem in der Würzburger und in der Thüngersheimer Straße nach außen.

Die Einwohnerzahl übersprang 1850 die Tausenderschwelle, stieg bis zur Jahrhundertwende auf 1160 und legte bis 1914 nochmals um 100 auf 1260 Personen zu.

1914

Im Blick auf die Zunahme der Geburtenzahlen hätte die Einwohnerzahl eigentlich noch schneller auf einen noch höheren Stand zunehmen müssen. Denn wurden zum Beginn des 19. Jahrhunderts im mehrjährigen Durchschnitt noch unter 30 Kinder geboren, stieg der Durchschnittswert bis 1850 auf mehr als 40 und bis 1870 auf über 50 Geburten im Jahr. 1875 und die Jahre danach wurden sogar jährlich über 60 Kinder geboren, eine Zahl übrigens, die heute trotz mehrfacher Einwohnerzahl fern jeder Reichweite liegt.

Dagegen stand aber nach wie vor eine hohe Kindersterblichkeit. Das ganze 19. Jahrhundert hindurch und bis noch zum Ersten Weltkrieg erlebten in Güntersleben drei von zehn Neugeborenen nicht den Beginn ihres zweiten Lebensjahres. Vier von zehn Kindern starben, bevor sie sechs Jahre alt waren.

Dazu kamen immer wieder Jahre, in denen Epidemien mit ansteckenden Krankheiten grassierten. Für das Jahr 1860 zum Beispiel sind 46 Geburten registriert, aber 69 Sterbefälle, mehr als doppelt so viele wie in anderen Jahren. Typhus und Blattern waren zugleich ausgebrochen und kosteten 28, nahezu ausschließlich erwachsenen, Einwohnern das Leben. Dazu kamen die üblichen Kinderkrankheiten, in diesem Jahr mit fünf Scharlachfällen. Wenn auch nicht mehr auf diesem hohen Niveau, gab es auch nachfolgend immer wieder Jahre mit überdurchschnittlichen Sterberaten. Typhus, dann auch Tuberkulose und bei den Kindern Masernausbrüche blieben eine ständige Bedrohung.

Ein Weiteres darf man nicht übersehen. Das ganze 19. Jahrhundert über zogen mehr Menschen aus Güntersleben weg als – in aller Regel durch Einheirat – zuzogen. Da war nicht nur der Verlust von mindestens 60 Einwohnern, die nach Nordamerika auswanderten. Viele andere, die bei der größeren Zahl von Geschwistern auf dem elterlichen Hof keine Existenz mehr fanden und sich nicht mit einem Taglöhnerdasein zufriedengeben wollten, suchten ihr Glück in der näheren oder ferneren Umgebung, um als Bau- oder Fabrikarbeiter ein besseres Auskommen zu finden.

Wohnungsbau und Einwohnerzuwachs zwischen den Kriegen

In den Kriegsjahren 1914 – 1918 brach die Zahl der Neugeborenen in Güntersleben auf weniger als die Hälfte gegenüber den Vorkriegsjahren ein. 60 Soldaten kamen aus dem Weltkrieg, den man später als den Ersten bezeichnen sollte, nicht mehr zurück. Am Ende des Krieges zählte Güntersleben weniger Einwohner als zu dessen Beginn. Aber nicht lange.

Nach einer Rekordzahl von 28 Eheschließungen im ersten Nachkriegsjahr 1919 – mehr als insgesamt in den vorangegangenen sechs Jahren – normalisierten sich auch die Geburtenzahlen wieder. Bis 1925 gelang es dann auch noch, die Kindersterblichkeit drastisch einzudämmen. Die Einwohnerzahl entwickelte sich kontinuierlich nach oben.

Trotz der schwierigen Wirtschaftslage und inflationär steigenden Kosten wurden schon bald nach dem Krieg wieder Wohnhäuser gebaut. Bis 1925 konnten 25 Neubauten bezogen werden. Damit war der dringendste Bedarf erst einmal gedeckt und das Tempo verlangsamte sich. Die Neubautätigkeit orientierte sich die nächsten Jahre bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs in etwa an der Bevölkerungszunahme. Dabei wuchs das Dorf jetzt nicht mehr nur an der Würzburger und in der Thüngersheimer Straße in den ebenen Lagen nach außen. Zunehmend wurde auch an der Rimparer Steige jenseits der Bachbrücke gebaut. 1939 standen die ersten vier Häuser unterhalb vom Heulenberg an der heutigen Ringstraße.

1939

Wohnungsnot in den letzten Kriegsjahren und nach dem Zweiten Weltkrieg

Von den knapp 1500 Einwohnern, die Güntersleben vor Beginn des Zweiten Weltkriegs zählte, kamen 91 Soldaten von der Front nicht mehr zurück und verloren sechs weitere Ortsbewohner ihr Leben bei Angriffen auf das Dorf.

Seit 1943 und in weit größerer Zahl seit den letzten Kriegswochen kamen Ausgebombte und Vertriebene nach Güntersleben, die bei praktisch unverändertem Gebäudebestand zusätzlich unterzubringen waren. Für zeitweise bis zu 600 Personen wurden Zimmer in den vorhandenen Wohnungen freigeräumt und Notunterkünfte in Dachgeschossen und anderen bis dahin nicht für Wohnzwecke genutzten Teilen von Häusern und Nebengebäuden eingerichtet.

Der Krieg mit seinen Folgen ließ die Einwohnerzahl von Güntersleben binnen kürzester Zeit auf 2000 und mehr hochschnellen.

1947

Wohnraum schaffen

Es dauerte, bis die ersten Evakuierten, vor allem auch die aus dem total zerstörten Würzburg, wieder in ihre Heimatstädte zurückkehren konnten. Manche blieben auch für längere Zeit oder für immer in Güntersleben, wie fast alle aus ihrer Heimat im Osten Vertriebenen.

An eine Rückführung der Einwohnerzahl auf das Vorkriegsniveau und Angleichung an den Wohnungsbestand war daher nicht zu denken. Sie ging bis 1950 nur leicht zurück und verharrte dann das ganze nachfolgende Jahrzehnt bei knapp unter 1900 Personen.

Wieder einmal galt es daher, alle Kräfte zu mobilisieren, um die drückende Wohnungsnot zu beheben. Die Gemeinde sorgte für kostengünstig zu erwerbendes Bauland durch die Erschließung der sogenannten Siedlung entlang der heutigen Ringstraße und ermöglichte das Bauen auch an anderen Ortsrändern.

Schon bald machten sich die ersten Bauwilligen, manche noch nicht lange aus dem Krieg oder aus der Gefangenschaft heimgekehrt, ans Werk. Die allermeisten bewältigten diese Herausforderung, zumal nach der Währungsreform, mit sehr bescheidenen finanziellen Mitteln und überwiegend mit persönlichen Arbeitsleistungen sowie Verwandten- und Nachbarschaftshilfe.

Auf diese Weise wurden in wenig mehr als einem Jahrzehnt 80 neue Wohnhäuser gebaut. Auch wenn bei vielen der Innenausbau und die Ausstattung erst einmal auf das Notwendigste beschränkt waren, konnte man gegen 1960 wieder von einer ausreichenden Wohnraumversorgung in Güntersleben sprechen.

1960

Bauland durch die Flurbereinigung

Die meisten Gemeinden im Umkreis größerer Städte profitierten nach 1960 von dem damals zu beobachtenden Phänomen der Stadtflucht. Verstärkt wurde dieser Trend in Güntersleben durch die Einbeziehung in das Würzburger Nahverkehrssystem und eine Flurbereinigung, die durch die Vorparzellierung von Grundstücken rings um die bestehende Bebauung die Ausweisung neuer Baugebiete erheblich erleichterte. Nachdem die Tallagen weitgehend bebaut waren, wurden jetzt auch die umgebenden Hanglagen bebaut.

Güntersleben erlebte, anhaltend über die folgenden Jahrzehnte, ein bis dahin nicht gekanntes Wachstum. 1970 konnte der 3000. und 1993 der 4000. Einwohner begrüßt werden. In weniger als 40 Jahren hatte sich die Einwohnerzahl mehr als verdoppelt.

2002

Gleichzeitig stiegen die Ansprüche an die Wohnqualität und die Wohnfläche. Die Folge davon war, dass sich der Haus- und Wohnungsbestand im gleichen Zeitraum sogar verdreifachte.

Einwohnerzuwachs durch Neubaugebiet und Einwohnerrückgang im Bestand

Bald nach dem Eintritt in das neue Jahrtausend änderte die bis dahin über viele Jahre nach oben weisende Einwohnerkurve die Richtung. Ende 2002 bei fast 4500 angelangt, sank die Einwohnerzahl danach stetig, um sich dann bei knapp über 4300 zu stabilisieren. Niedrigere Geburtenraten, Wanderungsverluste, der Wegzug junger Menschen, die zum Studium oder danach auf der Suche nach qualifizierteren Arbeitsplätzen ihrem Heimatort den Rücken kehrten, zeigten ihre Wirkung. Gebaut wurde zwar immer noch, aber nicht mehr im gleichen Umfang wie in den Boomzeiten.

Dass nach den Jahren ungebremsten Wachstums eine Beruhigung eintrat, hatte durchaus seine gute Seite. Statt auf die Schaffung zusätzlicher Kapazitäten für immer mehr Einwohner konnte die Gemeinde ihr Augenmerk verstärkt auf die bestehende Infrastruktur richten, um diese, wo nötig zu erneuern und zukunftsfähig auszubauen und weiterzuentwickeln. Tatsächlich ist das auch in großem Stil geschehen.

Nur langsam kehrte sich der Trend wieder zurück zur einmal erreichten Einwohnerzahl. Erwartungen, dass die Erschließung eines größeren Neubaugebiets auf der Platte nach bisherigen Erfahrungen einen größeren Einwohnerschub bringen würden, erfüllten sich jedoch nicht. Das Neubaugebiet wurde zwar binnen weniger Jahre komplett bebaut und wird inzwischen von 240 Personen bewohnt. Gleichzeitig ging aber die Einwohnerzahl in den übrigen Ortsbereichen im Vergleich zum Jahr 2002 in der gleichen Größenordnung zurück.

2020

Seit 2002 vergrößerte sich der Gebäudebestand zwar um 150 neue Wohnhäuser, darunter auch einzelne größere Wohnanlagen. Die Einwohnerzahl ist aber die gleiche geblieben. Wir machen uns immer breiter – zu Lasten der freien Landschaft.

09/2021